zuletzt bearbeitet: 06.07.2011 11:26 Uhr
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"Oberfranken können stolz sein"
Dr. Hans F. Trunzer geht nach fast 30-jähriger Tätigkeit in der Handelskammer in den Ruhestand. Im Gespräch mit der Frankenpost lobt er den Mittelstand. Gleichzeitig ruft er die Region zu mehr Geschlossenheit auf.
Herr Dr. Trunzer, freuen Sie sich auf den Ruhestand?
Meine Gefühle sind zwiespältig. Einerseits hänge ich natürlich nach 30 Jahren sehr an der Industrie- und Handelskammer und den mit ihr verbundenen Aufgaben. Andererseits freue ich mich darauf, mich den vielen Dingen, die bislang aufgrund meiner hohen beruflichen Beanspruchung zu kurz gekommen sind, wieder intensiver widmen zu können.
Zum Beispiel?
Nun kann ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Und ich habe vor, viel zu reisen. Ich bin zwar ziemlich viel in der Welt unterwegs gewesen, aber Neuseeland und Südamerika fehlen mir noch. Und schließlich möchte ich wieder mehr meinen sportlichen Hobbys nachgehen. Volleyball und Fußball in den Dozentenmannschaften der Uni Bayreuth - das hat mir immer viel Spaß gemacht.
Für welche Mannschaft schlägt denn Ihr Fußballherz?
Schwierige Frage. Auf internationaler Ebene drücke ich Bayern München die Daumen. Aber als Franke hänge ich natürlich besonders am 1. FC Nürnberg.
Bayern und Nürnberg - das geht eigentlich gar nicht!
Doch! Ich fühle mich ja auch als Bayer und bin zugleich auch Franke.
Genug mit Fußball und zurück zum Beruf. Gehen Sie als zufriedener Hauptgeschäftsführer?
Ja! Mir hat meine Arbeit Spaß gemacht und Freude an der Arbeit ist der beste Motivator. Ich denke, wir haben in all den Jahren auch vieles bewegen können.
Auf was sind Sie besonders stolz?
Mir war es immer wichtig, den Innovationsstandort Oberfranken zu stärken. Die IHK war zum Beispiel maßgeblich daran beteiligt, dass das Kompetenzzentrum für Neue Materialien in Bayreuth entstanden ist und die Fraunhofer-Projektgruppe "Prozessinnovation" in Oberfranken ihre Arbeit aufgenommen hat. Was die wissenschaftliche Infrastruktur neben den Universitäten und Hochschulen angeht, war der Bezirk ja lange Zeit ein weißer Fleck auf der Landkarte. Auch das Automobil-Netzwerk Ofracar oder die Innovationsoffensive Oberfranken sind Vorzeigeprojekte unserer Kammer. Mit gewissem Stolz blicke ich auf die Arge 28 zurück. Dieser Organisation von Kammern aus Regionen an den vormaligen Außengrenzen zu den neuen EU-Mitgliedsländern ist es gelungen, nicht nur die Regionalförderung in den Grenzregionen zu erhalten, sondern auch dazu beizutragen, dass diese erhebliche Zusatzmittel erhalten haben.
Die Oberfranken gelten nicht unbedingt als einfach...
...aber wir können doch stolz auf uns sein. Unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen leisten hervorragende Arbeit, viele gehören zu den Weltmarktführern in ihrem Bereich. Dass wir die Finanz- und Wirtschaftskrise so gut überstanden haben, verdanken wir vor allem unserem starken Mittelstand.
Unser Einwurf zielte eher auf die mangelnde Geschlossenheit ab.
Das ist in der Tat ein wunder Punkt. Wir könnten viel mehr erreichen, wenn die Zentren mehr zusammenarbeiten und wir geschlossen unsere Interessen vertreten würden. Es ist uns noch nicht gelungen, eine gemeinsame Identität zu schaffen.
Genussregion Oberfranken, Bierland Oberfranken, Oberfranken Offensiv - Forum Zukunft Oberfranken, Kuratorium Hochfranken - haben wir zu viele regionale Initiativen?
Ich habe großen Respekt vor dem Engagement der Akteure all dieser Initiativen. Aber wir verzetteln uns häufig.
Der Hofer Hochschul-Präsident Professor Jürgen Lehmann will den Bezirk zur "Green-Tech-Region" machen. Was halten Sie davon?
Das ist ein interessanter Ansatz. Aus meiner Sicht wäre es die richtige Strategie, wenn wir für jeden Landkreis ein derartiges Leuchtturm-Projekt hätten. "Green-Tech" würde zu Hof passen. Die Kompetenzen dafür sind ja dort vorhanden.
Kann möglicherweise die neue Dachmarke von Oberfranken Offensiv - Forum Zukunft Oberfranken den Bezirk vereinen?
Ich begrüße es, dass die Vorsitzende, Staatssekretärin Melanie Huml, gemeinsam mit Regierungspräsident Wenning die Initiative ergriffen hat und ich bewundere, wie beide mit der teils heftigen Kritik umgehen, die der Dachmarken-Prozess ausgelöst hat. Hier äußern sich viele vorschnell negativ, ohne sich mit den Inhalten näher befasst zu haben. Skeptisch bin ich allerdings, was die Nachhaltigkeit des Vorhabens angeht. Dazu bräuchte man eine bessere finanzielle Ausstattung.
Kann man nur mit Geld etwas bewirken?
