erschienen: 23.06.2007 17:16 Uhr
zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 15:20 Uhr
zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 15:20 Uhr
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„Alles gelogen!“
Roger Willemsen klärt uns im Sonntagsgespräch über eine schlichte Wahrheit auf: Die Lüge regiert fast überall!
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Willemsens schlichte Wahrheit: Die Lüge regiert fast überall!
Kay Nietfeld, dpa -
"Am folgenschwersten sind die Kriegslügen."
Gaby Winkler, WDR -
"Es ist sowohl die Inszenierung raffinierter als auch das durchschauende Publikum klüger geworden."
Stefanie Pilick, dpa -
"Dieter Hildebrandt und ich haben den Ehrgeiz, in unserem Bühenprogramm ein paar Lügen aufzudecken."
Mathias Bothor, ZDF -
Roger Willemsens Bühenprogramm gibt es jetzt auch als Hörbuch: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge“.
Jan Woitas, dpa
Bild von
So!: Herr Willemsen, in Ihrem neuen Bühnenprogramm schwadronieren Sie zusammen mit Dieter Hildebrandt lustvoll über die Geschichte der Menschheit und finden dabei nichts als Lügen.
Roger Willemsen: Es geht um unsere Fähigkeiten, uns durch Unwahrheiten die Welt anzueignen: die Lügen des Glaubens, die Lügen der Bibel, die großen politischen Lügen; die grandiosen Lügner, Hochstapler, Täuscher, Plagiatoren. Es geht um Leute, die ihr Geschlecht gefälscht haben, die Kontinente gefälscht haben und natürlich die Frage, wie die Lüge auf die Welt gekommen ist.
So!: Widmen Sie sich ausschließlich den komischen Aspekten der Lüge?
Willemsen: Es gibt auch einen Teil, in dem wir sagen: Schluss mit lustig. Darin kommt natürlich George Bush vor, aber auch die Lügen der Medizin. Das Programm hat auch einen aufklärerischen Impuls. Für mich war der Ausgangpunkt ein Aufsatz von Oscar Wilde: „Der Verfall des Lügens“. Darin bedauert Wilde, dass die Fähigkeit, Fantasie zu entwickeln und Fantastisches zu erdenken, degeneriert.
So!: Welches sind die folgenschwersten Lügen der Menschheitsgeschichte?
Willemsen: Das sind natürlich die Kriegslügen. Aber auch die „konstantinische Schenkung“ ist eine der folgenschwersten Lügen überhaupt: Erst aufgrund einer gefälschten Urkunde ließ sich der Kirchenstaat etablieren. Auch die Gründungsurkunde der Stadt Hamburg ist eine Fälschung. Sie wurde angeblich von Barbarossa ausgefüllt - aber erst 70 Jahre nach dessen Tod! (lacht). Wir haben auch Wissenschaftslügen gefunden: Marco Polo hat zum Beispiel bestimmte Gegenden gar nicht bereist, von denen er behauptet, es getan zu haben. Galileo will ein Experiment mit einer schiefen Ebene gemacht haben. Hat er aber nicht. Das kann man alles nachweisen.
So!: Wird heute differenzierter gelogen?
Willemsen: Die Lüge wird heute viel eher unterstellt. Man hält es für eine gewisse Medienkritik, indem man sagt: Ich erkenne Inszenierungen viel schneller. Es ist sowohl die Inszenierung raffinierter als auch das durchschauende Publikum klüger geworden. Unser Verhältnis zur Welt wird zunehmend ironischer und uneigentlicher. Es ist nicht mehr wichtig, ob der Talkshow-Gast dieses Problem wirklich hat oder ob er es nur fingiert. Als ich anfing, Talkshows zu machen, war das noch der Sündenfall. Eine Existenz wie Tom Kummer, der Interviews fingiert und jetzt
seine Autobiografie geschrieben hat, löste seinerzeit eine Erosion im Zeitungsgeschäft aus. Heute wird offen gelogen.
So!: Bringen Sie in Ihrem Programm auch neue Lügen ans Tageslicht?
Willemsen: Wir haben den Ehrgeiz, ein paar Lügen aufzudecken. Wobei wir hoffen, dass man uns nachweist, dass wir uns irren. Ich weiß zum Beispiel hundertprozentig, dass Prinz Asfa-Wossen Asserate das Buch „Manieren“ nicht selbst geschrieben hat. Aber das komplette Feuilleton verschweigt diese Lüge, weil Herr Enzensberger dieses Buch herausgegeben und die FAZ es vorab gedruckt hat. Asserate nimmt sogar einen Preis entgegen für das beste von einem Ausländer geschriebene Buch in deutscher Sprache! Als Chefaufklärer in Sachen Tom Kummer gerierte sich damals Helmut Markwort. Bei meinen Recherchen erwies sich der Bock allerdings als Gärtner: Aus der Focus-Liste der hundert besten Ärzte war einer schon lange tot und ein anderer saß im Knast, weil er seine Patienten mit Überdosen von Medikamenten versehen hatte. Das Focus-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der Bunten erschienen. Außerdem haben wir ein verfälschtes Mitterand-Interview aufgedeckt.
So!: Kann man Lügen wissenschaftlich nachweisen?
Willemsen: Es gibt ein interessantes Experiment, bei dem Krankenschwestern wunderschöne Landschaftsbilder beschreiben sollten. Anschließend wurden die Bilder ausgetauscht und man zeigte Verbrennungsopfer, die Krankenschwestern sollten jedoch weiter die schönen Landschaften beschreiben. Auf diese Weise hat man herausgefunden, dass man in den Mikrobewegungen eines Gesichtes das Lügen erkennen kann. Würden wir in Zeitlupe leben, könnten wir demnach nicht mehr lügen. Das Lügen ist also auch der Geschwindigkeit und der Betrachtung geschuldet.
So!: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“, der Titel Ihres Bühnenprogramms, ist ein Zitat Uwe Barschels. Er sagte dies kurz vor seinem Rücktritt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Haben die Politiker in Deutschland aus dieser dreisten Lüge etwas gelernt?
Willemsen: Barschels Lüge ist in mancherlei Hinsicht die unverfrorenste. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch Roland Koch. Der „brutalstmögliche Aufklärer“ hatte behauptet, es wären keine illegalen Parteispenden auf den Konten der CDU in Hessen verbucht worden. Später musste er aber zugeben, es sei eine Dummheit gewesen, dass er nicht sofort gestanden habe. Auch Helmut Kohl hätte damals die Möglichkeit gehabt, mit einem einzigen Wort zuzugeben, dass er Parteispenden erhalten habe. Die Wahrheit war: Ja. So simpel ist das.
INTERVIEW: OLAF NEUMANN
HÖRBUCH-TIPP
Das Bühnenprogramm gibt’s jetzt auch als Hörbuch: Dieter Hildebrandt/Roger Willemsen „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge“, Randomhouse, 2 Audio-CDs, ISBN: 978-3-86604-674-0, 19,95 Euro, Buchausgabe im August bei Fischer
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