zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 09:54 Uhr
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"Ich bin nicht bloß Clown"
Mit „Go Trabi Go“ hat er bereits Anfang der 90er Jahre seinen großen Durchbruch im Kino erlebt, sein Kommissar Stubbe („Von Fall zu Fall“) ermittelt seit 1995 im Fernsehen – Wolfgang Stumph ist also gut im Geschäft. Ein Sonntagsgespräch mit dem 63-Jährigen über eigene Maßstäbe, Kabarett zu Ostzeiten und seine Stasi-Akte.
So!: Herr Stumph, Sie managen sich selbst, ist das nicht auf die Dauer ziemlich anstrengend?
Wolfgang Stumph: Ja, sehr anstrengend. Weil man jedem erklären muss, warum man so tickt. Ich habe keinen Manager, der für mich spricht, sondern ich muss den Gesprächspartnern – den anfragenden Journalisten, Produzenten, Autoren – immer selbst erklären, warum ich etwas mache oder nicht. Und das dauert immer länger. Man will ja höflich sein, auch richtig erklären, warum man manchen Filmstoff nicht annehmen will, warum man zu bestimmten Zeitpunkten keine Interviews machen will...
So!: Was für Angebote lehnen Sie generell ab?
Stumph: Nach „Go Trabi Go“ kamen damals natürlich immer die Klischee-Angebote, a la „wir bräuchten mal so einen aus dem Osten, der so staunt und guckt, und so ein bissl naiv ist“ – das habe ich mit Absicht abgelehnt. Das Erfolgreiche einfach nur kommerziell auszubauen, das bringt mich nicht weiter – und den Zuschauer auch nicht.
So!: Wäre doch aber gut vorstellbar, dass die Zuschauer Sie heute gerne noch einmal in einer Fortsetzung von „Go Trabi Go“ sehen würden.
Stumph: Nee, nüschte. Lieber werde ich tausend Mal gefragt, wann „Go Trabi Go 3“ kommt, als dass ich hundert Mal gesagt kriege: „Och, der dritte Teil war dann auch nix mehr...“
So!: Wenn Sie in die Film- und Fernsehlandschaft schauen gibt es genügend Regisseure mit Haltung?
Stumph: Ja, es gibt viele, die eine Haltung haben, und wirklich brennende Themen, künstlerisch wertvoll auf den Bildschirm oder die Leinwand bringen wollen – aber es gibt, zumindest im Fernsehen, nur einen sehr kleinen Markt dafür. Die Sender begründen das mit Geldknappheit, auch mit der aktuellen Wirtschaftskrise.
So!: Ist die Quote denn für Sie ein Maßstab?
Stumph: Nein, ich denke, dass man sich dadurch immer mehr einem scheinbaren Bedürfnis des Zuschauers anpasst und nur einen bestimmten Durchschnitt an Zuschauern reflektiert. Es klingt natürlich toll, wenn es heißt: Marktanteil von 16 Prozent. Das können aber manchmal 5,5 Millionen sein. Wir sind 80 Millionen Deutsche, ob die 5,5 Millionen dann die künstlerische, ästhetische, moralische Widerspiegelung des deutschen Kultur- und Unterhaltungsbedürfnisses sind – wer weiß das? Trotzdem klammert man sich an diese Zahlen.
So!: Was ist Ihre Richtschnur?
Stumph: Ich denke, es ist viel wichtiger, einen eigenen Maßstab zu haben. Meinen Film „Bis zum Horizont und weiter“ haben nur wenige gesehen, aber es ist für mich künstlerisch und inhaltlich einer meiner wertvollsten Filme. Und da muss man für sich entscheiden: Soll es sich nur für deine Popularität rechnen – oder für deine Moral, für deinen Anspruch gegenüber deinen Kindern, Freunden und Lebenserfahrungen?
So!: Sie haben in den 80er Jahren in der Dresdner „Herkuleskeule“ Kabarett gespielt. Wie machte man sich da über den Westen lustig?
