zuletzt bearbeitet: 17.02.2011 14:36 Uhr
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„Das Elend der Frauen nimmt zu“
Zwangsprostitution | Interview mit Cathrin Schauer vom Sozialprojekt Karo über Finanzprobleme und die alltägliche Gewalt
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Razzien der Polizei gegen Zwangsprostitution bringen meistens wenig, weil die Frauen Angst haben und sich nicht trauen, gegen ihre Peiniger auszusagen, denn die Rache der Zuhälter kann äußerst brutal ausfallen Foto: Archiv, dpa -
„Man kann sich die Spirale der Gewalt kaum vorstellen“: Cathrin Schauer von Karo Foto: I. P.
Weil uns die finanziellen Mittel fehlen, um die Arbeit für das nächste Jahr sicher planen zu können. Zum Jahresende laufen zwei EU-Projekte aus, neue sind noch nicht bewilligt und wir können nicht mit Geld planen, das uns nicht sicher zugesagt ist.
Um welche Summe geht es?
Wir haben einen Jahresetat von etwa 180 000 Euro. Unsere Arbeit ist sehr umfangreich. Wir betreiben zwei Beratungsstellen, eine in Plauen und eine in Cheb, kümmern uns um die Opfer von Menschenhandel, leiten Arbeitskreise, machen Straßensozialarbeit im Bereich der Gesundheits- und Gewaltprävention, bieten Ausstiegshilfen und vieles mehr – alles, was in diesem Bereich dringend notwendig ist.
Sachsen hat seit dem Jahr 2004 keine Unterstützung mehr gegeben. Sind die Folgen von Zwangsprostitution im Grenzgebiet denn ein Problem, das nur die EU zu kümmern hat?
Ich finde, für Deutschland ist es eine politische Notwendigkeit, sich des Themas anzunehmen. Wir müssen doch sehen, dass all die Probleme mit Prostitution im Grenzbereich entstanden sind, weil es deutsche Männer gibt, die Frauen und Kinder sexuell ausbeuten. Ich finde es deshalb katastrophal, wenn sich Deutschland dieser Verantwortung entziehen würde. Wir von Karo haben zahlreiche Netzwerke aufgebaut und unsere Arbeit ist auch vielfach anerkannt. Ludmila Irmscher und ich erhielten für unser Engagement den Preis Frauen Europas – Deutschland 2002. Ich wurde im Rahmen des Projektes 1000 Peacewomen in den Jahren 2005 und 2006 für den Friedensnobelpreis nominiert.
Was hat sich in den zehn Jahren, die Sie für Karo arbeiten, in Sachen Zwangsprostitution verändert?
Die Situation hat sich leider verschlimmert. Das Elend der Frauen nimmt zu. Die meisten sind extrem traumatisiert. Sie kamen häufig schon als Minderjährige in die Zwangsprostitution. Man kann sich die emotionale Verelendung und die Spirale der Gewalt kaum vorstellen. Es gibt so viele Beispiele ... Wir von Karo hatten Kontakt zu einem zwölfjährigen Mädchen, das von seinem Stiefvater zur Prostitution gezwungen und nach Deutschland verkauft wurde. Als sie 13 war, bekam sie ein Kind und musste bis buchstäblich zur letzten Minute vor der Entbindung auf der Straße stehen. Es kommt oft vor, dass tschechische Zwangsprostituierte gezielt geschwängert werden, weil deutsche Männer für schwangere Frauen einen höheren Preis zahlen. Dieses Mädchen musste nach der Entbindung sofort wieder als Prostituierte arbeiten. Jetzt ist sie erwachsen und verkauft selbst Kinder in den Missbrauch. Die jahrelange unsägliche Gewalt hat ihre Emotionen völlig abgetötet. Oder ein anderes Beispiel: Ein Mann, der als kleiner Junge in die Prostitution kam und viel Gewalt erfuhr, arbeitet heute mit extremer Brutalität als Zuhälter. Seine Freundin stellt er den ganzen Tag zur Prostitution auf die Straße, auch als sie hochschwanger war, und er schlägt sie regelmäßig so, dass diese Gewalt für jeden sichtbar ist. Es ist eine Katastrophe, was die Frauen und Kinder erleiden – für jeden Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft.
