» zur Übersicht Interview
    
    
Artikel
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
„Wir können auch heute die Welt verändern“

Sie ist die Ikone des politischen Folk-Songs und eine Legende der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: Joan Baez. Sie war die Freundin von Bob Dylan und die Wegbegleiterin von Dr. Martin Luther King jr.. Sie sang für den Frieden - in Woodstock, aber auch in Hanoi und Sarajewo. Ein Sonntagsgespräch mit der 69-jährigen Sängerin über nostalgische Gefühle, die Herausforderungen der Zukunft und die frische Kraft von alten Liedern.

  • Joan Baez Joan Baez, die Grande Dame der amerikanischen Folkmusik, kommt im Februar und März zu Konzerten nach Deutschland.
    pr
  • Bob Dylan Für Bob Dylan hat Joan Baez den Weg zum Starruhm geebnet. Ihre Liaison in den Sechzigern dauerte nur wenige Monate.
    dpa-Archiv
  • Martin Luther King Unvergessen: der Vater der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, Dr. Martin Luther King jr..
    dpa-Archiv
  • Martin Luther King "I have a dream": Vor über 100.000 Menschen hielt Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington seine berühmteste Rede. Joan Baez stand während des historischen Ereignisses neben ihm auf dem Podium.
    dpa-Archiv
  • Joan Baez "Ich war bei vielen wichtigen Ereignissen dabei. Aber ich habe diesem Engagement nicht mein Leben geopfert. Im Gegenteil: Ich wurde geboren, um genau das zu tun."
    Matthias Hiekel, dpa
  • Joan Baez "'Mom' - das ist der beste Name von allen."
    H. Fearn, dpa
  • Joan Baez "Die reinen Nostalgie-Auftritte, die man so oft sieht, widern mich an. Ein Konzert nur auf dem Aufwärmen dieser alten Gefühle aufzubauen, das finde ich irgendwie geschmacklos."
    Matthias Hiekel, dpa
  • Joan Baez "Ich versuche immer, die Gegenwart zu betrachten und auf dem Laufenden zu bleiben. Allein das ist schon gar nicht so leicht."
    Kerim Okten, dpa
  • Joan Baez ,,,We Shall Overcome' ist doch nicht aus sich heraus ein Hit gewesen. Es muss also der Inhalt gewesen sein, der dahinter stand."
    Matthias Hiekel, dpa
  • Joan Baez "Wir müssen aufhören, all diese Fehler weiter zu machen, und sofort mit aller Kraft auf die Bremse treten."
    Hana Kalvachova, dpa
  • Joan Baez "Ich habe ich mich immer auf die Seite dessen gestellt, der die dunklere Haut hatte. Ich habe es als Ehre empfunden, auf dieser Seite zu stehen."
    David Ebener, dpa
  • Joan Baez "Die Gegenreaktion auf Obama hat die absolut dümmsten Facetten des Konservativismus nach oben gespült, diese Sarah-Palin-Mentalität, die überall um sich greift."
    David Ebener, dpa
  • Joan Baez "Das wichtigste Thema heutzutage ist der Klimawandel."
    David Ebener, dpa
  • Joan Baez "Hohe Standards ersparen Ihnen nicht, dass Ihre Gefühle verletzt werden. Ich bin genauso feinfühlig wie jeder andere auch."
    Matthias Hiekel, dpa
  • Joan Baez "How Sweet The Sound" heißt die im Februar erscheinende biografische DVD über Joan Baez. Mit dabei: eine CD mit den Songs aus dem Film.
  • Joan Baez "Wenn Obama sagt ,Wir müssen uns ändern', dann meint dieses ,Wir' nicht die anderen. Es ist das ,Wir', das sich auf jeden Einzelnen bezieht. Jeder muss sich ändern."
    pr
  • Joan Baez "Natürlich wissen wir, dass das Publikum ein paar bestimmte Songs unbedingt hören will. Aber wir versuchen, sie so zu spielen, dass sie uns immer wieder neu interessieren."
    pr
  • Joan Baez "Ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen, wenn ich mich mal gerade nicht engagiere."
    pr
  • Joan Baez "Im Moment tue ich nicht notwendigerweise das, was viele von mir erwarten. Ich kümmere mich um meine 96 Jahre alte Mutter, die bei mir im Haus lebt. Und ich versuche, etwas zu lernen: über das Älterwerden, über das Sterben."
    pr
  • Joan Baez "Diese Leute scheren sich nicht um die Armen, die scheren sich nicht um die Dritte Welt. Die denken nur und ausschließlich an die Reichen und Mächtigen."
    pr
  • Joan Baez "Man muss den Weg gehen, auf den einen sein Herz führt. Ohne Wenn und Aber. Das ist meine Überzeugung."
    pr
Bild von

