» zur Übersicht Dossiers
    
    
Artikel
 
    
 
Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   

SO! - DIE FRANKENPOST ZUM SONNTAG
„Alles gelogen!“

Roger Willemsen klärt uns im Sonntagsgespräch über eine schlichte Wahrheit auf: Die Lüge regiert fast überall!
  • Roger Willemsen Willemsens schlichte Wahrheit: Die Lüge regiert fast überall!
    Kay Nietfeld, dpa
  • Roger Willemsen "Am folgenschwersten sind die Kriegslügen."
    Gaby Winkler, WDR
  • Roger Willemsen "Es ist sowohl die Inszenierung raffinierter als auch das durchschauende Publikum klüger geworden."
    Stefanie Pilick, dpa
  • Roger Willemsen "Dieter Hildebrandt und ich haben den Ehrgeiz, in unserem Bühenprogramm ein paar Lügen aufzudecken."
    Mathias Bothor, ZDF
  • Roger Willemsen Roger Willemsens Bühenprogramm gibt es jetzt auch als Hörbuch: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge“.
    Jan Woitas, dpa
Bild von
So!: Herr Willemsen, in Ihrem neuen Bühnenprogramm schwadronieren Sie zusammen mit Dieter Hildebrandt lustvoll über die Geschichte der Menschheit und finden dabei nichts als Lügen.
 
Roger Willemsen: Es geht um unsere Fähigkeiten, uns durch Unwahrheiten die Welt anzueignen: die Lügen des Glaubens, die Lügen der Bibel, die großen politischen Lügen; die grandiosen Lügner,  Hochstapler, Täuscher, Plagiatoren. Es geht um Leute, die ihr Geschlecht gefälscht haben, die Kontinente gefälscht haben und natürlich die Frage, wie die Lüge auf die Welt gekommen ist.
 
So!: Widmen Sie sich ausschließlich den komischen Aspekten der Lüge?
 
Willemsen: Es gibt auch einen Teil, in dem wir sagen: Schluss mit lustig. Darin kommt natürlich George Bush vor, aber auch die Lügen der Medizin. Das Programm hat auch einen aufklärerischen Impuls. Für mich war der  Ausgangpunkt ein Aufsatz von Oscar Wilde: „Der Verfall des Lügens“. Darin bedauert Wilde, dass die Fähigkeit, Fantasie zu entwickeln und Fantastisches zu erdenken, degeneriert.
 
So!: Welches sind die folgenschwersten Lügen der Menschheitsgeschichte?
 
Willemsen: Das sind natürlich die Kriegslügen. Aber auch die „konstantinische Schenkung“ ist eine der folgenschwersten Lügen überhaupt: Erst aufgrund einer gefälschten Urkunde ließ sich der Kirchenstaat etablieren. Auch die Gründungsurkunde der Stadt Hamburg ist eine Fälschung. Sie wurde angeblich von Barbarossa ausgefüllt - aber erst 70 Jahre nach dessen Tod! (lacht). Wir haben auch Wissenschaftslügen gefunden: Marco Polo hat zum Beispiel bestimmte Gegenden gar nicht bereist, von denen er behauptet, es getan zu haben. Galileo will ein Experiment mit einer schiefen Ebene gemacht haben. Hat er aber nicht. Das kann man alles nachweisen.
 
So!: Wird heute differenzierter gelogen?
 
Willemsen: Die Lüge wird heute viel eher unterstellt. Man hält es für eine gewisse Medienkritik, indem man sagt: Ich erkenne Inszenierungen viel schneller. Es ist sowohl die Inszenierung raffinierter als auch das durchschauende Publikum klüger geworden. Unser Verhältnis zur Welt wird zunehmend ironischer und uneigentlicher. Es ist nicht mehr wichtig, ob der Talkshow-Gast dieses Problem wirklich hat oder ob er es nur fingiert. Als ich anfing, Talkshows zu machen, war das noch der Sündenfall. Eine Existenz wie Tom Kummer, der Interviews fingiert und jetzt
seine Autobiografie geschrieben hat, löste seinerzeit eine Erosion im  Zeitungsgeschäft aus. Heute wird offen gelogen.
 
So!:  Bringen Sie in Ihrem Programm auch neue Lügen ans Tageslicht?
 
Willemsen: Wir haben den Ehrgeiz, ein paar Lügen aufzudecken. Wobei wir hoffen, dass man uns nachweist, dass wir uns irren. Ich weiß zum Beispiel hundertprozentig, dass Prinz Asfa-Wossen Asserate das Buch „Manieren“ nicht selbst geschrieben hat. Aber das komplette Feuilleton verschweigt diese Lüge, weil Herr Enzensberger dieses Buch herausgegeben und die FAZ es vorab gedruckt hat. Asserate nimmt sogar einen Preis entgegen für das beste von einem Ausländer geschriebene Buch in deutscher Sprache! Als Chefaufklärer in Sachen Tom Kummer gerierte sich damals Helmut Markwort. Bei meinen Recherchen erwies sich der Bock allerdings als Gärtner: Aus der Focus-Liste der hundert besten Ärzte war einer schon lange tot und ein anderer saß im Knast, weil er seine Patienten mit Überdosen von Medikamenten versehen hatte. Das Focus-Interview, das Markwort mit Ernst Jünger geführt haben will, war schon zwei Jahre zuvor in der Bunten erschienen. Außerdem haben wir ein verfälschtes Mitterand-Interview aufgedeckt.
 
