zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 09:52 Uhr
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"Ein Internet-Abkommen schließen"
Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg ist für klare Regeln bei der Nutzung der neuen Medien. Sie plädiert dafür, Kinder über deren Gefahren aufzuklären.
Frau zu Guttenberg, Sie setzen sich stark gegen die Verbreitung von sexueller Gewalt via Internet und Handy ein. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?
Vor inzwischen sechs Jahren wurde ich von einem Vorstandsmitglied von Innocence in Danger auf dieses Thema angesprochen. Damals war mir, so wie den meisten Menschen dieses Landes, bei Weitem nicht bewusst, wie weitverbreitet sexueller Missbrauch an Kindern ist und wie viel hier noch im Argen liegt. Die Fakten und Zahlen sind verheerend und wirklich alles andere als beruhigend.
Welche Ziele hat Ihre Hilfsorganisation IID?
Kurz gesagt: Innocence in Danger sorgt für eine zunehmende Thematisierung, klärt auf, fördert Prävention und Intervention. Im Einzelnen bedeutet dies zum Beispiel Vermittlung von Hilfe für Opfer, wir haben eine kostenlose Info-Hotline N.I.N.A. 01805-123465 ins Leben gerufen, bei der Menschen anrufen können, die einen Verdacht haben. Wir unterstützen bestehende Organisationen und fördern die Vernetzung, wir entwickeln auch eigene Projekte, wie die Kunstwochen für traumatisierte Kinder oder Aus- und Fortbildungsprogramme für Fachkräfte sowie eigene wissenschaftliche Studien zu dem Thema. Zu dem so komplexen, vielschichtigen Thema des Missbrauchs benötigt es ebenso vielfältige Ansatzpunkte.
Wer kann sich daran beteiligen?
Wir haben einen Freundeskreis, an dem sich jeder beteiligen kann, der das möchte, ansonsten beteiligen sich auch viele Menschen, indem sie uns mit Spenden unterstützen. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich ausschließlich über Spenden finanziert. Ohne diese großzügigen Menschen könnten wir unsere Arbeit nicht leisten.
Elektronische Medien und Spiele haben längst ihren Weg in die Kinderzimmer gefunden. Welchen Tipp haben Sie für die Eltern, um die Gewalt außen vor zu halten?
Es gilt hier, wie in vielen anderen Bereichen des Lebens, klare Regeln aufzustellen. Im Klartext bedeutet das beispielsweise: Erstens: Schließen Sie mit ihrem Kind ein Internetabkommen - hier regeln sie eindeutig, welche Seiten besucht werden dürfen und welche nicht. Dasselbe gilt für die Zeit, die am Computer verbracht wird. Zweitens: Computer mit Internetzugang gehören nicht in Kinderzimmer, sondern an einen Ort, an dem Erwachsene oft vorbeigehen. Ähnliches gilt für Fernseher. Drittens: Klären sie unbedingt ihr Kind auf über die Gefahren der medialen Welt - und das möglichst schon in jungen Jahren. Sprechen Sie mit ihrem Kind über Gewalt und auch die versteckten Gefahren der Spiele, Shows oder Serien. Und viertens: Interessieren Sie sich für die Dinge, die die Kinder und Jugendlichen heute beschäftigen, denn nur wer weiß, was "angesagt" ist, hat die Chance auf einen Zugang zu ihrem Denken und Handeln.
Ist das gleichbedeutend mit Verzicht auf Handy, Internet und Fernsehen ohne Aufsicht?
Nein, auf keinen Fall. Es geht darum, ihnen den verantwortungsbewussten Umgang mit den Medien beizubringen, nicht um ständige Kontrolle. Außerdem gehören die neuen Medien in ihrer Vielfalt heute zu unserer Gesellschaft und ein sicherer, geübter Umgang mit ihnen ist heute schon in vielerlei Berufen Grundvoraussetzung.
Früher saß die Familie vor dem einzigen Fernsehgerät im Wohnzimmer versammelt, nun hat jeder nahezu sein eigenes Programm. Trauern Sie den früheren Zeiten nach?