So!: Vielen Dank, Ms. Baez, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen.

Joan Baez: Keine Ursache, es ist mir ein Vergnügen.

So!: Ich muss zugeben, ich habe ein bisschen Vorsprung bei diesem Interview, denn ich habe schon den ganzen Tag mit Ihnen verbracht. Mit Ihrer Musik, mit Ihrer Biografie, mit früheren Interviews und natürlich mit der neuen DVD über Ihr Leben, „How Sweet The Sound“, die eben erschienen ist.

Baez: Dann sind Sie sicher ganz schön erschöpft, oder?

So!: Erschöpft? Nein. Wieso?

Baez: Na, mir geht es jedenfalls so, wenn ich den Film anschaue. (Joan Baez lacht.) Es ist so viel passiert.

So!: Ihr Leben ist wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch. Bei vielen der wichtigen Geschehnisse der letzten vierzig, fünfzig Jahre waren Sie mitten drin. Oder Sie haben die Ereignisse durch Ihre Kommentare beeinflusst. Zumindest aber hat irgendjemand eines Ihrer Lieder gesungen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie Geschichte gelebt haben?

Baez: Das ist schon wahr. Ich war bei vielen wichtigen Ereignissen dabei. Und ich war noch so jung, damals. Das hat wohl am meisten mit großem Glück zu tun. Aber auch damit, dass ich sehr talentiert war. Und damit, dass es wirklich das war, was ich mit ganzer Leidenschaft tun wollte. Ich habe diesem Engagement nicht mein Leben geopfert. Im Gegenteil: Ich wurde geboren, um genau das zu tun. Und es hat mich glücklich gemacht, es zu tun.

So!: Sie mussten sich also gar nicht fragen, ob sie bei Aktionen für Bürgerrechte oder Frieden mitmachen wollten? Sie waren dabei, weil das Ihr Leben war?

Baez: Ganz genau so war es.

So!: Jetzt sind Sie 69 – herzlichen Glückwunsch übrigens zu Ihrem Geburtstag vor ein paar Tagen - ...

Baez: Vielen Dank!

So!: ... und Ihre aktuelle CD hat gar nichts Zurückblickendes. Das sagt ja schon der Titel: „Day After Tomorrow“, also Übermorgen. Schauen Sie immer in die Zukunft? Möglicherweise immer mit einem Blick darauf, wie der Mensch diese Zukunft ein wenig besser gestalten könnte?

Baez: Eigentlich versuche ich immer, die Gegenwart zu betrachten und auf dem Laufenden zu bleiben. Allein das ist schon gar nicht so leicht. Bei der Vergangenheit und der Zukunft, da bin ich eher eine Tagträumerin. Ich war immer stolz darauf, nicht nostalgisch veranlagt zu sein. Aber ich muss zugeben: Mittlerweile scheint mir, ich bin genauso nostalgisch wie jeder andere auch. Musikalisch versuche ich jedoch immer, die Zukunft im Blick zu haben. Diese reinen Nostalgie-Auftritte, die man so oft sieht, widern mich an. Ein Konzert nur auf dem Aufwärmen dieser alten Gefühle aufzubauen, das finde ich irgendwie geschmacklos. Natürlich spiele ich auch einige Songs, von denen ich weiß, dass die Leute sie hören wollen. Aber ich versuche, ihnen eine gewisse Frische zu bewahren. Es ist schon ein Problem, dass viele Menschen gerne in die Sechziger oder Siebziger zurückkehren möchten.

