» zur Übersicht Interview
    
    
Artikel
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
"Keine Europäer zweiter Klasse"

Die Ausweisung von aus Rumänien stammenden Roma aus Frankreich hat international für Proteste gesorgt. Florin Cioaba, der Vertreter der Volksgruppe in Deutschland, befürchtet einen Dammbruch für den Umgang mit den Roma in Europa.

  • Roma Aus Frankreich wurden vor wenigen Tagen zahlreiche Roma gegen eine Prämie in die rumänische Hauptstadt Bukarest zurückgeschickt.
    dpa
  • Florin Cioaba Florin Cioaba, Vertreter der Volksgruppe der Roma in Deutschland
Bild von
.
Herrr Cioaba, wie beurteilen Sie die aktuellen Vorgänge um die Roma-Ausweisung in Frankreich?
 
Das beunruhigt uns sehr. Andere Länder haben bereits signalisiert, ähnlich verfahren zu wollen wie Frankreich. Hier wird das Recht auf Freizügigkeit in der EU massiv verletzt - und das von staatlicher Seite. Dieses Recht haben alle Bürger von Staaten, die der EU beigetreten sind. Der Westen muss sich dessen klar sein, dass mit dem EU-Beitritt osteuropäischer Länder eine Migration von Roma und anderen Menschen zu erwarten ist. Nach den Beschwernissen der kommunistischen Zeit und angesichts der Armut in diesen Ländern emigrieren Menschen.
 
Was erwarten die Emigranten vom Westen?
 
Sicher emigrieren nie die Reichen, sondern immer die Armen. Alle die darauf gehofft haben, dass die westlichen Länder für sie ein "Gelobtes Land" sein werden und sie integrieren würden und dass sie dort Arbeit finden, haben sich bitter getäuscht. Sie haben alles aufgegeben, um ins Ausland zu ziehen - und sind dort auf strenge Gesetze, Diskriminierung und Hass gestoßen. Ich spreche hier natürlich von Menschen, die sich integrieren wollen. Ich werde niemals Leute verteidigen, die ins Ausland gehen, um zu stehlen, zu betteln und kriminell zu sein. Dafür gibt es Gesetze. Für die aber, die sich integrieren und arbeiten wollen, setzen wir uns ein. Wir reagieren hier so scharf, weil wir nicht glauben, dass es in der EU zwei Klassen von Europäern geben darf. Wir Roma sind keine Europäer zweiter Wahl. Wenn Roma ausgewiesen werden wie in Frankreich, werden ihre Grundrechte mit Füßen getreten.
 
Vor drei Jahren stellte sich das gleiche Problem in Italien. Brauchen die westlichen Länder regelmäßig Sündenböcke?
 
Ein großes Dilemma besteht darin, dass nur über Roma gesprochen wird, aber nicht über andere Volksgruppen, die das Gesetz übertreten. 2007 in Italien kam es zu einer diskriminierenden Diskussion über Roma und die öffentliche Sicherheit in Italien im Wahlkampf. Da wurden Ressentiments geschürt und Vorurteile bedient. Jetzt hat Präsident Sarkozy ein Popularitätstief - und wieder müssen die Roma als schwarze Schafe herhalten. Die Roma werden instrumentalisiert, um aus populistischen Gründen härtere Ausländergesetze durchzusetzen, weil man sich nicht an andere Volksgruppen heranwagt, um nicht diplomatische Beziehungen zu gefährden.
 
Welche Rolle spielt es, dass die Roma keine Titularnation haben?
 
Die Roma gehören zu keinem Staatsvolk, das in einem Land lebt und sie schützt und verteidigt, wie das bei anderen Minderheiten der Fall ist. Und Rumänien zieht es vor zu schweigen, statt lautstark zu protestieren. Es scheint hier Absprachen zwischen den Regierungen zu geben. Vor einigen Tagen hat ein Abgeordneter der Regierungspartei PDL erklärt, dass die Roma als Nomaden nur zufällig in den Grenzen Rumäniens leben und nur der Volkszählung nach rumänische Staatsbürger sind. Das ist eine absurde Aussage. Wir leben hier nachweislich seit dem Jahr 1200. Wir sind Staatsbürger Rumäniens, wie die Rumänen und die anderen Minderheiten auch. Dieser Abgeordnete will auch ein Gesetz einbringen, dass die Roma sich künftig "Zigeuner" nennen sollen, um die sprachliche Verwechslung zwischen "Roma" ("Rromi") und "Rumänen" ("Români") zu vermeiden, so als wären wir ein öffentliches Übel oder die Mafia.
 
Wie viele Roma aus Rumänien leben derzeit überhaupt in Frankreich?
 
Wir gehen von maximal 30 000 aus. Viele Roma aus Tschechien und Bulgarien geben sich als Roma aus Rumänien aus. Der französische Staatssekretär Pierre Lellouche spricht von zweieinhalb Millionen Roma in Frankreich, wobei die Mehrheit aus Rumänien stamme. Das ist das purer Unsinn. Doch es wird nur von den Roma aus Rumänien gesprochen, nicht von denen aus Tschechien oder Polen. Dort nehmen die Staaten eine ganz andere Haltung ein und verteidigen die Rechte ihrer Roma.
 
Was erwarten Sie von der rumänischen Staatsführung?
 
