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Zwei Provokateure und Filmpreis-Träger

  • fpku_achternbusch1_3sp_2710 Herbert Achternbusch Foto: dpa
     
  • fpku_Schlingensief_2sp_2710 Christoph Schlingensief PR
     
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„Heut hab ich noch gar nicht über die katholische Kirche gelästert“, stellt Herbert Achternbusch beim gemütlichen Spaziergang durch einen Obstgarten fest. „Da hab ich wohl gut geschlafen, denn die katholische Kirche ist mein Albtraum.“ Nein, leise und brav ist er nicht geworden im Alter, der Filmemacher, Schriftsteller und Maler, der im November 70 Jahre alt wird. Andi Niessner, der für Achternbusch als Aufnahmeleiter arbeitete, hat aus diesem Anlass ein Porträt über ihn gedreht mit dem schlichten Titel: „Achternbusch“ – im Auftrag des Bayerischen Rundfunks, der Achternbusch nicht immer so gewogen war. Die Zeiten ändern sich, und wir vereinnahmen bereitwillig auch unsere bittersten Gegner von vormals.

Wie groß war dereinst die Aufregung um ihn, gerade im heimischen Bayern, seiner Hassliebe. „In Bayern will ich nicht einmal begraben sein“, lässt er eine Filmfigur tippen und vorlesen – und stellt zu solchen Provokationen im Gespräch fest, dass erst die Übertragung einer gut bayerischen Tirade ins Hochdeutsche sie so gefährlich klingen lässt. Brechts V-Effekt ist von kaum jemandem so kongenial umgesetzt worden wie von Achternbusch. Und als gefährlich wurde er angesehen, oh ja – „Das Gespenst“ wurde 1982, höchst selten angewandtes Fallbeil der Zensur, sogar mit einem Aufführungsverbot belegt, wegen Blasphemie.

Über Achternbuschs Arbeitsweise und seine Sicht auf Kunst und Welt erfahren wir viel in Niessners Film, aber auch über den privaten Menschen, seine Kindheit, seine Liebe(n). Niessner begleitet ihn auf Spaziergängen durch die Münchner Altstadt und den Zoo, und er interviewt Kinder und Weggefährten. Ein lebendiges Porträt entsteht so – dem Meister selbst wäre es mutmaßlich zu brav; aber, nicht frei von Widersprüchen, Brüchen und Lücken, könnte es ihm durchaus gerecht werden.

Christoph Schlingensief mag man durchaus Achternbuschs Nachfolger als liebstes enfant terrible der deutschen Kulturszene nennen. Beide sind Träger des Filmpreises der Stadt Hof; Schlingensief ist, noch mehr als Achternbusch, ein Stammgast der Filmtage, auch ohne Film fast jedes Mal dabei.

Just in diesem Jahr, zur Präsentation von „Christoph Schlingensief – Die Piloten“, Cordula Kablitz-Posts Dokumentation über eines seiner jüngeren Projekte, fehlte er. Am Samstag feierte er seinen 48. Geburtstag, als eine Art Wiedergeburt: Er hat eine Krebs-OP erfolgreich überstanden.

Noch kurz vor der Krebs-Diagnose entstand „Die Piloten“. So heißen Nullnummern neuer TV-Formate, und Schlingensief inszeniert eine Talkshow, vielmehr: die Subversion einer Talkshow. Wie einst Achternbusch im „Bierkampf“, lässt sich der Provokateur da schlimmstenfalls auch von aufgebrachten Gästen verprügeln.

Meist aber ficht Schlingensief wie Achternbusch mit Worten, oder mit Aktionen unbestimmter Sinnhaftigkeit. Wenn der Regisseur Oskar Roehler in einer Pause mit tiefem Ernst Schlingensiefs gerade ausgebreitetes Augenproblem diskutiert; wenn Fernsehpfarrer Fliege sich im Gespräch mit einem Behinderten im typischen Mitfühl-Salbader verliert – dann entfaltet Schlingensiefs Provokation tatsächlich eine enthüllende, aufklärerische Wirkung.

Aber der Einbruch der Wirklichkeit trifft selbst den Spieler mit der Manipulation. Schlingensiefs Vater liegt im Sterben, er macht das in einer letzten ‚Sendung‘ zum großen Thema und bricht die Reihe dann ab. In einer Nachklapp-Veranstaltung wird er im Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Boris Groys seine Scham über diesen Exhibitionismus bekennen.

Nicht erst da wird Kablitz-Posts Doku selbstreflexiv. Schließlich ist sie die offizielle Begleitung eines Projektes, das der Form nach Fernsehaufzeichnung ist, während das Material tatsächlich einzig der Dokumentation dient: viel Stoff darin zum Nachdenken, auf vielen Ebenen. Arne Thomsen

    
    

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