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Interview mit Max Raabe

Seit Beginn des Monats sind Max Raabeund das Palast Orchester mit ihrem neuenProgramm unterwegs durch DeutschlandsKonzerthallen. Ein Sonntagsgespräch mitdem beliebten Bariton über die Kunst desLiederschreibens und Langeweile



 

So!: Herr Raabe, der Titel Ihres neuen Konzertprogramms mit dem Palast Orchester lautet "Das hat mir noch gefehlt". Worauf ist dieser Satz gemünzt?

Max Raabe: Wir haben dieses Lied vor zehn, zwölf Jahren schon einmal gespielt in unserer Revue. Als wir dann für dieses Programm Titel gesucht haben, kam uns die Idee, einfach mal die Leute zu fragen, die immer in unsere Konzerte gehen. Dazu haben wir alle 600 aufführbereiten Titel von uns ins Netz gestellt.

So!: Bringen Sie auch neue Lieder mit?

Raabe: Für dieses Programm nicht. Ich bin gerade dabei, mit Annette Humpe und anderen zu schreiben. Die Platte wird voraussichtlich Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres rauskommen. Annette Humpe sagte mir, sie wolle kein ganzes Album mehr produzieren. Sie meint, wir hätten über alles, was uns so beschäftigt, schon geschrieben. Trotzdem sind uns schon wieder ein paar Ideen gekommen. Dank der beiden Platten mit Annette Humpe hat unser Publikum sich deutlich verjüngt. Die jungen Leute können jetzt nachvollziehen, was ich an den 20er-Jahren so spannend finde. Die neueren Lieder sind eine Fortentwicklung in der Geschichte, die da erzählt wird. Getragen nicht von einem Viervierteltakt, sondern von gemäßigt poppigen Beats.

So!: Sie sagten einmal, ohne Annette Humpe könnten Sie nicht mehr schreiben. Haben Sie es seitdem mal wieder alleine probiert?

Raabe: Ich habe auch schon mal etwas alleine probiert, aber das kippt sofort in die 30er-Jahre, ob ich will oder nicht. Mir macht es inzwischen viel mehr Spaß, mit anderen Leuten zu arbeiten und sich den Ball gegenseitig zuzuwerfen. Mit Leuten, die einen Song von mir auffangen und gut finden, den ich selbst sofort beiseitelegen würde, weil ich nicht an ihn glaube. Andere Leute treiben mich an und schubsen mich in eine Richtung, auf die ich alleine nicht gekommen wäre.

So!: Und wer sind diese anderen?

Raabe: Davon möchten wir jetzt noch nichts erzählen. Das sind Menschen, die in Berlin Musik machen aus dem Umfeld von Annette Humpe. Vielleicht wird man bei dem einen oder anderen Namen überrascht sein. Mit der Zeit haben sie gemerkt, dass es bei mir mit "Attacke" nicht getan ist, sondern ich mag es dezenter. Ich lasse mich gern auf die Leute ein, mit denen ich zusammenarbeite. Es wäre dumm, wenn man sich eine Chance verbaute. Bei Annette Humpe dachte ich anfangs: Ich bin doch nicht Udo Lindenberg, ich kann das nicht so oder so singen. Sie wiederum dachte, sie lasse sich total auf mich ein, und ich hatte das Gefühl, ich versuche etwas zu sein, was ich nicht bin. Durch diese Rangelei entstand etwas ganz Neues. Ich tue nicht so, als wäre ich ein Popkünstler, auch wenn die Beats und Begleitungen poppiger klingen.

So!: Versuchen Sie, sich von Trends fernzuhalten?

Raabe: Trends sind mir egal. Wenn es aber ums Texteschreiben geht, will ich nicht mit Fachbegriffen jonglieren, von denen ich keine Ahnung habe. Die Texte sind nie autobiografisch, aber so, dass man nachvollziehen kann, dass ich es so sage oder formuliere. Ich will nicht jemand anders sein, als ich in Wirklichkeit bin.

So!: Wollen Sie mit Ihren Liedern auch Zustände in unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen?