So!: Kann man Lügen wissenschaftlich nachweisen?
 
Willemsen: Es gibt ein interessantes Experiment, bei dem Krankenschwestern wunderschöne Landschaftsbilder beschreiben sollten. Anschließend wurden die Bilder ausgetauscht und man zeigte Verbrennungsopfer, die Krankenschwestern sollten jedoch weiter die schönen Landschaften beschreiben. Auf diese Weise hat man herausgefunden, dass man in den Mikrobewegungen eines Gesichtes das Lügen erkennen kann. Würden wir in Zeitlupe leben, könnten wir demnach nicht mehr lügen. Das Lügen ist also auch der Geschwindigkeit und der Betrachtung geschuldet.
 
So!: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“, der Titel Ihres Bühnenprogramms, ist ein Zitat Uwe Barschels. Er sagte dies kurz vor seinem Rücktritt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Haben die Politiker in Deutschland aus dieser dreisten Lüge etwas gelernt?
 
Willemsen: Barschels Lüge ist in mancherlei Hinsicht die unverfrorenste. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch Roland Koch. Der „brutalstmögliche Aufklärer“ hatte behauptet, es wären keine illegalen Parteispenden auf den Konten der CDU in Hessen verbucht worden. Später musste er aber  zugeben, es sei eine Dummheit gewesen, dass er nicht sofort gestanden habe. Auch Helmut Kohl hätte damals die Möglichkeit gehabt, mit einem einzigen Wort  zuzugeben, dass er Parteispenden erhalten habe. Die Wahrheit war: Ja. So simpel ist das.
 
INTERVIEW: OLAF NEUMANN
 
HÖRBUCH-TIPP
 
Das Bühnenprogramm gibt’s jetzt auch als Hörbuch: Dieter Hildebrandt/Roger Willemsen „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge“, Randomhouse, 2 Audio-CDs, ISBN: 978-3-86604-674-0, 19,95 Euro, Buchausgabe im August bei Fischer
    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • Twitter
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Ȇbersicht Dossiers

bezahlter Premium-Artikel
Premium-Artikel

Der Anfang vom Ende des NSU

7. September 2011: An diesem Tag überfielen die mutmaßlichen Rechtsterroristen Böhnhardt und Mundlos eine Sparkasse in Arnstadt. Die Polizei erkannte hier ein entscheidendes Tatmuster. »mehr
    
    

NSU-Prozess biegt auf die Zielgerade ein

Die NSU-Banküberfälle sind der letzte große Komplex beim Verfahren in München. Der Mammutprozess könnte binnen eines Jah... »mehr
    
 
    

Zschäpes Verteidiger kritisieren Ermittlungsmethod...

Die Verteidiger von Beate Zschäpe wollen, dass das Gericht im NSU-Prozess mehrere Beweise ignoriert. Ihr Vorwurf: Die Er... »mehr
    
 
    

Gericht streicht wegen Gesundheitsproblemen Zschäp...

München - Wegen der angeschlagenen Gesundheit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe hat das Oberlandesgericht München im NS... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    
    
    

Machu Picchu - ein Traum über den Wolken 

Mehr als 30.000 Stufen führen ins Reich der Inka. Frankenpost-Redakteurin Peggy Biczysko erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch, den sie eigentlich mit Ehemann Chap verwirklichen wollte. In vier Tagen wandert sie nun zusammen mit Patenkind Shirley auf dem Inkatrail. Täglich geht es über viele Stunden steil bergauf und ebenso steil bergab. »mehr
    
    

Prospekte aus der Region

Leserreisen 2015
    
Anzeige
    

Magazine

Wirtschaftsnews Oberfranken Dezember 2014
Selb erleben März 2015
Theaterzeitung Hof März 2015
Azubi 2015
Volkshochschule Marktredwitz Kursangebote
Volkshochschule Kursangebote Gesundheit
Volkshochschule Kursangebote Beruf und Karriere
Volkshochschule Hof Programmheft
Jahresrückblick Münchberg und Naila
Jahresrückblick Kulmbach 2014
Jahresrückblick Hof und Rehau 2014
Jahresrückblick Fichtelgebirge
Freizeitmagazin Fichtelgebirge 2015
Neubürger Hof
Theaterzeitung November 2015
Bauen und Wohnen November 2014
Senioren Zeitung November 2014
Ballzeitung
Treffpunkt Klinikum
Hochzeitsmagazin 2014/2015
Pflege und Gesundheitsmagazin Oktober 2014
Ärztegenossenschaft Hocfranken 2014
Frankenreiter Oktober 2014
Seniorenzeitung
Wirtschaftsnews Oberfranken August 2014
Berufskompass 2014 2015
Wandern im Fichtelgebirge 2014
Trauer-Ratgeber-Oberfranken
AOK-Gesundheitsführer 2014
Erlebnismagazin Hof 18.04.2014
    
Anzeige
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    


    
Zur Kinderzeitung

Auf der Suche nach der Mitte

Ja, wo ist er denn, der Mittelpunkt von Deutschland? Vielleicht hier? Oder doch eher dort? Forscher sind sich nicht einig, wo genau die Mitte von Deutschland liegt. Denn das hängt davon ab, wie man danach sucht. »mehr
    
    
Leseranwalt

Die Sache mit dem Streit am Bau

Frage des Tages
Streit noch während der Bauphase kommt gar nicht so selten vor. Wie kann der Bauherr seine Rechte absichern? »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Börseninformationen