erschienen: 08.09.2007 13:50 Uhr
zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 15:19 Uhr
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„Frauen meckern nicht so viel“
Seit 1989 eilt die Fußballnationalmannschaft der Frauen von Erfolg zu Erfolg. Jetzt will sie einen weiteren bei der Weltmeisterschaft in China hinzufügen. Das Sonntagsgespräch mit Bundestrainerin Silvia Neid über Publikum, Vergleiche mit den männlichen Kollegen, Nachwuchs und die anstehende WM in China.
So!: Frau Neid, laut einer Studie von 2006 interessieren sich hierzulande knapp 60 Prozent der Frauen für Fußball. Gibt es auch Männer, die sich für Frauenfußball interessieren?
Sylvia Neid: Aber sicher. Bei Männern ab 60 gibt es sogar eine gewisse Häufung.
So!: Wegen der hübschen Beine?
Neid: Nein, weil die Spiele der Fußballfrauen am Nachmittag übertragen werden. Die Berufstätigen können da nicht fernsehen. Insgesamt sind die Zuschauer zur Hälfte Männer und zur Hälfte Frauen.
So!: In den Stadien auch?
Neid: Dort haben wir viele Familien. Wenn Sie bei einem Spiel von uns auf die Tribünen schauen, dann sehen Sie dort einen Querschnitt durch die Bevölkerung.
So!: Wodurch unterscheidet sich denn Frauenfußball vom Männerfußball?
Neid: Fußball bleibt Fußball – egal, wer ihn ausübt. Nur die Akteure können sich unterscheiden. Der Unterschied, den Sie meinen, ist biologisch bedingt. Männer haben gegenüber Frauen von Natur aus Vorteile in Bereichen wie Kraft, Größe oder Schnelligkeit.
So!: Gibt es denn Unterschiede in der Spielweise oder der Haltung?
Neid: Im Prinzip nicht. Wir haben dieselben taktischen Ziele: Den Raum enger machen, den Ball erlaufen, schnell von Verteidigung auf Angriff umschalten und natürlich Tore schießen. Der Unterschied ist: Männer können Pässe über 70 Meter schlagen, Frauen über 50 Meter. Daher können sie das Mittelfeld nicht so schnell überbrücken, brauchen eine Zwischenstation mehr. Das muss man im Spielaufbau berücksichtigen.
So!: Wie ist es mit Fairness und Härte?
Neid: Kein Unterschied. Obwohl: Bei Schiedsrichterentscheidungen meckern Frauen nicht so viel. Ansonsten sind sie genauso ehrgeizig wie die Männer auch.
So!: Ist die Härte der Männer ein Maß, ein Vorbild?
Neid: Im Frauenfußball ist es heute unabdingbar, körperbetont zu spielen. Aber ich bin aus taktischen Gründen nicht so fürs Tackling und Reingrätschen. Denn wenn man mal unten ist, und es hat nicht geklappt, dann ist der Ball weg. Von daher schätze ich spielintelligente Spielerinnen, die auf Grund ihres Spielverständnisses und ihrer läuferischen Fähigkeiten Defensivaufgaben lösen können.
So!: Gehen Frauen anders mit ihrem Körper um?
Neid: Nein.
So!: Sie haben sich beklagt, dass der Frauenfußball noch nicht genügend anerkannt sei…
Neid: Das muss aber schon eine ganze Weile her sein. Da hat sich viel getan. Nicht zuletzt ist DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger ein großer Förderer des Frauenfußballs.
So!: Dann gibt es auch entsprechend Nachwuchs?
Neid: Ja! Interessanter Weise gab es eine Nachwuchswelle auch nach der Männer-WM 2006. Das ist nicht mehr eine Sache des Geschlechts. Die Mädchen werden auch durch die Männer motiviert. Der Frauenfußball ist das am stärksten wachsende Segment im deutschen Fußball. Wir hatten bei den Mädchen jährliche Zuwachsraten von 20 Prozent. Mittlerweile sind in Deutschland 6292 Mädchen- und 4265 Frauen-Mannschaften im Spielbetrieb gemeldet.
So!: Wie sehen Sie die deutschen Chancen in China bei der WM?
Neid: Es wird schwerer als 2003, weil wir diesmal als Titelverteidiger hinfahren. 2003 hat ja keiner mit uns gerechnet. Wir wollen uns auf jeden Fall bei der WM für Olympia qualifizieren. Dann wollen wir das Finale erreichen und natürlich auch gewinnen. Aber das ist ein langer Weg mit vielen Stufen.
So!: Die Männer-WM hat das Selbstverständnis der Deutschen verändert. Erwarten Sie das von der Frauen-WM auch?
Neid: Sicher nicht. Die Männer-WM war hier, ganz nah und zu den besten Sendezeiten. China ist weit weg und durch die Zeitverschiebung werden die Spiele hier am frühen Nachmittag gezeigt. Wer berufstätig ist, wird die WM kaum live verfolgen können, nur über die Zusammenfassungen in den Nachrichten. Das ist etwas ganz anderes. Natürlich hängt es auch vom Erfolg ab. Wenn man früh ausscheidet, ist die Aufmerksamkeit viel niedriger.
INTERVIEW: MARTIN FÜTTERER
KURZ & KNAPP
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Silvia Neid ist eine von Deutschlands erfolgreichsten Fußballspielerinnen. 1964 geboren, spielte sie von 1982 bis 1996 einhundertelf Länderspiele für Deutschland und schoss dabei 48 Tore. Dann assistierte sie bis 2005 der damaligen Bundestrainerin Tina Theune-Meyer und wurde 2003 mit der Mannschaft Weltmeisterin und 2005 Europameisterin. 2005 übernahm sie die Mannschaft als Bundestrainerin und steht nun vor ihrer größten Bewährungsprobe – der Fußballweltmeisterschaft der Frauen in China vom 10. bis 30. September.
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