Präsident Traian Basescu hat sehr richtig festgehalten: Die Roma-Frage ist ein europäisches Problem. In allen EU-Ländern leben insgesamt zwölf Millionen Roma, deren Probleme können nicht von den einzelnen Staaten allein gelöst werden. Es braucht eine europäische Lösung. Der Präsident verteidigt unsere Rechte, was wir von der Regierung nicht sagen können. Weder der Premier noch der Außenminister haben einen Finger gerührt und auch nichts gesagt zu den Ankündigungen der französischen Regierung, unbeeindruckt von den Protesten der EU und der internationalen Öffentlichkeit, den eingeschlagenen Kurs noch zu verschärfen. Es braucht auf nationaler wie internationaler Ebene nachhaltige Strategien und Projekte in vier Bereichen: Wohnraum, Bildung, Gesundheit, Arbeitsplätze. Wenn unsere Menschen in Lohn und Brot kommen, Berufsausbildung erhalten und auch Absatzmärkte für ihre Handwerksprodukte auf EU-Ebene finden, werden sich viele Probleme von selbst lösen. Bildung ist der beste Weg, um auch die Mentalität der Roma nachhaltig zu verändern.
 
Was erwartet die Heimkehrer?
 
Sie haben kein Geld, keinen Wohnraum und keinen Arbeitsplatz. Niemand will sie haben. Und von der Rückkehrprämie von 300 Euro können sie nicht leben. Rumänien hat hier keinen Plan. Der Weg in Armut und Elend ist vorgezeichnet.
 
Das Gespräch führte Jürgen Henkel.

ZUR PERSON


Florin Cioaba aus Sibiu, dem frühreren Hermannstadt, in Rumänien trägt seit 1997 den Titel "König der Roma". Der 57-Jährige gilt auf nationaler wie internationaler Ebene als wichtiger Repräsentant seiner Volksgruppe. Cioaba ist Erster Vizepräsident der Internationalen Union der Roma (IRU) sowie Präsident des Plenums des "Europäischen Forums der Roma in Europa", in dem Roma-Gruppen aus allen Ländern des Europarats vertreten sind.
jh
    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Ȇbersicht Interview

Wolfgang Niedecken

Seiltanz durchs Leben

Die Haare sind grau geworden. Die Jahre haben im Gesicht Spuren hinterlassen, aber die Augen strahlen noch immer jugendlich. Kürzlich ist Wolfgang Niedecken 60 geworden. Für den BAP-Frontmann kein Grund, einen Gang runterzuschalten. Zum Geburtstag erschien seine Autobiographie, das neue Album der Kölsch-Rocker ist fertig und eine ausgedehnte Tour schließt sich an. Ein Sonntagsgespräch über eine glückliche Kindheit im Nachkriegs-Köln, die Entscheidung zwischen Musik und Malerei und den Aufstieg einer Garagen-Band zur erfolgreichsten deutschen Rockgruppe. »mehr
    
    

 
Die Frankenpost-Interviews im Überblick: Von A bis...

Die Frankenpost ist ständig für Sie im Gespräch mit Berühmtheiten aus Kunst und Kultur, mit Prominenten aus Politik und ... »mehr
    
 
    

 
Der Seelen-Verbinder

Spätestens mit seinem gefeierten Auftritt bei den Salzburger Festspielen 2005 an der Seite von Anna Netrebko in Verdis „... »mehr
    
 
    

 
„Musik bringt die Seele zum Schwingen“

Die Miro-Nemec-Band feiert am 26. März mit einem Konzert in der Hofer Bürgergesellschaft ihr 15. Jubiläum. Mit viel Spaß... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Prospekte aus der Region

Reichel Holzspezi
    
    

Magazine

Wir in Wunsiedel Februar 2012
Nördliches Fichtelgebirge Ausgabe 4
Thüringen im Blick
Schlaglichter 2011
Gesundheitsführer Kulmbach
Gesundheitsführer Naila
Hochzeitsmagazin November 2011
Frankenreiter November
Börsenforum Oktober 2011
Leserreisen Oktober 2011
Berufsmagazin
Besser Bauen schöner Wohnen
5. Sechsämterland Holztage
Gesundheitsführer Hof 2011
Gesundheitsführer Münchberg
Gesundheitsführer Selb
Erfolgreiche Familienunternehmen
Bikers Guide
Gesundheitsführer Rehau
Gesundheitsführer Wunsiedel
    
Anzeige
Marktplatz und Bayreuther Woche
Logo Frankenwäldler
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Mit roten Händen gegen Kindersoldaten

Mit knallroter Farbe die Hände anmalen: Das machten am Mittwoch eine Menge Politiker in Berlin. Die Politiker waren Abgeordnete des deutschen Parlaments - des Bundestages. »mehr
    
    

Die Sache mit den Beiträgen

Frage des Tages
Ein Leser fragt: "Warum muss ich für meine verstorbene Frau Krankenversicherungsbeiträge zahlen?" "Diese Frage stellen Bezieher einer Hinterbliebenenrente häufig", erklärt Rudolf Degelmann von der AOK Bezirksdirektion Hof auf Anfrage unserer Zeitung. »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Die neuen Party-Pix vom Wochenende 

Fasching in Schönwald, HipHop-Party im Hofer H.1, 80er-Fete im Rockwerk - hier geht es zu den aktuellen Bildern vom Feier-Wochenende. »mehr
    
    

Börseninformationen