zuletzt bearbeitet: 08.07.2011 12:06 Uhr
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Jazz – ein therapeutisches Wellness-Mittel
Geheiratet, sagen sie, hätten sie eigentlich gar nicht aus Liebe (und freilich sagen sie’s zum Scherz); sondern weil zwei Künstler als Ehepaar leichter ins Ausland reisen konnten, damals, vor 25 Jahren, in der DDR.
Geheiratet, sagen sie, hätten sie eigentlich gar nicht aus Liebe (und freilich sagen sie’s zum Scherz); sondern weil zwei Künstler als Ehepaar leichter ins Ausland reisen konnten, damals, vor 25 Jahren, in der DDR. Denn nicht nur ganz privat gehen Uschi Brüning und Ernst Ludwig Petrowsky gemeinsam durchs Leben, sondern auch, als Duo, musikalisch. In der ostdeutschen Jazzszene galten sie früh als Stars. Wirklich gab es ihn auch hier von Anfang an, den Jazz: Die Musik aus den USA drang ab 1945 über Radio AFN in den Osten – so lange die Störsender Ruhe gaben.
Es führt kein Weg vorbei
„Die Genossen Jazzer“: Saxofonist Ernst Ludwig Petrowsky erzählte zum Festivalschluss am Sonntag bei einer Matinee im Studio des Theaters Hof, mit Festival-Moderator Ado Schlier plaudernd, er habe sich vor dem Mauerbau in West-Berlin eine kleine, feine Schellack-Plattensammlung zusammengekauft. Und Uschi Brüning: „Um den Jazz kamen auch die Combos und Rundfunkorchester der DDR nicht herum. Wenn allerdings zu viel ‚Westmusik‘ mitklang, konnte das zu Berufsverboten führen.“ Was sie am eigenen Leib erfuhr. Andererseits gingen selbst Politiker an „qualifizierten“ Jazzern nicht vorüber. Den Nationalpreis – „dritter Klasse“ – heftete Erich Honecker persönlich an die Brust Petrowskys: „Er war wohl so wie ich von der Exotik der Begegnung überrascht“.
Schwieriger als die Kontaktaufnahme mit der Musik verlief jene mit ausländischen Musikern. „Wir bestanden“, erinnert sich Petrowsky, „in uns drinnen nur aus Mauern.“ Entsprechend „verkrampft“ gerieten erste internationale Treffen – wenn nicht gar starr andächtig: Als der Künstler unvermittelt neben dem (am 25. Juli verstorbenen) „schnellsten Saxofonisten“ der Welt, Johnny Griffin, zu sitzen kam, verschlug’s ihm schier die Sprache. Ebenso konnte der Verkehr mit den „Bruderländern“ unterkühlt verlaufen: Uschi Brüning musste erfahren, dass den Polen auch Deutsche aus dem Osten lang verdächtig waren. Es dauerte oft eine Weile, „bis die anderen merkten: Die lebt ja auch für die Musik, ganz so wie wir.“
Beide Partner leben für sie, spürbar. Nach ihrer „gemeinsamen Leichtigkeit“ fragt Ado Schlier die Gäste und erhält als Antwort viel Selbstironisches – „Unsere Ehe verdanken wir der Mauer“ –, wie überhaupt die Künstler das Publikum im voll besetzten Studio mit gelassener Heiter- und Natürlichkeit erfreuen. Fast an Loriot erinnern Petrowskys in klugen Worten sich verfangende Conférencen.
Mit vehementer Spielfreude und stets aufgelegt zum Experiment geben sie während der Matinee Beispiele für ihre virtuose Musikalität und ihren unangepassten Stilwillen: Uschi Brüning mit ihrer wendigen Stimme; und Ernst Ludwig Petrowsky, indem er dem Saxofon, aber auch der Klarinette, der Querflöte, sogar zwei rumänischen Hirtenflöten (gleichzeitig!) seinen prustenden, brummenden, summenden Atem verleiht. Die „Mauer in ihrem Innern“, bekundet das Paar, haben sie mit amerikanischer Swingmusik eingerissen. Als „therapeutisches Wellness-Mittel“ genießen sie seither den Jazz: „jedesmal ein Abenteuer“.
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