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Wo der Pilger ins Hinterland blickt

Auf dem Mittelstück des Ökumenischen Pilgerwegs werden die Abstände zwischen den Herbergen größer. Mit brennenden Sohlen kommen wir in Leipzig an.



Von der Mulde aus gesehen dominiert die Keksfabrik das Stadtbild von Wurzen.   » zu den Bildern

Das hatte ich noch nie. Meine Füße brennen, als liefe ich über glühende Kohlen. Jeder Schritt auf dem Asphalt schmerzt. Nicht einmal einen Randstreifen gibt es hier, auf den ich ausweichen könnte, nur bucklig unwegsame Wiese. Zu hart, denke ich, die Schuhe sind zu hart, die mich schon über mehr als 150 Kilometer dieser Etappenwanderung auf dem Ökumenischen Pilgerweg getragen haben. Mit denen ich schon durch den Harz, die Sächsische Schweiz und über den Triglav in den Julischen Alpen gestiefelt bin, schmerz- und blasenfrei die meiste Zeit.

Jetzt möchte ich aufgeben, mich in die Wiese fallen lassen und keinen Schritt mehr tun, irgendwo zwischen Zeithain und Dahlen, kurz nach der Mittagsrast. Ob nach so vielen Jahren und Wanderungen wohl der Weichmacher aus den derben Sohlen gedünstet ist, denke ich, beiße die Zähne zusammen und setze weiter Fuß vor Fuß. Irgendwann erlöst mich ein Feldweg, zwei Fahrspuren zwischen den Äckern. Sobald der Boden auch nur ein bisschen federt, verschwindet der Schmerz. Der wohl eine ganz andere Ursache als zu harte Sohlen hat; doch davon später mehr.

Wir sind auf der vierten Etappe unserer Wanderung auf der Via Regia, der alten Königsstraße zwischen Russland und der Iberischen Halbinsel. Über Jahrhunderte nutzten Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela die Straße, auf dem Weg zum Grab des Heiligen Jakob. Heute ist der Abschnitt zwischen Görlitz an der sächsisch-polnischen und Vacha an der thüringisch-hessischen Grenze als Ökumenischer Pilgerweg eingerichtet, und man könnte auf ähnlich ausgebauten Wegen bis nach Spanien wandern; doch das ist Zukunftsmusik. Wir haben schon wieder Asphalt unter den Füßen auf dem 27-Kilometer-Stück von Zeithain nach Dahlen, die Füße laufen dem Schmelzpunkt zu.

Die Wege zwischen den Herbergen sind auf dem Mittelstück des Pilgerwegs etwas weiter als auf dem östlichen. Der Glaube ist hier wohl noch weniger verwurzelt als in der Oberlausitz, Katholiken sind hier erst recht in der Minderheit. Den Evangelischen gilt das Pilgern seit Luther als überkommen, dem Reformator war es suspekt wie jeder andere Freikauf von irdischer Sünde. Luthers Verdikt gilt längst nicht mehr, Pilgern ist Zeitgeist und wird selbst von Atheisten betrieben. Wobei auf dem Weg und in den Herbergen keiner nach den Motiven fragt, geschweige nach der Kirchenzugehörigkeit. Wer sich auf den Pilgerweg macht und beim Trägerverein den Ausweis anfordert, wird seine Gründe haben, seien sie nun spiritueller, sportlicher oder, wie bei uns, eher heimatkundlicher Natur.

Es ist ein Blick ins Hinterland der mitteldeutschen Länder, den der Pilgerweg eröffnet, in die ostdeutsche Provinz mit ihren entvölkerten Kleinstädten, die noch immer mit den Spuren jahrzehntelangen Verfalls zu kämpfen haben. In vielen Dörfern überwiegt der angegraute Putz, gibt es noch Pflasterstraßen und die Bushäuschen aus Betonformteilen, wie sie typisch sind für die DDR. Auch die Plattenwege aus Beton kenne ich nur von hier, teils vor Ort gegossen und mit Teer verfugt, teils als Fertigteil verlegt. Die eisernen Ösen sind rostig, in den Aussparung und zwischen den beiden Betonspuren wächst Gras. Weich genug, damit sich die Füße erholen, dann geht es hinauf zum Liebschützer Berg mit seiner Bockwindmühle.

