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"Es wird unheimlich teuer werden"

Interview | Der Bayreuther Geologe Professor Klaus Bitzer nimmt Stellung zum Untergang der „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexico und den Zukunftsaussichten bei der Ölförderung.
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Herr Professor Bitzer, müssen wir uns auf der Jagd nach den letzten Ölreserven der Welt künftig auf häufigere Unfälle wie den aktuellen im Golf von Mexiko einrichten?

Festzustellen ist, dass es solche Zwischenfälle schon bislang regelmäßig gab. Ich erinnere nur an die Zerstörung der Förderplattform Piper Alpha, bei der schon 1988 in der Nordsee 167 Todesopfer zu beklagen waren. Auf der Suche nach und bei der Ausbeutung der letzten Lagerstätten werden die technischen Probleme auch immer größer. Die "Deepwater Horizon" bohrte an einer Stelle des Meeres mit einer Wassertiefe von 1500 Metern, in der Nordsee sind es allenfalls ein paar Hundert.

Welche technischen Probleme stellen sich dabei?

Zur Wassertiefe kommen ja noch die Anforderungen der Bohrtiefe, in diesem Fall 5000 Meter. Auf der russischen Halbinsel Kola ist man bei Bohrungen schon in elf Kilometer Tiefe vorgestoßen. Zum Vergleich: Die bekannte Kontinentale Tiefenbohrung bei Eschenbach ging bis auf 9000 Meter hinab. In diesen Tiefen können die Temperaturen mehr als 250 Grad Celsius erreichen.. Von solchen Problemen hätte man früher die Finger gelassen. Dazu kommt, dass es sich im aktuellen Fall der Deepwater Horizon nur um ein vergleichsweise kleines Ölvorkommen mit einer Kapazität von 100 Millionen Barrel handelt. Das ist gerade einmal ein bisschen mehr als der weltweite Ölverbrauch am Tag.

Wo liegen die nächsten Risiken?

Zum Beispiel an den Ölfeldern im Kaspischen Meer. Dort haben schon einige Ölfirmen die Lizenzen zurück gegeben, weil die Lagerstätten unter gewaltigem Druck stehen. Die Risiken bei der Förderung unter solchen Bedingungen sind mindestens ebenso hoch wie bei Tiefseebohrungen im Golf von Mexico.

Warum solche Risiken eingehen?

Es ist ganz einfach so, dass alle ergiebigen, konventionell ausbeutbaren Ölfelder längst entdeckt sind. Also wird die Suche immer schwieriger. Es ist wie beim "Schiffe versenken": Zuerst trifft man immer die großen Tanker. Bis man alle kleinen U-Boote hat, braucht man ungleich länger.

Der Erdölbedarf steigt, die Förderquote stagniert: Haben wir den Höhepunkt der maximal möglichen Förderung schon hinter uns?

In den Ländern außerhalb der OPEC ganz gewiss. In den USA war zum Beispiel das Fördermaximum um 1970 herum erreicht. Ganz genau kann man diesen "Peak Oil" genannten Punkt ohnehin erst im Nachhinein erkennen. Hinzukommt, dass in Ländern wie Saudi-Arabien die Höhe der ungeförderten Reserven ein Staatsgeheimnis ist. Damit wird viel Politik gemacht. Einige Opec-Länder haben die Reserven-Angaben in den 80er-Jahren verdoppelt, ohne dass es zu tatsächlichen Erdöl-Neufunden gekommen wäre. Es handelte sich um eine politisch motivierte Neubewertung bekannter Lagerstätten.

Wie lange reicht dann das Öl noch?

Die Ölgesellschaften nennen gegenwärtig oft 46 Jahre. Aber das ist eine viel zu simple Rechnung, weil sie davon ausgeht, dass 46 Jahre ununterbrochen auf heutigem Niveau gefördert wird und dann schlagartig alles weg ist. Das Ende wird jedoch schleichend kommen.

Wann?

Wir werden sicher auch in 200 Jahren noch Erdöl haben. Die Frage ist doch nur, in welcher mengenmäßigen Verfügbarkeit und zu welchen Preisen.

