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Schlamm belastet Eger weiter

Seit fünf Monaten treibt eine feine Sandwolke durch den Fluss. Die Reinigung des Gewässers steht aber nach wie vor aus. Grund dafür ist der sehr komplizierte Zugang zum Flussbett.

Von Tamara Pohl
  • Der Leiter der Fischereifachberatung im Bezirk Oberfranken, Dr. Robert Klupp (rechts), und seine Mitarbeiter beim Elektrofischen an der Eger. Mit dieser Technik werden die Fische kurz betäubt und können so zum Beispiel auf Verletzungen untersucht werden. Foto: Miedl
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Hohenberg - Gut fünf Monate ist es inzwischen her, dass am Stausee bei Leupoldshammer ein Unglück seinen Anfang genommen hat, das die Behörden noch immer beschäftigt, wie der gestrige Ortstermin zeigte.

Wie berichtet, hat ein Mitarbeiter der WKW Hirschsprung GmbH Anfang Mai das Grundschütz in der Staumauer des Kraftwerks bei Leupoldshammer geöffnet, um für Sanierungsarbeiten Wasser abzulassen. Tragischerweise war das die falsche Öffnung: durch sie ist eine enorme Menge Schlamm vom Grund des Stausees ausgespült worden und hat sich als sandige Flut in die Eger ergossen. Mit argen Auswirkungen.

So beklagte das Wasserwirtschaftsamt Hof, dass der feine Schlamm den Boden der Eger zusetze und damit Kleinstlebewesen töte, die die Nahrungsgrundlage für die Fische im Fluss sind. Auch die Mitarbeiter der Fischereifachberatung im Bezirk Oberfranken waren entsetzt über das Unglück. Eine Nachschau im Frühsommer hat ergeben, dass der feine Schlamm die Fische regelrecht abgeschmirgelt hat: Einblutungen in den Schuppen und Läsionen an den Kiemen waren nur zwei der Indizien für die Verletzungen der Tiere.

Dr. Harald Stöberer hat das Fischereirecht für zwei Abschnitte der Eger zwischen Leupoldshammer und Hohenberg. Ihm ging das Fischsterben in der Eger nah: "Wir haben hier Schlammpeitzger, Bachneunaugen, Aalrutten, Äschen - die sind alle von dieser Katastrophe betroffen." Und er sorgt sich über die mögliche Belastung des Schlamms mit Giften.

Durch die Porzellan- und andere Industriebetriebe sind - zum Beispiel über die Selb - Schwermetalle in die Eger eingeleitet worden, die sich jahrzehntelang im Stauraum am Leupoldshammer sammeln konnten. Umweltschutzvorschriften haben den Eintrag dieser Gifte reduziert, sie wurden über die Zeit von Schlamm überdeckt und schadeten dem Fluss nicht mehr, wie frühere Proben gezeigt haben. Durch den Ablass ist jetzt aber der belastete Schlamm aufgerissen worden.

Das Wasserwirtschaftsamt und die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt Wunsiedel waren deshalb nach der Schlammflut alarmiert und entnahmen Stichproben. Kurz darauf gab es Entwarnung: die Gifte sind da, schaden aber dem Menschen im Moment nicht.

Dr. Stöberer wollte es genauer wissen und gab ein eigenes Gutachten in Auftrag. Das erstellte das Labor für ökologische Chemie und Biochemie des Forschungsinstituts für Fischerei und Hydrobiologie. Es gehört zur Fakultät für Fischerei und Gewässerschutz an der südböhmischen Universität zu Budweis. Zu dieser gehört auch der Fischerei-Wissenschaftler Viktor Schwinger, der das Gutachten gestern zum Ortstermin an der Pfeiffermühle bei Hohenberg mitbrachte. "Wir haben an sieben Stellen jeweils fünf bis sechs Proben aus den obersten Sedimentschichten entnommen", erklärte der Experte. Die Entnahmestellen reichten von der Einmündung der Selb bis Hohenberg. Zwischen dem Stausee Leupoldshammer und unterhalb des Kraftwerks Neuhaus sind besonders die Werte für Zink und Kadmium dem Gutachten zufolge sehr hoch: Zink ist mit bis zu 1200 Milligramm pro Kilo Trockenmasse gemessen worden, Kadmium mit bis zu 34 Milligramm. Zum Vergleich: bayerischer Klärschlamm darf maximal zwischen 5 und 10 Milligramm Kadmium aufweisen. "Nach tschechischem Recht liegen die Werte insgesamt 9- bis 18-mal über unseren Grenzwerten", führte Schwinger aus. "Wir haben auch Proben vom Ufer entfernt auf dem Boden genommen, da sind die Werte genauso hoch." Das Budweiser Gutachten enthält abschließend den Hinweis: "Wir empfehlen dringend die weitere Überwachung der Verbreitung der Kontaminierung durch toxische Metalle im Ökosystem sowie in der Nahrungskette des gesamten Egertals (Lebewesen in der Bodenzone des Gewässers, Fische, Vögel, Säugetiere)." Die Werte sollten auch mit den in der Bundesrepublik Deutschland gesetzlich geltenden Schwermetallgrenzwerten verglichen werden.