Nein, im Gegenteil. Selbst wenn wenig Geld vorhanden ist, lässt sich mit Geschlossenheit und unentgeltlichem Engagement viel erreichen. Nehmen Sie den Landkreis Cham als Beispiel. Obwohl die strukturellen Voraussetzungen dort nicht die günstigsten sind, ist der Kreis erfolgreich, weil sich eine regionale Identität herausgebildet hat, gepaart mit kreativem Engagement.
Guttenberg, Friedrich, Koschyk - politisch hat Oberfranken mittlerweile doch einigen Einfluss.
In Berlin schon, dort sind wir hervorragend vertreten. Dafür sieht es in Bayern düster aus. Umweltstaatssekretärin Melanie Huml ist in der Staatsregierung eben Einzelkämpferin für oberfränkische Interessen. Oft wird an Oberfranken vorbei Politik gemacht.
Woran denken Sie konkret?
Ein plakatives Beispiel aus jüngster Zeit ist die einseitige Besetzung des Zukunftsrats der Staatsregierung. Dem 22-köpfigen Gremium gehören allein 15 Persönlichkeiten aus Oberbayern an. Oberfranken, Niederbayern und Schwaben sind hingegen überhaupt nicht vertreten. Das ist übrigens nicht das einzige Gremium mit regionaler Schieflage. Die Folgen liegen auf der Hand. Jeder weiß, dass über die Zusammensetzung von Gremien auch Politik gemacht wird.
Es gibt immer wieder Stimmen, die die Zwangsmitgliedschaft der Unternehmen in der Handelskammer abschaffen wollen. Ärgert Sie das?
Unter den über 50 000 Mitgliedern unserer IHK gibt es natürlich auch Kritiker, oftmals solche, die vom Beitrag befreit sind oder nur einen ganz geringen zahlen. Mein Verständnis für diese Forderung hält sich in Grenzen.
Das haben wir erwartet.
Im Rahmen unseres Qualitätsmanagements lassen wir regelmäßig unsere Mitglieder befragen. Demnach sind durchschnittlich 75 Prozent der Firmen mit unserer Arbeit zufrieden bis sehr zufrieden. Auffällig ist, dass die Zufriedenheit umso größer ist, je intensiver das Unternehmen mit uns zusammenarbeitet. Ich kann nur an alle Betriebe appellieren, unsere zahlreichen Informations-, Beratungs- und Kooperationsangebote in Anspruch zu nehmen. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass die IHK maßgeblich Anteil daran hat, dass reichlich Fördermittel nach Oberfranken geflossen sind und noch immer fließen. Davon profitiert nicht nur die Wirtschaft erheblich.
Ein weiteres unangenehmes Thema ist die Insolvenz der IHK-Akademie, die auch ein juristisches Nachspiel für einige ehemalige Kammer-Manager hat. Wie sehr schadet das dem Ruf der IHK?
Natürlich haben wir dadurch einen Imageschaden erlitten. Wir ärgern uns maßlos über das, was passiert ist. Aber mitunter wird auch ein falscher Eindruck erweckt. Der tatsächliche Schaden bei den Förderprojekten liegt meines Erachtens weit unter 4 Millionen Euro. Die hohe Summe kam dadurch zustande, dass einfach alle Fördermittel, die die Akademie erhalten hat, addiert wurden. Es wurden aber auch erfolgreiche Projekte realisiert. Allerdings wurde in etlichen Fällen auch gegen die Subventionsrichtlinien verstoßen.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sie haben drei Wünsche frei. Welche wären das?
Erstens: Gesundheit für mich und meine Familie. Zweitens: Ich würde gerne geistig rege, neugierig und offen für Neues bleiben. Und drittens wünsche ich mir, dass es Oberfranken gelingt, sich im immer härter werdenden Wettbewerb der Regionen erfolgreich zu positionieren.
Das Gespräch führte Matthias Will.
ZUR PERSON: HANS F. TRUNZER
Dr. Hans F. Trunzer, geboren 1945 in Dinkelsbühl (Mittelfranken), ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Seit knapp drei Jahrzehnten arbeitet er in der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken in Bayreuth. Am Freitag, 17. September, wird er als Hauptgeschäftsführer im Rahmen einer Feier mit zahlreichen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in den Ruhestand verabschiedet. Nachfolgend einige wichtige Stationen in Trunzers beruflichen Karriere:
Studium der Volkswirtschaftslehre an der TU München und an der Universität Erlangen-Nürnberg
Promotion über das Thema "Infrastrukturinvestitionen und Wirtschaftswachstum"
1981 Eintritt in die Industrie- und Handelskammer für Oberfranken in Bayreuth
Landesgeschäftsführer der Wirtschaftsjunioren Bayern 1985/86
Ernennung zum Ehrensenator der Weltorganisation der Wirtschaftsjunioren (JCI) 1988
Stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer 1988 bis 2007
Von 1998 bis 2008 ist Trunzer federführend bei der Arge 28 - ein Zusammenschluss von Wirtschaftskammern aus Deutschland, Österreich, Italien und Griechenland. Ziel der Arbeitsgemeinschaft war es, die Kräfte der Grenzregionen zu bündeln.
Lehrauftrag für das Fach "Standort- und Investitionsplanung" an der Universität Bayreuth
Hauptgeschäftsführer der IHK 2007 bis 2010
Träger zahlreicher Auszeichnungen - unter anderem des Bundesverdienstkreuzes und der Europamedaille der EVP-Fraktion im EU-Parlament
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