Und wenn man einfach auf Erdgas umstiege?

Auch hier wird das Fördermaximum in zehn oder 20 Jahren erreicht sein. Und leichter zu fördern ist Gas auch nicht. Das Gas, das zum Beispiel über die Nordstream-Pipeline Deutschland versorgen soll, wird aus einem Feld kommen, das 600 Kilometer von Murmansk entfernt im Eismeer liegt - außerhalb der Reichweite von Hubschraubern. Man stellt sich vor, dass die Förderplattformen zwischen Eisbergen rangiert werden sollen. Um die Energieversorgung der Fördermannschaften sicherzustellen, hat man schon an einen auf einem Schiff installierten Atomreaktor gedacht. Da sind viele Zwischenfälle vorstellbar.

Sie gehören der ASPO an, einer Organisation, die sich mit der Frage beschäftigt, ob das Maximum der Förderung schon erreicht ist. Was werfen Sie den Ölgesellschaften eigentlich vor?

Wir sind weder gegen das Öl noch gegen die Ölfirmen. Öl ist eine - im Vergleich mit Kohle - saubere Energieform. Und die Firmen bemühen sich aufrichtig, dem zunehmenden Weltbedarf gerecht zu werden. Was wir kritisieren, ist allerdings, dass die Ölmultis nicht ehrlich sind. Sie verschweigen, dass das Erdöl-Zeitalter zu Ende geht, um ihr Restgeschäft nicht zu gefährden.

Woraus beziehen Sie diese Gewissheit?

Die großen Ölgesellschaften fahren seit einiger Zeit Sparprogramme. Sie bauen Personal ab und kürzen Investitionen selbst bei der Suche nach Öl. Das ist verständlich, weil sich das Geschäft immer weniger lohnt. Die Kosten pro geförderter Tonne Öl werden zu hoch. Mit der Ausnahme von Exxon suchen sich die großen Gesellschaften neue Geschäftsfelder, zum Beispiel auf dem Gebiet der regenerativen Energien aber auch bei der Atomenergie. BP steht ja auch nicht mehr für "British Petroleum" sondern für "Beyond Petroleum" - also für das, was einmal nach dem Öl kommt.

Die ASPO bezeichnet das Ausgehen des Öls als gute Nachricht...

Gegenfrage: Wäre es eine gute Nachricht, wenn Öl sagenhaft billig würde? Wenn wir uns auch einen Dritt- und Viertwagen leisten könnten? Oder wenn wir uns überheizte Wohnungen sorglos leisten könnten? Das Ende des Erdölzeitalters bietet uns die Chance zum Übergang zu einer Gesellschaft mit einer ökologisch tragbaren Lebensweise - gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Milliarden Menschen unsere Lebensweise erst noch anstreben.

Wieviel wird der Liter Benzin auf dem Weg dorthin kosten?

Das ist eine Frage für einen Wirtschaftswissenschaftler. Bei 50 Euro pro Liter wird vermutlich niemand mehr mitmachen. Oder werden es 20 Euro sein?

Wird ihr nächstes Auto noch einen Verbrennungsmotor haben?

Ich fahre einen sparsamen Diesel-Pkw, und wenn ich ihn erneuere, dann kaufe ich mir wohl wieder einen. Ich brauche den Wagen, weil ich außerhalb von Bayreuth wohne. Aber es wird unheimlich teuer werden.

Das Gespräch führte Joachim Dankbar.

ZUR PERSON

Professor Dr. Klaus Bitzer ist Geologe an der Universität und vielzitierter Experte in Fragen von Öllagerstätten. Er promovierte über Ölfelder in der Nordsee und forschte an den Universitäten in Stanford, Freiburg und Barcelona. Im Rahmen eines Forschungsauftrags befasste er sich mit Verbesserungen bei der Förderung eines mexikanischen Ölfelds. Bitzer ist Mitglied der deutschen Sektion der „Association for the Study of Peak Oil“(ASPO), einem unabhängigen Zusammenschluss von Fachleuten, die sich mit den Grenzen der Ölförderung befassen.

    
    

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