Das hat das Wasserwirtschaftsamt bereits getan, wie dessen Leiter Benno Strehler gestern telefonisch bestätigte: "Wir wissen um die Werte und dass diese über der Grenze der Klärschlammverordnung liegen." Damit darf der Schlamm zum Beispiel nicht mehr als Dünger in der Landwirtschaft genutzt werden. "Was aber die Umweltqualitätsnormen der Oberflächengewässerverordnung angeht, werden die Grenzwerte eingehalten." Man müsse unterscheiden, ob die Metalle im Schlamm eine besondere Behandlung desselben nötig machen - zum Beispiel die spezielle Entsorgung -, oder ob sie Auswirkungen auf die Lebewesen in der Umwelt haben. "Wir selbst untersuchen noch die Auswirkungen auf die Kleinstlebewesen, kurz nach dem Vordfall haben wir keine Veränderungen bei ihnen festgestellt, bei der zweiten Probe sah es schon schlechter aus, und jetzt machen wir eine dritte." Benno Strehler mahnt aber zur Besonnenheit: "Ich sehe keine Gefahr, die zu einer Kurzschlussreaktion führen sollte." Momentan fordere das Wasserwirtschaftsamt von der WKW Hirschsprung GmbH eine systematische Untersuchung der Sedimente im Stausee Leupoldshammer, um ein Gesamtbild über die Belastung zu bekommen.

Dr. Thomas Speierl von der Fischereifachberatung plant ebenfalls eine dritte Fischbeschau an der Eger: "Die beiden letzten haben gezeigt, dass der Fischbestand gelitten hat. Es sind weniger Fische, wir haben an ihren Verletzungen verendete Fische am Grund gefunden, die Kleinfischbestände sind im Vergleich zu den Vorjahren geschrumpft." Was die Belastung der Fische angeht, wartet Speierl noch auf die Ergebnisse der Untersuchung. "Der Umweltausschuss des bayerischen Landtags hat diese Ergebnisse auch schon angefordert."

Dessen Vorsitzender ist der Grünen-Abgeordnete Dr. Christian Magerl, der im Sommer schon persönlich an der Eger war, um sich ein Bild zu machen. Er hat mit der oberfränkischen Abgeordneten Ulrike Gote einen Fragenkatalog erstellt, den der bayerische Umwelt- und Gesundheitsminister Dr. Marcel Huber beantwortet hat. Darin fragen die Grünen unter anderem, wie es um das geforderte Sanierungskonzept bestellt ist, das die WKW Hirschsprung GmbH vorlegen sollte. "Der Kraftwerksbetreiber hat noch kein Sanierungskonzept vorgelegt", antwortete Huber.

Warum das so ist, erklärte der Wunsiedler Landrat Dr. Karl Döhler gestern: "Mir sind Fristen weniger wichtig, als das Ergebnis - das zählt nämlich. Momentan sprechen wir mit dem Betreiber der WKW Hirschsprung GmbH und anderen Behörden, wie die Entschlammung am schonendsten für die Natur bewerkstelligt werden kann." Das Problem sei nämlich, dass das Entschlammen des Flusses selbst auch einen massiven Eingriff in die Umwelt darstellt. Lastwagen müssten an den Fluss fahren, Bagger über die Wiesen rollen. "Wir prüfen im Moment, welcher Zeitpunkt für Pflanzen und Tiere am geeignetsten ist", außerdem müsse noch geklärt werden, auf welchen Wegen die Maschinen fahren könnten. "Da gibt es zum Beispiel eine Brücke, über die ein beladener Lkw nicht mehr fahren kann", schilderte der Landrat. "Aber wir sind in der Endphase der Besprechungen, wir hoffen, noch vor dem Winter den Schlamm abtragen zu können. Letztlich müssen wir aber eine sorgfältige Gesamtabwägung treffen."

Wir wissen um die Belastungswerte, ich sehe derzeit aber keine Gefahr, die zu einer Kurzschlussreaktion führen sollte.

Benno Strehler

Wasserwirtschaftsamtsleiter


Momentan sprechen wir mit der WKW Hirschsprung GmbH, wie die Entschlammung am schonendsten für die Natur bewerkstelligt werden kann.

Dr. Karl Döhler

Landrat


    
    

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Die neuesten Kommentare

Grenzwerte

von erc670 m am 08.10.2012 08:11
ich frage mich eher, warum die Tschechen, sonst sehr lässig im Umgang mit Grenzwerten hier weitaus schäfere Maxiamlöa zulassen. Hat man unsere Grenzwerte einfach der Industie angepasst ?
(0)

Wann

von Papaschlumpf m am 06.10.2012 07:08
werden die Verantwortlichen endlich zur Kasse gebeten?
(0)
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