zuletzt bearbeitet: 24.03.2011 14:01 Uhr
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Die Welt allein ist nicht genug
Aus Deutschland | Drei Engel frönen dem Laster. Drei jugendliche Satanisten planen den Untergang. Und eine Mannschaft von Greenpeace versucht, ihn zu verhindern.
"Hauptsache, es passiert was. Irgendwas", wünschen sich die "Engel mit schmutzigen Flügeln" in Roland Rebers Motorrad-Roadmovie. Irgendwas? Oft lässt sich, was auf der Kinoleinwand passiert, nicht eindeutig unterscheiden voneinander: Zeigen die Bilder Ab-Bilder der Wirklichkeit? Oder etwas, das im Kopf geschieht? Sind sie fiktiv - erfunden, erdichtet? Oder fingiert - erstunken und erlogen? Projizieren sie eine paradiesische, eine höllische Parallelwelt? Was ist das, was im Kino zu sehen ist?
"Ich sehe was, was du nicht siehst", pflegen Kinder sich beim Spielen vorzugaukeln. Dem jungen Anton geht es ähnlich: Er trifft, während eines Atlantikurlaubs mit seiner Mutter und deren Freund, zwei seltsame Geschwister. David, unerschrocken dem Leben und jedem Angriff gegenüber, wird sein Wunschheld; Katja, die kühle Schöne, seine Traummädchen. Doch das Paar scheint ein "dunkles Geheimnis" zu teilen, ein teuflisches gar, in das sie David hineinziehen, mit tödlichen Folgen.
Einer Isolation spürt Wolfgang Fischer in "Was du nicht siehst" nach, einer Verschiebung der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung. Prätentiös tut er's, aber mit reichlich stiller Spannung und psychologisch doppeldeutig. Denn David und Katja, morbid zur Gewissen- und Grausamkeit bereit, existieren wohl nur als Imaginationen im Geist eines spätpubertären Sohnes, der sich verlassen, ohne Vater und Vorbild fühlt. Am Übergang zwischen Tat und Stillstand, Gut und Böse, zwischen Land und Meer spielt sich jene Verstörung ab, an einer Grenze zwischen Hirngespinst und Handgreiflichkeit, die kein Hindernis ist und darum eine Gefahr.
Mit dem Teufel paktieren auch Richy, Tim und Marco. Hauptsache, es passiert irgendwas - weil so gar nichts geschieht in ihrem Kaff. Also lassen sie sich aufs sogenannte Böse ein, treffen sich heimlich zu Séancen - und stehen, wenig später, buchstäblich am Abgrund, bereit zum Todessprung. Denn rasch haben die satanischen Machtfantasien der drei, genährt von ihren noch kindlichen Unterlegenheitsgefühlen, einen unentrinnbaren Sog entfaltet. "Wenn die Welt uns gehört", dann wollen die drei, in Luzifers Dienst, ein Reich der Finsternis aufrichten, ohne "Schwächlinge"; zuvor aber müssen die Engel des Untergangs selbst sterben, sollen sie als "Auserwählte" auferstehen.
Ein langsamer, auch arg langatmiger, dramaturgisch nicht recht runder Film; gleichwohl verdient er Interesse, weil sich Judith Keil und Antje Kruska ("Der Glanz von Berlin") darin auf wahre Vorfälle beziehen. Die Welt ist nicht genug: Wie "Parallelwelten" entstehen und in welche Akte der Verblendung ihre trivialen Labyrinthe münden können, vollziehen die Regisseurinnen nach. Zugleich verbirgt sich in ihrem Film über den Hass einer über die Sehnsucht, über die Suche nach Freundschaft und versuchte Liebe.
Auch die gefallenen "Engel mit schmutzigen Flügeln" des eingangs erwähnten Roland Reber sehnen sich nach einem Paradies ohne Moral. Zu dritt kurven sie auf ihren Maschinen durch fast menschenleeres Land. Am Baggersee und im Bordell schauen zwei von ihnen der dritten, die sich erst "beweisen" muss, bei "Lust und Laster" zu. Das will satirisch, parodistisch, anstößig sein - und steckt nur voller hilflosen Geredes, peinlicher Pointen und todlangweiliger Porno-Imitate. "Ich ficke, also bin ich" ... Schön wär's. Doch zum Werden und zum Sein gehört wohl noch ein bisschen mehr.
Zu Schutzengel taugen, auch wenn sie's selber nüchterner sehen, die bunt zusammengewürfelten Greenpeace-Aktivisten an Bord der Esperanza, die sich zur "Jagdzeit" auf die Spur der japanischen Walfangflotte setzen, um sie bei ihrem grausamen Geschäft zu stören. Nicole Leykauf, die aus Hof stammt, produzierte Angela Graas' melancholische, zugleich herb-schöne Reportage aus dem antarktischen Schutzgebiet. Keine pathetischen Gutmenschen verherrlicht die Regisseurin, sondern porträtiert "professionelle Optimisten", die wissen, wie wenig sie ausrichten. Wichtig ist ihnen, dass überhaupt irgendwas passiert. Offen sprechen sie von Antrieben und Enttäuschungen, von Ängsten auch. Die Hoffnung - Esperanza - geben sie nicht auf, auch wenn sie nicht wie Sieger aussehen. "Ich versuche", sagt bei rauer See einer am Computer, "nicht auf die Tastatur zu kotzen - das Leben eines Helden."
Michael Thumser
Weitere Infos unter: www.hofer-filmtage.de.
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