Stumph: Wir haben zum Beispiel sehr gerne ein Zitat von Hermann Kant benutzt: Da erzählte der eine, „Du, mein Opa war jetzt im Westen. – Und was hat er gesagt? – Der Kapitalismus liegt im Sterben. – Und was hat er noch gesagt? – Es ist ein schöner Tod.“ Auf dem Niveau haben wir unsere Anspielungen schon gemacht. Aber wir haben nicht das Agitprop-Kabarett gemacht, das es noch in den 60er Jahren gab.
So!: Die Funktion des Kabaretts ist heute eine andere.
Stumph: Natürlich kann man immer noch so ein Kabarett machen, wie es die „Schieße“ (Münchner Lach- und Schießgesellschaft, d. Red.) in den 80er Jahren gemacht hat. Aber ob dir jemand zuhört? Das hat sich doch alles anders verändert durch die Comedy-Welle. Natürlich ist Comedy manchmal auch politisiert. Aber es ist populistisch, holzhammermäßig. Es gibt kein Florett mehr, sondern es wird mit einem riesigen Schwert zugeschlagen. Und wenn Mainzer Karneval ist, da sind die Politiker im Saal eingeschnappt, wenn sie oben nicht durch den Kakao gezogen werden.
So!: Und deswegen haben Sie vor drei Jahren dem Kabarett den Rücken gekehrt?
Stumph: Ich habe einfach gemerkt – und da spielt auch die Entwicklung zur Spaßgesellschaft eine Rolle – dass immer mehr mit einem Schwert zugeschlagen wird, dass keiner mehr die zweite, dritte Ebene eines ironisierten Bildes nutzt, Metapher sind gar nicht mehr verwendbar, sondern man muss alles direkt haben. Diese Abgeschliffenheit hat bei mir dazu geführt, dass ich mir gesagt habe: Da erreiche ich nichts mehr mit dem Kabarett. Wenn ich mich jetzt auf die Kabarett- oder Comedy-Bühne stelle, denken die Leute, ich will auch bloß unterhalten. Aber ich will euch meine Moral, meine Sicht der Dinge mitgeben. Ich bin nicht bloß Clown, Hauptsache die Leute schreien. Nüschte.
So!: Eine große Boulevard-Zeitung hat Ihnen zehn Jahre nach der Wende Ihre Stasi-Unterlagen zugeschickt. Warum haben Sie die vorher nicht selbst eingesehen, waren Sie nicht neugierig?
Stumph: Nein, ich wusste ja aus meiner eigenen Biografie, wo ich angeeckt bin, wo ich Ärger gekriegt habe. Wie ich schlitzohrig drum rum gekommen bin, auf die Schnauze zu fliegen, und wie dumm dieser Apparat war. Wie er die Kapazität an Arbeitsleistung, an Geist und Zeit und Geld dieses Landes verschwendet hat. Ich wusste, wie dieses Kontrollsystem und dieses Halten an Macht in der DDR funktioniert hat. Ich wusste, wie die Abnahmen beim Kabarett sind, ich wusste, dass Horch und Guck überall war. Gut, von manchen wusste ich es nicht.
So!: Sie meinen Kollegen?
Stumph: Als ich meine Akte bekam, waren darin ein paar Namen geschwärzt. Nun, mit einem bisschen logischen Denken – und wenn man 38 „Stubbe“-Filme gemacht hat, dann hat man als Amateur auch etwas kriminalistisches Feeling – habe ich mir natürlich zusammenreinem können, wer die sind. Aber da muss man dann im Einzelfall immer wieder entscheiden: Warum hat er das gemacht, in welcher Position hat er das gemacht. Und was habe ich davon, wenn ich mich jetzt über ihn erhebe, über den, der eigentlich moralisch schon unten ist, der weiß, dass es falsch war? Ich habe diese Namen nie bekannt gegeben.
Interview: Jakob Buhre, Ole Schley
INFO
Kommissar Stubbes aktueller Fall „Gegen den Strom“ (die Erstausstrahlung war am 16. Januar) ist im Internet in voller Länge in der ZDF-Mediathek (www.zdf.de/ZDFmediathek) zu sehen.
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