So!: Sie haben also viele Nostalgiker im Publikum?

Baez: Ja. Und das ist schade, denn so eine Haltung schränkt diese Menschen ein. Nicht nur bei einem Konzert, sondern im ganzen Leben. Sie wollen zurück in die Vergangenheit fliehen, weil ihnen ihre Gegenwart nicht interessant genug erscheint. Das hält sie davon ab, im Hier und Jetzt etwas zu unternehmen. Sie sagen: Wir wollen zurück in die Sechziger, da hatten wir noch Spaß, da war die Musik noch gut, da war das Leben noch interessant...

So!: ... da war die Zeit, um aufzubegehren, um gesellschaftliche Revolutionen anzuzetteln...

Baez: Na klar! Warum können wir nicht noch mal Woodstock haben? (Joan Baez lacht.) Warum können wir uns nicht noch einmal so fühlen, als könnten wir die Welt verändern? Dabei könnten sie es doch auch heute tun. Sie spüren es nur nicht.

So!: Sie sind oft als „das Gewissen“ dieser Generation, über die wir gerade sprechen, bezeichnet worden. Ist das für Sie eine Belastung geblieben? Dass von Joan Baez bis heute jeder in jeder beliebigen Situation eine tiefschürfende Analyse erwartet?

Baez: Ach, wenn mich jemand ganz erwartungsvoll fragt: Worum kümmern Sie sich denn gerade?, dann frage ich einfach zurück: Und Sie? Worum kümmern Sie sich gerade? Ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen, wenn ich mich mal gerade nicht engagiere.

So!: Diesen Druck gibt es also nicht mehr. Oder war er nie da?

Baez: Oh doch, das denke ich schon. Lange Zeit war ich wirklich überall dabei. Und wenn nichts war, fragte ich mich: Meine Güte, was mache ich jetzt als nächstes? Und ich tat alles, was andere von mir erwarteten. Sonst hätte ich mich schuldig gefühlt, weil ich geglaubt hätte, ich hätte diese Leute im Stich gelassen. Aber im Moment tue ich sicher nicht notwendigerweise das, was viele von mir erwarten. Ich kümmere mich um meine 96 Jahre alte Mutter, die bei mir im Haus lebt. Und ich versuche, etwas zu lernen: über das Älterwerden, über das Sterben. Ich möchte auch mit meinem Sohn zusammen sein, den ich in den Siebzigern sicher vernachlässigt habe. Und mit meiner Enkeltochter. Das sind jetzt die wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben.

So!: Und dieser Rückzug ins Private wird akzeptiert?

Baez: Wenn ich mit Leuten darüber rede, was mir heute wichtig ist, dann erkennen sie durchaus, dass man nicht alles, was in unserem Leben wirklich zählt, auf ein Plakat schreiben und auf der Straße hin und her tragen kann. Man muss den Weg gehen, auf den einen sein Herz führt. Ohne Wenn und Aber. Das ist meine Überzeugung.

So!: Nach wie vor treten Ihnen die Menschen mit enormem Respekt gegenüber. Auf der DVD über Ihr Leben gibt es kaum jemand, der Sie nicht „Ms. Baez“ nennt, nur einige Kollegen nennen Sie wenigstens beim Vornamen. Nur ganz wenige Stellen habe ich gefunden, an denen Sie mit anderen Bezeichnungen, anderen Namen versehen werden. Ich würde mit Ihnen gerne diese kleine Liste durchgehen.

Baez: Oh, interessant. Schießen Sie los, bitte.

So!: Es geht mit einem gar nicht netten Begriff los: „Nigger“. So nannten Sie früher manche Nachbarskinder, weil Ihre Haut wegen Ihrer mexikanischen Abstammung eine Schattierung dunkler war als deren Haut.

Baez: Welche Ehre!

So!: Hat das Ihren Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe beeinflusst? Hat das den Grundstein für Ihr späteres Engagement gelegt?

