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"Alles spricht gegen eine sichere Ernährung"

Analyse | Vor einem Jahrhundert des Hungers warnt Umweltjournalist Wilfried Bommert in seinem Buch „Kein Brot für die Welt“. Er sieht Völkerwanderungen von Afrika und Asien auf Europa zukommen.
  • Wilfried Bommert Umweltjournalist Wilfried Bommert warnt vor einem Jahrhundert des Hungers.
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Herr Bommert, Sie waren auf der Spur des Hungers in aller Welt unterwegs. Stehen wir wirklich am Rande einer Welternährungskrise?

Ja, es sieht so aus. Wenn wir die Fundamente der Welternährung betrachten - Boden, Wasser, Klima und die Vielfalt der Arten, die wir anpflanzen - dann müssen wir sagen: Alles spricht gegen eine sichere Ernährung in Zukunft. Es klappt schon nicht, die derzeit 6,7 Milliarden Menschen zu ernähren, wie soll dies dann künftig mit neun Milliarden funktionieren? Das heißt, wir stehen vor höchst schwierigen Zeiten.

Wie kann die ständig wachsende, fast schon explodierende Weltbevölkerung in Zukunft satt werden?

Das ist eine offene Frage, die niemand bisher beantworten kann. In Afrika wächst die Weltbevölkerung in Zukunft am stärksten. Dieser Kontinent hat die höchsten Geburtenraten, aber auch die geringste Nahrungsgrundlage. Durch die Klimaveränderung wird in Afrika noch weniger auf den Feldern wachsen. Die Äcker dort werden in Zukunft eher Wüsten werden, weil kein Regen mehr fällt. Es wird Völkerwanderungen dahin geben, wo es etwas zu essen gibt: in den Norden. Die Boatpeople, die heute übers Mittelmeer kommen, sind erst der Anfang.

Wie müsste eine neue Welternährungspolitik aussehen?

Sie müsste die Kleinlandwirte fördern, die in den Gegenden wirtschaften, in denen Hunger am wahrscheinlichsten ist - in Afrika und Asien. Da gibt es viele Kleinbauern, die Land haben, aber es nicht vernünftig zu nutzen wissen. Ihnen fehlt das Saatgut, die Idee, wie man das Land düngen könnte, ihnen fehlt der Zugang zu Wasser und sie wissen nicht, wie sie effizient bewässern können. Unsere landwirtschaftliche Infrastruktur, wie sie besonders in Süddeutschland ausgeprägt ist, mit ihren Genossenschaften und Landwirtschaftsschulen, müsste man dorthin übertragen. Noch wäre es möglich, so etwas anzustoßen, aber bisher regt sich kein politischer Wille.

Menschen sind ja bereits vor zwei Jahren auf die Straße gegangen, weil die Grundnahrungsmittel so teuer geworden sind. Wieso sind damals die Lebensmittelpreise explodiert?

Weil einfach zu wenig da war. Australien hat wegen einer großen Dürre kaum auf den Weltmarkt geliefert. Außerdem haben in China die Leute mehr Fleisch gegessen, weil dort der Wohlstand gestiegen ist. Auch die Pläne in Amerika und Europa, Biosprit zu erzeugen, haben zu dieser Preisexplosion geführt. Jetzt haben wir eine Periode der Entlastung, weil die Wirtschaft zusammengebrochen ist, aber wenn in diesem Jahr die Wirtschaft wieder anzieht, wird die ganze Geschichte von vorne losgehen.

Wie könnte man gegensteuern?

Die industrielle Landwirtschaft mit ihrer immensen Fleischproduktion muss überdacht werden. Die großen Fleischberge, die bei uns in Mastställen erzeugt werden, sind ein Teil des Problems. Die Tiere stoßen Methan aus, die Produktion ihrer Futtermittel verursacht große Mengen an Klimagasen, weil das, was da angebaut wird, massiv gedüngt und hochmechanisiert geerntet wird. Die Frage ist auch, ob man auf unseren Äckern so viel künstlichen Dünger braucht. Es gibt Alternativen zu diesem industriellen Weg, man muss sie nur ergreifen wollen.

Können wir als Verbraucher etwas tun?

Ich denke schon. Ich halte es für vernünftig, auf Fleisch zu verzichten - wenigstens einmal pro Woche. Beim Einkauf sollten wir mehr darauf achten, wo die Dinge herkommen, die wir konsumieren. Zum Beispiel auf das Fair-Trade-Siegel, das für faire Produktionsbedingungen steht. Im Inland sollten wir auf das Bio-Siegel schauen, die Produkte sind von Landwirten, deren Betriebe weniger Klimagase verursachen. Man muss natürlich auch  politisches Handeln einfordern. Es reicht nicht, wenn die Verantwortlichen zu internationalen Konferenzen fahren und da wird nichts beschlossen, wie in Kopenhagen. Es muss eine politische Wende eingeleitet werden.

Wie viel Zeit bleibt noch?

Wenig. Die Zeit läuft gegen uns. Jedes Jahr, das wir auf dem alten Weg bleiben, ist ein verlorenes Jahr für unsere Zukunft und insbesondere für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wenn uns deren Schicksal wirklich am Herzen liegt, dann müssen wir sagen: Wir kehren jetzt um. Wir Alten müssen so viel Mumm in den Knochen haben, dass wir für unsere Enkel ein Leben vorbereiten, das auch lebenswert ist.

Das Gespräch führte Andrea Herdegen.

    
    

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