zuletzt bearbeitet: 08.07.2011 12:06 Uhr
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Welt des Jazz – innen wie außen
Tolle Mischung | „Vier Temperamente“ umreißen an einem Abend die ganze Bandbreite einer Musikrichtung.
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„Auf meine alten Fans kann ich mich doch verlassen“ -
Kongeniales Duo auf der Bühne: Manfred Krug und Uschi Brüning – Mann mit eigenwilligen Ansichten und stimmgewaltige Jazz-Sängerin Fotos: I. Pastierovic (2) / H.Kauper (2) -
Zarte Landschaftaquarelle mit dem Akkordeon malt Lydie Auvray -
Heinz Rudolf Kunze serviert unbequeme Wahrheiten in poetischen Bildern -
Aluna und die Meraner Jazz Society: vielsprachig unterwegs
Es geht los an der französischen Atlantikküste: Die Akkordeonistin Lydie Auvray entlockt den Knöpfen ihres weißen Balginstruments zarte Landschaftsaquarelle aus der Bretagne und der Provence. Aber ihre klanglichen Imaginationen inszenieren auch Großstadteindrücke – etwa als eine gedachte „Filmmusik für einen Streifen namens ‚Der vierte Mann‘ “, wie die zierliche Französin mit charmantem Akzent dem bezauberten Publikum erläutert.
Folk, Tango, Latino-Samba – die musikalische Palette der „Auvrettes“ bietet vielseitige Stimmungsbilder von Melancholie bis zur überschäumendem Frohsinn. Lydie Auvray hat bei ihren Kompositionen Geschichten im Kopf, die sie musikalisch erzählt. Etwa die von einem sommerlichen Familienausflug ins Grüne, zum Picknick an den See in „Guinguette“. Oder dem Musette-Stück „Für Else“, gewidmet ihrer Freundin Elke Heidenreich, das ihrer Meinung nach wie „Commissaire Maigret“ klingt. Oder ein trotziger, akzentuierter Tango aus ihren Jugendjahren unter dem Motto: Das kann ich auch ohne Euch!
Lydie Auvrays Stücke sind bis auf eines alle instrumental. Hier wirken ausschließlich die Melodien.
Nicht nur dieser Aspekt ist völlig konträr zum nächsten Temperament: Heinz Rudolf Kunzes Texte haben es in sich. Als „einen, der mitredet“, charakterisiert ihn Ado Schlier. Und das tut der 51-jährige buchstäblich. Seine Texte handeln von aktuellen politischen Situationen in Deutschland und der Welt, deren Missstände er unbeschönigt geißelt. Unbequeme Wahrheiten fasst er in griffige, teilweise poetische Bilder – wie „Ich bin der Sarg zum Nagel“ im „Blues für die Beste“. Schmiegsame Melodien, deren eingängiger Klang sich mit den Gedankenszenarien der Texte bricht, etwa bei einem seiner neuesten Stücke „Irr-Land“ – wie er eigens betont: mit „zwei „R“. Seinen Lieblingsfeinden, den Achtundsechzigern, widmet Kunze das Lied „Was haben wir angerichtet“, das melodisch Dylans „The Times they are a-changing“ zitiert – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werteverfall durch die absolute Ablehnung der Erben der Studentenrevolution von jeglichen Maßstäben und Regeln.
Vor dem letzten Stück seines Sets warnt Kunze sein Publikum: „Das fängt ganz harmlos an und endet in einer psychedelischen Perkussionorgie“. Gesagt – getan. In folkig angehauchtem Rock thematisiert Kunze den Irakkrieg als Beispiel für den Umgang miteinander im Kleinen und im Großen. Und die verbalen Ohrfeigen im soften Gewand münden wie versprochen in einem Rhythmusgewitter aus Schrappen über den Saiten, Klopfen auf den Corpora der Gitarren und der Violine und anderen Hämmern.
Balsam auf die Wunden
Nach der Pause ein weiterer Gegensatz: Aluna und die Meraner Jazz Society träufeln Balsam auf die von Kunze gerissenen Wunden. Bei den eingängigen Melodien kommt Tanztee-Stimmung auf. Weltmusik-Charakter hat das Repertoire der Südtiroler, das sich von nordafrikanischem Ethno-Pop bis galizischem Klezmer dehnt. Ihr erstes Lied „Habibi“, auf arabisch (!) gesungen, erinnert an Gipsy-Kings mit maghrebinischer Note. Portugiesisch, italienisch, jiddisch singt die „Society“ ebenfalls – „wir verstehen dabei meist gar nicht, was“, kokettieren sie mit der Sprache als Gestaltungselement. Auch bekannte Ohrwürmer wie „Bei mir bist Du schejn“, „Bella Ciao“ oder „Ne nanana“ interpretieren sie, teilweise mit einem ironischen Augenzwinkern, neu. Damit treffen sie den Nerv des Publikums, das begeistert mitsummt und -klatscht.
Als „große Überraschung des Abends“ von Ado Schlier angekündigt, folgt Temperament Nummer vier, „ein Mann mit Kanten und eigenwilligen Ansichten“: Manfred Krug. Zunächst erobert aber, nicht weniger markant, Sängerin Uschi Brüning die Bühne. Die Leipzigerin zählte zu den profiliertesten Jazz-Sängerin der DDR. Sie präsentiert stimmgewaltig Klassiker wie den „Son of a Preacherman“ oder eine jazzig arrangierte Version des Beatles-Songs „And I love You“ in ganz eigenem Charakter. Ihre Begleitmusiker stellen sich bei Soli oder im musikalischen Dialog vor, bis Manfred Krug ans Mikro tritt.
Auch er hat Klassiker im Programm, denen er eigenwillig seinen Stempel aufdrückt: Etwa dem „Lied vom Frosch aus der Sesamstraße“ – im Original Frank Sinatras „Isn’t easy bein’ green“ – das Krug neu vertextet und mit einigen Schrägheiten wie grünem Himmel garniert hat. Oder den „Bossa Nova aus einem To“, den er „schon zu DDR-Zeiten“ gespielt hat.
Im Verein mit Uschi Brüning entsteht ein kongeniales Gesangsduo. Eigens für die Hofer habe man „zu Herzen gehende Stücke“ vorbereitet, verkündet der Sänger-Schauspieler und intoniert mit erkennbarem Genscher-Akzent den 60er-Jahre-Schlager „Quando – Quando – Quando“. Im gesungenen Dialog des von Krug neu ins Deutsche übersetzten „Baby it’s cold outside“ kommen die beiden Charaktere – oder Temperamente – hervorragend zur Geltung: Mit warmem Timbre untermalt und ironisiert Krug im Duett die Melodieführung Brünings. Vom Hofer Publikum verabschieden sie sich mit einem von Krug neu vertexteten Armstrong-Stück („hier singen wir die Westversion“). Ein wehmütiges Lied, aber es endet mit dem Versprechen „Auf Wiedersehen!“.
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