Baez: Ich habe schon damals - da war ich, glaube ich, acht – in einem kleinen Buch darüber geschrieben. Ich weiß die genaue Formulierung jetzt nicht mehr, aber es ging ungefähr so: Wenn es irgendwo einen Streit gab, dann habe ich mich immer auf die Seite dessen gestellt, der die dunklere Haut hatte. Und schon damals habe ich es wohl als Ehre empfunden, auf dieser Seite zu stehen.

So!: Schon als Kind?

Baez: Ja.

So!: Als nächstes habe ich gefunden: „Sister Joan“. So nannte Sie der Vater der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, Dr. Martin Luther King jr..

Baez: Das ist nun aber eine wundervolle Sache.

So!: Wie war Ihre Beziehung zu Dr. King?

Baez: Fabelhaft. Ich hatte das große Glück, ihn oft auch privat zu erleben. Wir hingen zusammen rum, würde man heute vielleicht sagen. Er machte Witze, immerzu. Er hatte so einen großartigen, ansteckenden Humor. Den hat er in der Öffentlichkeit nie gezeigt. Aber wenn wir unter uns waren, er und ich und Jesse Jackson und ein paar andere, dann war er unglaublich witzig. Ein paar von diesen Lach-Orgien habe ich mitgemacht. Und sie gehören zu den wunderbarsten Momenten meines Lebens. Er war witzig und er war ernst, er betete so hingebungsvoll wie er lachte. Es war eine absolut außergewöhnliche Zeit.

So!: Denken Sie noch oft daran zurück?

Baez: Das ist es, woran ich erkenne, dass ich eben doch nostalgisch bin. Wenn ich eine Dokumentation von damals sehe, dann kommen mir die Tränen. Ich heule einfach drauflos. Und dann muss ich plötzlich lachen, wenn ich an ihn denke. (Joan Baez lacht.)

So!: Sie lachen und weinen gleichzeitig?

Baez: Ich schätze, so kann man das sagen.

So!: Nur ein Zeitzeuge auf der DVD hat Ihnen einen Kosenamen gegeben. Das war Bob Dylan. Er nennt Sie „Joannie“.

(Joan Baez lacht.)

So!: Und wenn ich’s richtig gehört habe, schwingt da schon noch viel Zuneigung mit.

Baez: Ich war wirklich gerührt, was er in diesem Film über mich gesagt hat. Es war sehr lieb.

So!: Aber Sie haben keinen Kontakt mehr zu ihm? Immerhin waren Sie in den Sechzigern für ein paar Monate das Traumpaar.

Baez: Schon, aber ich akzeptiere, dass es ist, wie es ist. Und wenn ich sehe, was er im Film sagt, dann denke ich: Das ist so süß von ihm, dass es wirklich nicht mehr zu toppen ist.

So!: Hatten Sie denn einen Kosenamen für ihn, als er Sie „Joannie“ nannte?

Baez: (Joan Baez lacht.) Bobby. Einfach nur Bobby.

So!: Jetzt wieder eine unfreundliche Bezeichnung: „Heuchlerisch“ und „mediengeil“ wurden Sie genannt, als Sie – auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges – nach Hanoi flogen, um im Feindesland für den Frieden zu demonstrieren.

Baez: Das war wirklich schlimm. Aber man hat immer behauptet, ich wäre süchtig nach Publicity.

So!: Immer?

Baez: Das ging schon los, als ich mich mit 16 weigerte, an einer Atombomben-Schutzübung in der Schule teilzunehmen. Ich bin einfach nicht heimgegangen, sondern in der Klasse sitzen geblieben. Darüber hat damals die Zeitung berichtet. Und schon hieß es, ich hätte das nur gemacht, um in die Schlagzeilen zu kommen.

So!: Hat Sie das damals sehr verletzt?

Baez: Oh ja, am Anfang schon. Aber irgendwann ist mir dann klar geworden, dass das ein Teil von dem Gesamtpaket ist, wenn man sich für etwas rückhaltlos einsetzt. Manche Leute können dann nicht anders, als so zu reagieren.

So!: Aber Sie wussten, dass Sie das Richtige taten?