Der Wind treibt kalten Regen über die kahle Hochfläche, wir marschieren an der Mühle vorbei und verzichten auch auf eine Besichtigung des hölzernen Glockenturms daneben. Das ausgemusterte Geläut einer Dorfkirche hängt hier und lädt dann und wann zum Gottesdienst unter freiem Himmel. Wenig später klart es auf, in Lampertswalde scheint die Sonne. Hinter einer Feldsteinmauer ein gepflegter Park mit alten Bäumen, ein steingefasster Teich mit viereckiger Insel, zu der eine Bogenbrücke führt. Ein Wasserschloss hat hier gestanden, bis es die Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg abbrechen ließen, um Baumaterial zu gewinnen. Das Rittergut ließen sie stehen, das Burgcafé nutzt einen Teil der Räume. Ein günstiges Pilgermahl wird hier serviert, eine kräftige Suppe gegen Vorlage des Ausweises; solche Angebote begegnen uns immer wieder am Wegesrand.

Dahlen, Börln, Dornreichenbach; auf dem Weg nach Wurzen fügen wir unserer Liste immer neue Entdeckung zu. Laminierte Zettel, an Baumstämme getackert, erinnern mit Bibelsprüchen an die religiösen Wurzeln der Pilgerei: "Der Herr wird seinen Engel mit dir senden und Gnade zu deiner Reise geben." Engel treffen wir keine, dafür Freundlichkeit am Wegesrand und bei den Herbergseltern. In Wurzen rostrote Steingutsäulen im Gedenken an Dichter Ringelnatz: "Die Einsamkeit ist die Treppe in den Gedankenkeller";
passenderweise neben einer Treppe platziert.

Die Stiege führt vom Hügel mit dem mächtigen Dom ins Muldental, wo die noch viel mächtigere Keksfabrik thront. Der Glaube an die Wirtschaft hat dem Glauben an höhere Mächte längst den Rang abgelaufen, denke ich. Nicht mehr die Kirchen sind die größten und höchsten Gebäude, es sind Industriepaläste und Bankentürme. Auch eine Art von Religion, denke ich mit brennenden Füßen, froh, als wir in Nepperwitz die Herberge erreichen. An der Fassade der dritte Vers des Tages, frei nach Augustinus: "Das unruhige Herz ist die Wurzel aller Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Allerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihm das Andere, das Fremde."

So ist es, es treibt mich immer wieder hinaus. Als ich mir für den nächsten Abschnitt neue Schuhe kaufen will, klärt mich der Verkäufer auf. Eher zu weich sei die Sohle, wenn jeder Schritt brennt, sagt er. Das sei ein Zeichen für Muskelkater, ein härterer Schuh könnte Abhilfe schaffen. Dann werde die Fußsohle weniger bewegt, die Muskeln weniger beansprucht.

 
HINWEISE FÜR IHRE PILGERREISE
– Wandern auf den Spuren der Jakobspilger, auf der Via Regia in Mitteldeutschland geht dies auch etappenweise. Die mittelalterliche Handelsstraße wurde 2003 zwischen Görlitz und Vacha als ökumenischer Pilgerweg eingerichtet. Er gehört seitdem zum stetig wachsenden Netz der Jakobswege in Europa, die im spanischen Santiago de Compestela am Grab des Heiligen zusammenlaufen.
– Der Pilgerausweis ist der Schlüssel zu den Herbergen und dem Pilgerhandbuch des Vereins Ökumenischer Pilgerweg beigelegt. Einzeln kostet er zwei Euro. Die Stationen der Reise werden per Stempel in den Herbergen und von vielen Kirchgemeinden dokumentiert.
Das Handbuch enthält neben einer Wegbeschreibung mit Herbergsadressen viele Zusatzinformationen zur Orts- und Landesgeschichte. Das Buch kostet zwölf Euro plus Versandkosten und kann im Internet bestellt werden www.oekumenischerpilgerweg.de. Aktuelle Ergänzungen werden als Download zur Verfügung gestellt.


Fotos: Marco Schreiber
Autor

Marco Schreiber
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Veröffentlicht am:
17. 03. 2017
12:28 Uhr

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17. 03. 2017
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