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Babys und Kinder auf dem Strich

Lesung | Cathrin Schauer vom Projekt „Karo“ berichtet bei den Grünen in Selb von ihren Erfahrungen im deutsch-tschechischen Grenzland. Pädokriminelle missbrauchen ihre Opfer ohne Skrupel.
Von Andrea Herdegen
  • fpst_am_schauer_210110 "Pädosexuelle wissen, wo sie das bekommen, was sie suchen", stellte Cathrin Schauer bei ihrer Lesung in Selb fest. Die Geschäftsführerin des Vereins "Karo" las auf Einladung des Grünen-Kreisverbandes aus ihrem Buch "Kinder auf dem Strich". Foto: Herdegen
     
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Selb - Als Cathrin Schauer endet, ist es erst einmal still. Tiefe Betroffenheit wird spürbar. "Aber man muss doch etwas dagegen unternehmen können", wird etwas später das Entsetzen über das Gehörte in Worte gekleidet. Doch die Referentin gibt sich illusionslos: "Es passiert nichts. Leider."

Als Sozialarbeiterin hat Cathrin Schauer aus Plauen die sexuelle Ausbeutung von Kindern im deutsch-tschechischen Grenzgebiet hautnah erlebt. Unzählige Male musste sie zusehen, wie Kinder gezwungen werden, auf der Straße ihren Körper anzubieten, wie die Kleinen den Sextouristen ins Auto gereicht werden. Die schlimmste Erfahrung für die Diplom-Sozialpädagogin aber ist das Wegsehen, das Nichtwahrhabenwollen, auf das sie sowohl bei der Bevölkerung als auch bei Behörden stößt.

Das Leben der Opfer

Auf der Grundlage von Interviews und jahrelangen Beobachtungen hat die Geschäftsführerin des grenzüberschreitenden deutsch-tschechischen Streetworkerprojekts "Karo" das Ausmaß und das Geschäft sowie die Lebensumstände der Opfer aufgezeichnet. Auf Einladung des Kreisverbandes Wunsiedel von Bündnis 90/Die Grünen las sie am Dienstagabend im Hotel Schmidt in Selb aus ihrem Buch "Kinder auf dem Strich". Herausgeber dieses Bandes ist das Deutsche Komitee für Unicef - ECPAT.

Sachlich-nüchtern schildert Cathrin Schauer das Erschreckende. Ab und zu schaut sie vom Buch auf, so, als ob sie die Reaktionen ihrer Zuhörer ermitteln wollte. Sie erzählt vom elfjährigen Antonin mit dem frechen dunklen Haarschopf, der ihm immer ins Gesicht hängt - von einem Kind, das mit neun Jahren von der Familie auf den Strich geschickt wurde. "Seine unbeschwerte Kindheit ist lange schon vorbei. Er zeigt keine Traurigkeit mehr, keinen Schmerz, nur manchmal weint er heimlich."

Schauer war Zeugin von Verhandlungsgesprächen über abseitige sexuelle Praktiken von deutschen Freiern mit tschechischen Kindern. Sie hat gesehen, wie um die Preise gefeilscht wurde - Geld, das zum Einkommen der meist verarmten Familien beiträgt. Sie hat beobachtet, wie Babys und Kleinkinder in die Fensteröffnung von Wagen gehalten werden. Was in den Autos dann mit den Kindern geschieht, will man noch nicht einmal erahnen.

"Pädosexuelle wissen, wo sie das bekommen, was sie suchen", sagt die Autorin und fügt an, dass sie eindeutige Hinweise für Kinderhandel in der Grenzregion habe. Sie erwähnt aber auch die "brutale Armut" und die Ausgrenzung von Roma-Familien in Tschechien. "Es gibt ganze Straßenzüge in Cheb ohne fließendes Wasser, in denen die Roma leben." Deutsche Pädokriminelle würden sich an solch diskriminierte Familien heranmachen. "Deren Kinder sind im Prinzip Freiwild für jeden."

Und der Missbrauch geht weiter: "Wer als Kind nichts anderes kennenlernt, gibt das Verhalten so weiter." Schauer weiß von einer jungen Frau, die seit sie klein ist auf der Straße steht. "Sie hat später selber ihr Kind verkauft."

Gesellschaftliche Schieflage

Diese Kettenreaktion habe Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. "Hier ist Bewusstseinsbildung ganz wichtig. Es sind schlimme Dinge, die in unserem Umfeld passieren." Die Menschen müssten ein gewisses Grundverständnis für diese Zusammenhänge bekommen. Schauer spricht von einer gesellschaftlichen Schieflage: "Es kann doch nicht sein, dass Prostitution für uns das Normalste auf der Welt ist." Sexualisierte Gewalt sieht sie überall: "Junge Menschen wachsen mit Pornobildern auf ihrem Handy auf, das Internet bietet Zugriff auf unendlich viele Gewalt- und Sexszenen."

Die Arbeit von "Karo" sei oftmals nur Schadensbegrenzung, ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem will Schauer ihre Tätigkeit fortführen. "Wir sind schon viel angefeindet und bedroht worden", sagt sie. Schließlich habe der Sextourismus auch eine wirtschaftliche Bedeutung im Grenzland. Diese Facette werde aber gerne totgeschwiegen.

Cathrin Schauer: "Wir werden uns weiterhin für die Rechte dieser Kinder und Frauen einsetzen. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, wie wichtig dies ist."

    
    

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