Baez: Genau. Und man gewöhnt sich daran. Man hört es immer wieder – und irgendwann kümmert man sich nicht mehr darum.

So!: Sie hatten immer ein gutes Gespür dafür, das Richtige zu tun, Ihren hohen moralischen Standards zu folgen...

Baez: Hohe Standards ersparen Ihnen aber nicht, dass Ihre Gefühle verletzt werden. Ich bin genauso feinfühlig wie jeder andere auch.

So!: Zurück zu unserer Liste: „Mrs. Peace In America“, die Friedensfrau der Nation. Erinnern Sie sich, wer Sie so nannte?

Baez: Klar, das war so um die Zeit meiner Hochzeit herum.

So!: Und Ihr früherer Ehemann, der Anti-Vietnam-Aktivist David Harris, hat es gesagt.

Baez: Ja, über das Späßchen haben wir noch lange gelacht. (Joan Baez lacht.)

So!: Er hat auch die Boxer-Sprache bemüht und von Ihren gemeinsamen Auftritten bei Kundgebungen gesagt, Sie beide wären eine perfekte „Eins-Zwei-Kombination“.

Baez: (Joan Baez lacht.) Wir waren ein wundervolles Team. Ich war erst neulich wieder mit ihm auf einer Demonstration. Eine Anti-Kriegs-Demo, wie damals. Nur jetzt ging es um Afghanistan. Er ist immer noch aktiv. Und er ist immer noch ein einfach wunderbarer Redner. Wir sind sehr, sehr gute Freunde.

So!: Der nächste Begriff: „Mom“...

Baez: Das ist der beste von allen.

So!: Ihr Sohn Gabe, der demnächst 40 wird, begleitet Sie vermutlich wieder auf Tour, steht als Percussionist mit Ihnen auf der Bühne?

Baez: Oh ja, natürlich.

So!: Sie holen jetzt ein wenig nach, wofür in den Siebzigern und Achtzigern zu wenig Zeit war.

Baez: Ja, das tun wir. Wir haben unser Gleichgewicht gefunden.

So!: Was ich nicht herausbringen konnte, ist, wie Barack Obama Sie nennt, dessen Wahlkampf Sie aktiv unterstützt haben. „Freundin“, möglicherweise? Oder „Inspiration“?

Baez: Er würde bestimmt etwas Angemessenes finden, oder? (Joan Baez lacht.) Das tut er doch so gut wie immer. Er ist so sicher im Umgang mit Worten.

So!: Wie würden Sie die Lage der Nation in Amerika momentan beschreiben, aus dem Blickwinkel von jemandem, der über die Jahre eine Menge dazu beigetragen hat, diese Gesellschaft zu verändern?

Baez: Meine Güte. (Joan Baez überlegt.) Es ist, als hätte ein Blitz eingeschlagen und das Land zerteilt. Obama ist so intelligent, dass es eine Gegenreaktion geben musste, von den Leuten, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Das hat die absolut dümmsten Facetten des Konservativismus nach oben gespült, diese Sarah-Palin-Mentalität, die überall um sich greift. Ich weiß nicht, wie Obama das überwinden kann.

So!: Wo ist denn der ganze Schwung aus dem Wahlkampf hingekommen? Vor einem Jahr sagten doch alle: Das ist es jetzt, das ist der große Wandel, auf den wir alle so lange gewartet haben.

Baez: Ich denke, der Haken ist, dass die Menschen erst jetzt erkennen: Wenn Obama sagt „Wir müssen uns ändern“, dann meint dieses „Wir“ nicht die anderen. Es ist das „Wir“, das sich auf jeden Einzelnen bezieht. Jeder muss sich ändern. Und das tatsächlich zu tun, dazu sind viele noch nicht bereit. Momentan ist es vielleicht nur jeder Zweite, der da mitziehen will.

So!: Das ist doch eine ganze Menge...

Baez: Ja, schon. Aber die andere Hälfe ist so laut geworden. Die machen ihm die Hölle heiß. Und die Progressiven und die Liberalen haben dem nichts entgegenzusetzen. Sie haben keine Mittel, um auf jemanden wie Sarah Palin zu reagieren.

