zuletzt bearbeitet: 18.02.2011 13:03 Uhr
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Ein Leben und dann noch eins
Deutschland | Männer in den besten Jahren – das Ende sehen, Hoffnung schöpfen.
Aus der Schweiz kommt der Regisseur, der den Filmtagen das zukunftsträchtigste Kompliment macht. Nachdem Moritz Gerber für sein erfrischendes Debüt „Tag am Meer“ drei Mal viel Beifall aus vollem Haus hat entgegennehmen dürfen, rühmt er: „Hof ist ein wunderbarer Kreißsaal für den Film, und Sie, das Publikum, sind die besten Hebammen, die man sich wünschen kann.“ Dabei geraten Produktionen wie die seine oft zur schweren Geburt – erfreulich, dass der deutsche und deutschsprachige Film trotz Schmerzen, gelegentlicher Verkrampfungen oder Durchhänger dennoch wieder etliche originelle, schlüssige, bewegende Früchte trug. Viel Regie-Nachwuchs tummelt sich, der das Handwerk beherrscht.
Erst recht verstehen’s Meister in den besten Jahren wie Christian Petzold (Jahrgang 1960). Als ausgereifter Könner demonstriert er, wie wenig Aufputz Schauplätze und Figuren, Dialoge und überhaupt die Handlung brauchen, um für eine fesselnde, beklemmende, bezwingende Geschichte zu taugen. Eine Dreiecksgeschichte erzählt Petzold in „Jerichow“ – auf lapidarste Art. Ein reicher türkischer Geschäftsmann, zwischen Wald und Feldern Sachsen-Anhalts, engagiert einen jüngst entlassenen Soldaten als Fahrer, der sich alsbald der schönen, zu jungen Frau des Chefs annimmt.
An berühmte US-Vorbilder – „Die Rechnung ohne den Wirt“, „Wenn der Postmann zwei Mal klingelt“ – erinnern die Handlung und ihre Zwangsläufigkeit. Doch reduzierte der Regisseur den Plot so konsequent aufs archaische Grundmuster, dass ihm zeitlos die Urbildlich- und Beispielhaftigkeit eines ersten Sündenfalls zukommt. Auch in der Dramaturgie spiegelt sich die Einsilbigkeit der Figuren wider, in den nüchternen Ausschnitts-Bildern, die sich vor allem auf die Figuren (Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer) konzentrieren: Kaum ein paar Tage und Nächte scheinen sie miteinander zu verbringen, wie abseits der Zivilisation, dazu ein paar Stunden am Meer, an einer Steilküste, über die all ihre bösen und schönen Träume von Zukunft abstürzen.
Ähnliches Fingerspitzengefühl für Gemütskonstellationen wünschte man dem siebzehn Jahre älteren Michael Klier auch. Doch sucht man in seiner ironischen Tragödie „Alter und Schönheit“ dergleichen vergebens. Drei Freunde in den gar nicht so guten „besten Jahren“ schickt der Regisseur zu einem vierten – ins Sterbehospiz. Klier könnte, mit Akteuren wie den Herren Hübchen, Rohde, Klaußner, Männer um die fünfzig zeigen, vom Leben angekratzt, denen die Gewissenspflicht, den verfrühten Tod ihres Kumpels abzuwarten, das rechte Wort raubt, aber nicht den Sarkasmus. Er zeigt aber bloß Langweiler, die viele leere Worte machen und ein bisschen Quatsch.
„Im nächsten Leben mach ich alles anders“, nimmt sich Polizeireporter Kerber – in Marco Mittelstaedts „Im nächsten Leben“ – vor. Dabei begann für den gewesenen DDR-Starschreiber jene zweite Auflage seiner Wirksamkeit schon längst, nach der Wende. Nun sind für ihn, als Mann und Autor, die besten Jahre vorbei. Ein „Riese“, eine Supergeschichte, scheint ihm zu winken, als in einer ostdeutschen „Region ohne Zukunft“ ein Mädchen spurlos verschwindet. Auf der Suche nach ihm findet er, streitend, fallend, sinkend, einen Weg zur eigenen erwachsenen Tochter – einen Weg zurück.
Subtil verknüpft der Regisseur eine private Vergangenheit mit jener der brüchereichen Einheits-Republik, ohne überflüssige Worte, mit menschlichem Verständnis. Das weckt namentlich der grandios einfache Edgar Selge in der Rolle des überholten Journalisten und überforderten Vaters. Für seine Zeitungsberichte wünscht er sich ein „harmonisches Ende“, das Spuren von „Hoffnung“ weckt. Die wird ihm schließlich selber zuteil für das Stück Zukunft, das ihm verbleibt.
Michael Thumser
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