Raabe: Das habe ich noch nie gemacht. Es wäre auch gar nicht meine Aufgabe, ich bin ja kein Liedermacher, der versucht, den Leuten die Welt zu erklären. Ich erzähle ihnen meine Empfindungen über die Liebe oder irgendeine komische Geschichte. Eine eigentlich politische Aussage hat es auch in den 20er- und 30er-Jahren bei diesem Repertoire nicht gegeben. Ich versuche eher, einen ironischen oder merkwürdigen Blick auf eine Situation zu werfen, aber nicht gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen.

So!: Versuchen Sie, Ihren Stil immer mehr auf den Punkt zu bringen?

Raabe: Ich merke, dass ich in Bewegung bin. Ich habe zu Hause seit zwei Jahren Zugang zum Internet, und manchmal stoße ich auf meine eigenen älteren Titel im Computer. Und dann höre ich, dass ich früher immer versucht habe, die 20er-Jahre in der Stimmfärbung zu imitieren. Das geht mir heute ein bisschen auf die Nerven. Bei den neueren CDs und auch der Soloscheibe mit Christoph Israel habe ich viel erzählerischer gesungen. So wie ein Cello die Melodie führt. Es wird immer reduzierter und immer deutlicher in der Artikulation. Einfacher und dadurch stärker.

So!: Entdecken Sie in den Archiven noch viel brauchbares Material aus der Goldenen Ära?

Raabe: Früher sind wir immer in die Archive der Musikverlage gegangen. Das machen wir im Ausland manchmal noch so, aber im Großen und Ganzen bekommen wir heute viele Hinweise von Sammlern. Oder wir werden im Netz fündig. Das schreiben wir dann Note für Note ab und so wächst unser Repertoire stetig an.

"Das hat mir noch gefehlt"
ist der Titel des neuen Konzert-Programms, das Max Raabe und das Palas Orchester 2017 in ganz Deutschland präsentieren. Neben vielen Überraschungen enthält es auch die Titel, die im Rahmen einer Publikumsaktion gewählt wurden, beispielsweise "La Mer" oder der Max-Raabe-Klassiker "Kein Schwein ruft mich an". Das Publikum kann auf weitere Lieder von Max Raabe genauso gespannt sein wie auf neu entdeckte Originalarrangements der 20er- und 30er-Jahre.
 
Max Raabe & Palastorchester live 2017(Auswahl)
3. 2.: Hoyerswerda, Lausitzhalle | 4. 2.: Riesa, Sachsenarena
25. 3.: Leipzig, Arena | 30. 5.: Dresden, Kulturpalast
13. 11.: Würzburg, Congress Centrum
17. 11.: Nürnberg, Meistersingerhalle | 16. + 17. 12.: Chemnitz, Stadthalle
 
Max Raabe Solo (Auswahl)
20. 5.: Fürth, Stadthalle | 21. 5.: Jena, Volkshaus
 
kurz & knapp
Max Raabe, 1962 in Lünen geboren, hat eigentlich schon immer gesungen – im Jugendchor, der Kantorei und auf dem Fahrrad. Mit Anfang zwanzig zog er nach Berlin, um Operngesang zu studieren. Mit kleineren Auftritten finanzierte er sein Studium und gründete 1986 mit einigen Kommilitonen das Palast Orchester. 1992 schrieb er das Lied "Kein Schwein ruft mich an" und spielte unter der Regie von Peter Zadek in der Bühnenfassung von Heinrich Manns "Der blaue Engel". Zwei Jahre später lud Sönke Wortmann Max Raabe und das Palast Orchester ein, die Musik zu "Der bewegte Mann" einzuspielen.
Parallel zu seiner Arbeit mit dem Palast Orchester konzertierte Max Raabe mit dem Pianisten Christoph Israel. Ihre Duo-CD "Übers Meer" erschien 2010. Das Engagement des Baritons für die Erinnerung an die Musikwelt der 20er- und 30er-Jahre ist mehrfach ausgezeichnet worden.
Im Sommer 2010 schrieb Max Raabe zusammen mit der Produzentin, Sängerin und Komponistin Annette Humpe das Album "Küssen kann man nicht alleine", das 2012 Platin erreichte. Im selben Jahr erschien das später mit Gold prämierte zweite Album des Erfolgsduos "Für Frauen ist das kein Problem".


 
Autor

Olaf Neumann
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Veröffentlicht am:
17. 02. 2017
11:00 Uhr

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Olaf Neumann

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17. 02. 2017
11:00 Uhr



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