So!: Sie verharren in einer Art Schockzustand?

Baez: Ja. Sie sind – im wörtlichen Sinne – sprachlos darüber, was da abgeht. Sie bringen kein Wort mehr raus, lassen sich in eine Art Angst hineindrängen. Sie haben es nicht gelernt, aus einer Position der Stärke heraus zu sprechen. Und das ist, glaube ich, ein Hauptproblem. Man muss diesen Anfeindungen mit ebenbürtiger Härte entgegentreten. Alles andere reicht nicht. Die Progressiven machen vielleicht einen Schritt nach vorn, aber dann knallen ihnen die Konservativen etwas vor den Latz. Das kann das dümmste Zeug sein, aber es kommt aus einer so von sich selbst überzeugten Stärke heraus, dass die Progressiven erst mal vor Schreck wieder einen Schritt zurückweichen. Wissen Sie, ich bin nicht so massiv engagiert im Moment, ich mache mir gar nicht so viele Gedanken. Aber wenn ich das tue, ist es das, was ich sehe.

So!: Aber Sie und Ihre Weggefährten in den Sechzigern und Siebzigern wussten, wie man es richtig macht, wie man für Überzeugungen einsteht und dabei signalisiert, dass man nicht zurückweichen wird, egal, was passiert.

Baez: Ich denke schon.

So!: Ist das verloren gegangen, dieses Selbstbewusstsein?

Baez: Wissen Sie, die Konservativen haben über die Jahre vierzig Denkfabriken aufgebaut. Sie haben eine Art zu kommunizieren entwickelt, die ganz fein ausgeklügelt ist. Da stecken Milliarden von Dollar drin. Sie sind sehr, sehr schlau. Und sie sind absolut skrupellos. Die scheren sich nicht um die Armen, die scheren sich nicht um die Dritte Welt. Die denken nur und ausschließlich an die Reichen und Mächtigen. Dabei nehmen sie auf niemanden Rücksicht.

So!: Und die liberale Seite hat dem nichts entgegenzusetzen?

Baez: Überhaupt nicht. Und das ist meine optimistischste Einschätzung.

So!: Wo stehen da die Künstler? Fehlt der Musik heute die Botschaft? Für Sie war doch die Musik meist nur ein geeignetes Mittel, um Ihre Überzeugungen zu transportieren.

Baez: Oh, es gibt noch eine Menge Musik heutzutage, die eine „Message“ hat. Aber es gibt natürlich auch viel Mist. Macht ja nichts: Auch in den Sechzigern wurde eine Menge Mist geschrieben. Aber damals schaffte es die Musik einer Gegenkultur - also eine Musik, wie meine es war – mit ihrer Botschaft hinüber in die dominante Kultur der Gesellschaft. Irgendwie gelingt dieser Sprung heute nicht mehr. Denn die dominante Kultur muss reif sein für eine solche Entwicklung, muss sich öffnen, muss neuen Strömungen aufgeschlossen gegenüberstehen. Ich weiß nicht, welche Voraussetzungen da sein müssen, um diesen Schritt zu ermöglichen. Welche Vorbereitung es braucht, bis sich eine Kultur derart Neuem gegenüber öffnet. Was muss da sein, wenn jemand einen Song wie „Imagine“ schreibt und er von der Allgemeinheit so offen aufgenommen wird? Da muss doch alles stimmen: Der richtige Song zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

So!: Botschaften können also nur wirken, wenn sie auf offene Ohren stoßen?

Baez: Genau das ist der Punkt, glaube ich. „We Shall Overcome“ ist doch nicht aus sich heraus ein Hit gewesen. Es muss also der Inhalt gewesen sein, der dahinter stand.

So!: Sie selbst haben aber keine Schwierigkeiten, Jahrzehnt für Jahrzehnt mit neuen Zuhörern in Kontakt zu kommen. Sie finden auch immer wieder neue Lieder, die Sie interpretieren können. Oder, wie Sie einmal sagten: Die Lieder finden Sie.

Baez: (Joan Baez lacht.) Das stimmt auch wirklich.