Spielt sich die Zwangsprostitution vor allem in Tschechien ab oder auch auf deutscher Seite?
Natürlich auch hier bei uns. Auf deutscher Seite gibt es Wohnungsprostitution, für die die Frauen hin- und hertransportiert werden. Das ist klar Menschenhandel. Mit weiterer Öffnung der Grenzen ist zu befürchten, dass sich das weiter verschärfen wird.
In Hof sind vor einiger Zeit drei Prostituierte umgebracht worden. Hat Sie das überrascht?
Solche Taten sind immer erschütternd und bestürzend, auch für uns. Aber man muss wissen, dass es ein Milieu ist, in dem massive Gewalt sehr häufig ist. Frauen in der Zwangsprostitution sind extrem gefährdet, doch auch die Prostituierten, die allein in Wohnungen arbeiten. Gewaltfantasien nehmen zu, aber das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
In Sachsen wurden im Jahr 2006 nur sechs Fälle von Menschenhandel mit sexuellem Hintergrund festgestellt. Gibt diese Zahl die Wirklichkeit wieder?
Nein, auf keinen Fall. In diesem Bereich ist die Beweisführung schwierig, denn man braucht immer die Aussage des betroffenen Kindes oder der Frauen und die trauen sich nicht, denn diese betroffenen Frauen und Kinder unterliegen fast immer massiver psychischer und physischer Gewalt. Im Bereich der Kinderprostitution spielt sich vieles auch nicht mehr öffentlich ab. Treffpunkte werden übers Internet oder Handy ausgemacht. Auch das beeinträchtigt die Handlungsfähigkeit von Ermittlungsbeamten.
Im Zusammenhang mit dem Verschwinden der kleinen Maddie in Portugal kam auch der Verdacht auf Kindsmissbrauch auf. Halten Sie eine derartige Entführung für möglich?
Durchaus. Auch in Deutschland gibt es eine gewisse Zahl von dauerhaft verschwundenen Kindern. Leider passieren immer wieder schreckliche Dinge, die für viele Menschen unvorstellbar sind. Aber diese Kinder würden nicht im Straßenstrich auftauchen. Da ist dann von einem Einzeltäter oder einem streng abgeschirmten Netzwerk auszugehen.
Welche Männer nehmen die Dienste von Prostituierten in Anspruch?
Sie kommen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten, auch gut situierte Männer aus der Mittel- und Oberschicht, und sie haben die unterschiedlichsten Motive. Wir versuchen auch, Sextouristen zu sensibilisieren und so den Frauen zu helfen. Da ist es uns in den vergangenen Jahren gelungen, ein gutes Netzwerk zur Prävention aufzubauen.
Sie wollen im tschechischen Grenzgebiet ein Frauen- und Kinderschutzhaus aufbauen. Was wird aus dem Projekt?
Wir haben bereits Spenden gesammelt und ein kleines Netzwerk von Unterstützern. Wir wollen das Projekt auf jeden Fall voranbringen. Es wäre für die betroffenen Frauen und Kinder eine Katastrophe, wenn es Karo nicht mehr gäbe. Und es ist eine Katastrophe, dass es in unserem hochentwickelten Zeitalter noch immer solche gravierenden Menschenrechtsverletzungen gibt. Dagegen können und müssen wir alle etwas tun. Also machen wir auf jeden Fall weiter. Aber es kommt auch darauf an, wie wir ein Büro oder unsere Beratungsstellen unterhalten können. Wir werden auf jeden Fall weiterkämpfen – zur Not ehrenamtlich.
Interview: Elfriede Schneider
Spenden an Karo sind möglich bei Volksbank Vogtland, Bankleitzahl 87095824, Kontonummer 5002076014.
Informationen im Internet unter www.karo-ev.de
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