zuletzt bearbeitet: 08.07.2011 12:06 Uhr
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Wundersame Wandlung
Hofer Jazztage | Warum sich die ostdeutsche Szene keineswegs verstecken muss.
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„Auf meine alten Fans kann ich mich doch verlassen“ -
Sie haben sich etwas zu sagen – auch musikalisch: Uschi Brüning (rechts) und Ernst-Ludwig Petrowsky, die am 12. Oktober bei den „Hofer Jazztagen“ zu erleben sind. Uschi Brüning tritt bereits am 11. Oktober im Rahmen der „Vier Temperamente“ mit Manfred Krug auf. Foto: Foto-Karsten -
Manfred Krugs Amiga-Platte „Das war nur ein Moment“. -
Das Singen als Passion: der Entertainer Manfred Krug. Foto: dpa
Berlin/Hof – „Machen die sich noch warm, oder spielen die bereits?“ So lautete die etwas unsichere Frage eines Freundes beim Besuch unseres ersten Jazz-Konzertes. Wir schreiben Mitte der 80er Jahre. Im großen Hörsaal der Friedrich-Schiller-Universität in Jena hat sich Prominenz angesagt. Der Posaunist Konrad „Conny“ Bauer im Verbund mit dem brasilianischen Kontrabassisten Marcio Mattos und dem südafrikanischen Schlagzeuger Louis Moholo. Sie machten sich doch nicht mehr warm – und es war einfach unglaublich ...
Die 80er Jahre in der DDR. Die Wogen im sozialistischen „Arbeiter- und Bauernstaat“ hatten sich gerade etwas geglättet – allerdings nur, was den Jazz anging. Die einst von den Regierungsoberen als „Negermusik“ verunglimpfte Kunst mutierte wundersamerweise und in kurzer Zeit zum „Bestandteil der sozialistischen Musikkultur in der DDR“ – so war es in den offiziellen Schriften zu lesen. Den Fans sollte dies natürlich recht sein: Kamen doch die internationalen Stars der Szene gleich reihenweise in den Osten. Sie spielten bei der „Jazz-Werkstatt“ im Spreewald-Örtchen Peitz und zu den Leipziger Jazztagen, sie gastierten in Jena und im sächsischen Freiberg.
Sogar das staatliche Schallplattenlabel Amiga verlegte Scheiben mit den begehrten West-Künstlern. So stand plötzlich Vinyl von Miles Davis und Chick Corea, von Gil Evans und Archie Shepp, vom Art Ensemble of Chicago, Charlie Parker, Billy Cobham, Peter Herbolzheimer und anderen Größen mehr in den Regalen – eine Ausnahme in der sonst vom Wir-machen-alles-selbst-Wahn geprägten DDR.
Ob live oder von der Konserve – eines wurde dem gemeinen Jazzfan schnell klar: Die „Ossis“ konnten mit den internationalen Stars absolut mithalten. Besser noch. Sie fanden – teilweise auf deutschem Volksliedgut aufbauend – sogar eine ganz eigene Sprache; fernab der an den amerikanischen Vorbildern orientierten westdeutschen Kollegen. Solch sich den gängigen Marktmechanismen verweigerndes, trotziges Selbstbewusstsein zeitigte natürlich Ergebnisse: Der bereits erwähnte Konrad Bauer sowie Günter „Baby“ Sommer, Ulrich Gumpert und Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky und andere Jazzer wurden mehrfach zu Konzerten und Plattenproduktionen in den Westen eingeladen. Kein Wunder, wirkte doch der vom West-Standard weitgehend entkoppelte DDR-Jazz auf die bundesdeutsche und internationale westliche Jazzszene erfrischend anders.
Der Saxofonist Petrowsky, er erlernte sein Instrument autodidaktisch, spielte eine wichtige Rolle im DDR-Jazz, bereitete mit Gruppen wie SOK und Synopsis bereits Anfang der 70er Jahre den Boden für eine ebenso kreative wie intensive Szene. Seine musikalische Identität schuf sich der Saxofonist durch ein stark rhythmisiertes Blasen. Petrowsky spielte mit Größen wie dem Geiger Didier Lockwood, dem Schlagzeuger Peter Erskine, dem Keyboarder Jasper van’t Hof sowie den Saxofonisten Alan Skidmore und Joe Henderson. Er durfte Platten mit dem Klarinettisten John Carter und der „George Gruntz Concert Jazz Band“ aufnehmen. Berühmt wurden Petrowsky und seine Mitstreiter durch die Gründung des „Zentralquartetts“, des wohl wichtigsten Ensembles des freien Jazz in der DDR. Und noch etwas brachte Petrowsky ins Rampenlicht: seine Zusammenarbeit mit der einige Berühmtheit genießenden Jazzsängerin Uschi Brüning. Nur Stimme und Saxofon – ein ganz einmaliges Erlebnis. Das rührt nicht zuletzt daher, dass die Brüning zwar dem Jazz ihr Hauptaugenmerk widmet – nichtsdestotrotz auch eine brillante Blues- und Chansonsängerin ist.
Das stellte sie auch bei Auftritten mit einem Sänger namens Manfred Krug unter Beweis. Dieser Krug, in der DDR ein sehr beliebter Schauspieler, wurde 1970 vom legendären Regisseur Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin als Sporting Life in George Gershwins Oper „Porgy and Bess“ besetzt. Von da an sang er auch. Produziert wurden bei Amiga diverse Longplayer mit seiner Musik, einer Art Kunstschlager, für die er unter Pseudonym die Texte selbst schrieb. Die Scheiben, so munkelte man, sollen so oft verkauft worden sein, wie die von allen anderen ostdeutschen Schlagersängern zusammen – bis Krug 1977 einen Ausreiseantrag stellte und seine Musik aus den Regalen wanderte. Im Westen angekommen, machte er sich bereits kurze Zeit später als „Liebling Kreuzberg“ und Kommissar Paul Stoever einen Namen – der Rest ist Geschichte.
Weitere Informationen zum
Programm im Internet unter
www.jazztage-hof.de. Karten
gibt’s im Vorverkauf im Ticket-Shop der Frankenpost, Telefon (0 92 81) 81 61 91.
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