So!: Welche Lieder sind denn derzeit auf der Suche nach Ihnen?

Baez: (Joan Baez lacht.) Kommen Sie doch in mein Konzert. Es sind ja nicht nur neue Songs, es ist auch die Art, wie wir ältere Songs auseinandernehmen und neu zusammensetzen. Und auch das ändert sich ständig, während wir auf Tour sind. Meine Band und ich, wir setzen uns regelmäßig hin und prüfen, welcher Song für welches Konzert passt. Nicht alles ist immer stimmig. Und manchmal sind wir auch plötzlich eines Songs müde.

So!: Und dann schmeißen Sie ihn mitten in der Tour aus dem Programm?

Baez: Na klar. Kann schon sein, dass einer aus der Band dann sagt: Och, den mochte ich aber. Und die anderen entgegnen: Schon, aber jetzt wird er langsam alt. Und dann fliegt er raus. Aber natürlich wissen wir, dass das Publikum ein paar bestimmte Songs unbedingt hören will. Die müssen wir drin lassen, aber wir versuchen, sie so zu spielen, dass sie uns immer wieder neu interessieren. Und dazu kommt dann das neue Material.

So!: Die große Herausforderung unseres Planeten ist ja die globale Erwärmung, der weltweite Klimawandel. Sie haben mal den Soundtrack zu einem Science-Fiction-Film mit dem Titel „Silent Running“ gestaltet, zu deutsch „Lautlos im Weltraum“.

Baez: (Joan Baez lacht.) Meine Güte, ja. Wie lange ist das her?

So!: Knapp vierzig Jahre. In dem Film ist die Schönheit der Erde nur noch in ein paar Raumschiff-Archen erhalten geblieben, ein letztes Stück vom Paradies unter einer Glaskuppel, mehr nicht. Ist das noch eine haltbare Vision von der Zukunft.

Baez: Selbstverständlich. Mehr denn je. Das wichtigste Thema heutzutage ist der Klimawandel. Die Leute, die sich damit beschäftigen – und ich zähle mich im Moment nicht dazu, denn sonst müsste ich auf der Straße stehen und lauthals protestieren – diese Leute sitzen nicht mal auf dem Rücksitz des Wagens, der in voller Fahrt ins Unglück rast. Die sind im Kofferraum eingesperrt und warnen, aber keiner hört sie. Sie rufen: Wir werden alle sterben. Aber das stört den am Steuer gar nicht, der rast mit Vollgas auf eine Betonwand zu. Ich denke, das ist ein korrektes Bild der Situation. Und wenn man sich das 24 Stunden am Tag vor Augen hielte, dann müsste man sich vermutlich erschießen. Weil es so schrecklich ist, so unaufhaltsam. Es sei denn, wir alle verstehen endlich, um was es geht. Wir müssen aufhören, all diese Fehler weiter zu machen, und sofort mit aller Kraft auf die Bremse treten.

So!: Ein paar mehr Stimmen im Kofferraum helfen da nicht weiter?

Baez: Überhaupt nicht. Jeder muss es kapieren, dann vielleicht. Die großen Konzerne müssten es kapieren. Das wäre der Durchbruch.

So!: Helfen Sie aktiv mit bei dieser Bewusstseinsbildung?

Baez: Ich glaube nicht, dass ich momentan genug dazu beitrage. Ich schätze, ich müsste mehr tun. Jeder müsste mehr tun.

So!: Ich habe gehört, Sie singen nicht mehr bei jedem Auftritt „We Shall Overcome“, diese Hymne der Bürgerrechtsbewegung, die von der Hoffnung handelt, dass alles Unrecht überwunden, jedes Problem gelöst werden kann. Warum nicht? Weil wir es vielleicht doch nicht schaffen?

Baez: Naja, es stimmt für mich einfach nicht immer. Aber wenn ich zum Beispiel mitbekomme, dass da eine Gruppe Iraner im Publikum ist, dann singe ich es – und zwar mit einem Vers in Farsi, den ich neulich erst gelernt habe. Dann passt das. Grundsätzlich ist es aber kein Lied, das zum Standardrepertoire meiner Konzerte gehört. Da muss es schon aus dem Umfeld heraus einen Grund geben, warum es gesungen werden sollte.