Durch die Menge an Fernsehern der heutigen Zeit geht vielen Familien etwas sehr wichtiges weiter abhanden: nämlich die Kommunikation innerhalb der Familie. Dies finde ich in der Tat eher beunruhigend.
Leben Sie selbst Familie heute anders, als Sie es als Kind erlebt haben? Wo liegt der Unterschied?
Für mich stellt sich diese Frage nicht - natürlich ist heute vieles anders als zu der Zeit, als ich Kind war. Aber dies erlebt jede neue Generation und gehört einfach dazu. Das ist ja auch spannend und herausfordernd.
Kinder und Jugendliche sind heute mehr denn je Konsumzwängen unterworfen. Sie selbst haben Textilwirtschaft studiert und kleiden sich modisch-chic. Haben Sie auch Verständnis, wenn Kinder nur T-Shirts einer gewissen Marke anziehen wollen?
Es liegt außergewöhnlich viel daran, wie man seine Kinder erzieht - die moderne Konsumgesellschaft suggeriert uns heute, dass man nur etwas "wert" ist, wenn man sich mit bestimmten Marken kleidet oder sich verhält, wie es uns etwa in der Werbung vorgespielt wird. Das ist natürlich Unsinn. Ein Kind und Jugendlicher, welcher von zu Hause mit einem starken Selbstbewusstsein ausgestattet ist und in Geborgenheit aufwachsen darf, wird diesen Zwängen zweifelsohne weniger erliegen. Darüber hinaus gibt es für alle jene, die auf einen bestimmten Look nicht verzichten wollen heutzutage viele Firmen, die Kleidung herstellen, die genauso "chic" aussieht, wesentlich günstiger und von einem vermeintlichen Original kaum mehr zu unterscheiden ist.
Kleine Mädchen schwärmen für die Farbe Rosa - und Eltern stöhnen oft über Prinzessin Lillifee. Ist Ihr Zuhause eine Lillifee-freie Zone?
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Lillifee-Phase nur für Mädchen eines bestimmten Alters ist. Sie geht dann irgendwann ebenso schnell wieder, wie sie gekommen ist.
Welche Werte glauben Sie, sollten Eltern heute ihren Kindern vermitteln?
Im Umgang mit Kindern gelten für mich als erstes die "drei Zs" von Pestalozzi: Zeit, Zärtlichkeit, Zuwendung. Alleine diese kommen heute in vielen Familien schon zu viel kurz. Darüber hinaus spielen, unter anderem, Werte wie Aufrichtigkeit, Höflichkeit, Bescheidenheit und ein Grundrespekt vor jedem Wesen - Mensch, wie auch Tier - wichtige Rollen. Ganz essenziell sehe ich auch Humor - und hier die Tatsache, zuerst über sich selbst lachen zu können.
Und, ganz zum Schluss, was ist Ihre Definition von Familie?
Eine einzige Definition würde meinem Begriff von Familie nicht gerecht werden: aber man könnte es, um es bildlich auszudrücken, vielleicht mit einem Hafen beschreiben. Er gibt Schutz vor großen Stürmen, er ist wichtigster Ausgangs- und Eingangspunkt für alle Fahrten in turbulente Gewässer. Der Hafen und auch alle darin befindlichen Schiffe, groß und klein, müssen gepflegt und gewartet werden. Dies erfordert Zeit und Hingabe. Erfolgt dies, kann ein Hafen über viele, viele Jahre bestehen und den einen oder anderen, auch heftigsten, Sturm überstehen.
Das Interview führte Kerstin Dolde.
ZUR PERSON
Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg ist Schirmherrin der FamilienWochen unserer Zeitung. Die 33-Jährige ist die Ehefrau des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und Mutter zweier Töchter. Die geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen ist Ur-Urenkelin von Otto von Bismarck. Stephanie zu Guttenberg setzt sich als Präsidentin der Initiative "Innocence in Danger" aktiv gegen Kinderpornographie und sexuellen Kindsmissbrauch ein.
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