Interview: Andrea Herdegen

DVD-TIPP

Joan Baez - How Sweet the Sound (DVD mit CD von Rough Trade) --- Veröffentlichungstermin: 12.2.2010

KONZERT-TIPP

Joan Baez kann man in den nächsten Wochen hier live erleben (ausgewählte Termine):

22.2. Augsburg, Sporthalle
23.2. Nürnberg, Meistersingerhalle
25.2. Zwickau, Stadthalle
19.3. Regensburg, Donau-Arena
21.3. Heilbronn, Harmonie
25.3. Mainz, Rheingoldhalle

    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Ȇbersicht Interview

Wolfgang Niedecken

Seiltanz durchs Leben

Die Haare sind grau geworden. Die Jahre haben im Gesicht Spuren hinterlassen, aber die Augen strahlen noch immer jugendlich. Kürzlich ist Wolfgang Niedecken 60 geworden. Für den BAP-Frontmann kein Grund, einen Gang runterzuschalten. Zum Geburtstag erschien seine Autobiographie, das neue Album der Kölsch-Rocker ist fertig und eine ausgedehnte Tour schließt sich an. Ein Sonntagsgespräch über eine glückliche Kindheit im Nachkriegs-Köln, die Entscheidung zwischen Musik und Malerei und den Aufstieg einer Garagen-Band zur erfolgreichsten deutschen Rockgruppe. »mehr
    
    

 
Die Frankenpost-Interviews im Überblick: Von A bis...

Die Frankenpost ist ständig für Sie im Gespräch mit Berühmtheiten aus Kunst und Kultur, mit Prominenten aus Politik und ... »mehr
    
 
    

 
Der Seelen-Verbinder

Spätestens mit seinem gefeierten Auftritt bei den Salzburger Festspielen 2005 an der Seite von Anna Netrebko in Verdis „... »mehr
    
 
    

 
„Musik bringt die Seele zum Schwingen“

Die Miro-Nemec-Band feiert am 26. März mit einem Konzert in der Hofer Bürgergesellschaft ihr 15. Jubiläum. Mit viel Spaß... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Prospekte aus der Region

Reichel Holzspezi
    
    

Magazine

Wir in Wunsiedel Februar 2012
Nördliches Fichtelgebirge Ausgabe 4
Thüringen im Blick
Schlaglichter 2011
Gesundheitsführer Kulmbach
Gesundheitsführer Naila
Hochzeitsmagazin November 2011
Frankenreiter November
Börsenforum Oktober 2011
Leserreisen Oktober 2011
Berufsmagazin
Besser Bauen schöner Wohnen
5. Sechsämterland Holztage
Gesundheitsführer Hof 2011
Gesundheitsführer Münchberg
Gesundheitsführer Selb
Erfolgreiche Familienunternehmen
Bikers Guide
Gesundheitsführer Rehau
Gesundheitsführer Wunsiedel
    
Anzeige
Marktplatz und Bayreuther Woche
Logo Frankenwäldler
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Mit roten Händen gegen Kindersoldaten

Mit knallroter Farbe die Hände anmalen: Das machten am Mittwoch eine Menge Politiker in Berlin. Die Politiker waren Abgeordnete des deutschen Parlaments - des Bundestages. »mehr
    
    

Die Sache mit den Beiträgen

Frage des Tages
Ein Leser fragt: "Warum muss ich für meine verstorbene Frau Krankenversicherungsbeiträge zahlen?" "Diese Frage stellen Bezieher einer Hinterbliebenenrente häufig", erklärt Rudolf Degelmann von der AOK Bezirksdirektion Hof auf Anfrage unserer Zeitung. »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Die neuen Party-Pix vom Wochenende 

Fasching in Schönwald, HipHop-Party im Hofer H.1, 80er-Fete im Rockwerk - hier geht es zu den aktuellen Bildern vom Feier-Wochenende. »mehr
    
    

Börseninformationen