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Angst und Schrecken im Osten der Stadt

Wenn am Samstag die Neonazis durch Wunsiedel marschieren, leiden viele Bürger und Geschäftsleute darunter. Dennoch denken die gar nicht erst daran, sich vom rechten Mob einschüchtern zu lassen.

Von Matthias Bäumler

Wunsiedel - Den Schrecken wird das Mädchen so schnell nicht vergessen: Als sie in den Garten lief, blickte sie in die Fratzen fanatischer Nazis. Schwarze Jeans, schwarze Kapuzenpullover, Sonnenbrillen. Dazu blecherne Trauerklänge und ein Sprecher am Megafon, der über Germanen und Heldentod schwadronierte. Umrahmt wurde die unheimliche Szenerie von martialisch wirkenden Polizeikräften. Ereignet hat sich dies vor einigen Jahren bei der als Heldengedenken firmierenden Nazidemonstration im Wunsiedler Osten.

"Die Mutter hat mir berichtet, dass ihr Kind regelrecht geschockt war von dem, was es gesehen hat", sagt Karl Rost, Sprecher der Bürgerinitiative "Wunsiedel ist bunt". Rost ist ein besonnener Mann, dem es fernliegt, zu übertreiben. Die Schilderung der Mutter gibt ihm allerdings schon zu denken. "Natürlich wissen wir, dass die Bürger im Wunsiedler Osten unter den alljährlichen Nazi-Aufmärschen am meisten leiden. Aber wir können den Rechten unmöglich die Innenstadt überlassen."

Der pensionierte Lehrer nimmt die Neonazis zwar ernst, aber auch nicht zu sehr. Deshalb bezeichnet er die Beharrlichkeit, mit der mal die NPD, mal das Freie Netz Süd am Vortag des Volkstrauertages Demonstrationen in der Festspielstadt anmeldet, als Spielchen unter dem Motto "mal sehen, wer länger durchhält". Rost lässt keinen Zweifel daran, dass die Bürger den längeren Atem haben.

Das glaubt auch Matthias Enders, Inhaber von Edeka-Enders in der Karl-Sand-Straße. Sein Markt ist regelmäßig von den daran vorbeiziehenden Nazis betroffen. "Ich befürworte den freiheitlichen Gedanken unserer Demokratie. Daher muss ich auch mit den Schattenseiten leben." Diesen kann der Kaufmann in Cent und Euro beziffern. In den "zweistelligen Tausenderbereich" gingen die Verluste, die dem Markt am Samstag wohl wieder entstehen werden. Er, Enders, habe sich an das Landratsamt, die Stadt oder die IHK gewandt, aber außer einem Achselzucken und dem Verweis, dass dies "unternehmerisches Risiko" sei, nichts gehört.

Den Nazis setzt Enders die pure Normalität entgegen. "Ich werde doch wegen denen nicht meinen Markt schließen. Es wäre ja noch schöner, wenn das ganze Leben stillstehen würde, nur weil die Rechten marschieren." Am Samstag werde es in Wunsiedel sicher den am besten überwachten Edeka-Markt in Deutschland geben, sagt Enders. So sei die Hälfte des Parkplatzes für die Polizei reserviert. Auch werde er Detektive engagieren, die das Geschehen im Auge behalten.

Auf dem Edeka-Gelände darf die BI Wunsiedel ist bunt übrigens plakatieren. "Die vertreten meine Meinung, daher gestatte ich das gerne."

Genauso hält es Norbert Wollermann, Geschäftsführer des Baumarktes Bauprofi in der Egerstraße. "Natürlich befürworten wir Plakate mit Parolen, die verdeutlichen, dass Wunsiedel eine bunte Stadt ist. Das darf man ruhig auf unserem Gelände im großen Stil verdeutlichen." Wie der Edeka-Markt ist auch der Baumarkt am Samstag geöffnet. "Und zwar demonstrativ, auch wenn es sich wirtschaftlich nicht rechnet." Wollermann spricht von "katastrophalen Umsatzeinbußen". Diese hofft er, ebenso wie sein Kollege Matthias Enders, am verkaufsoffenen Sonntag auszugleichen.

Keine Plakate gibt es bei der Kindertagesstätte Sankt Franziskus. "Wir haben dies mit Pfarrer Günter Vogl und dem Elternbeirat besprochen. Die Eltern hatten jedoch Angst, dass Plakate die Nazis provozieren könnten. Man weiß nie, auf welche Gedanken so manches kranke Gehirn kommt. Am Ende werfen die uns noch die Fenster ein", sagt Leiterin Marion Haselbauer.

 

Mehr zum Thema lesen Sie in diesem Beitrag.

 

 
Stationengottesdienst in der Innenstadt

Wenn am Samstag Neonazis vom sogenannten Freien Netz Süd in Wunsiedel Kriegsverbrecher und Terroristen als Helden verehren wollen, werden sich die evangelische und die katholische Kirchengemeinde Wunsiedel wieder entschieden und deutlich an den Gegenveranstaltungen des Wunsiedler Bündnis gegen Rechtsextremismus beteiligen. Um 13.30 Uhr findet ein ökumenischer Gottesdienst im Freien an fünf Stationen in der Maximilianstraße statt, der vor dem Maxi-Kindergarten beginnt. Dabei wird beim Kirchenzug durch die Stadt an bekannte und unbekannte Menschen erinnert, die sich als "wirkliche Helden" mutig für Menschenwürde eingesetzt haben. So wird an die Kindergärtnerin Schwester Margarete Reichel erinnert, die bei den Todesmärschen durch Wunsiedel im Jahr 1945 einem jüdischen Häftling das Leben gerettet hat, aber auch an Menschen, die sich in heutiger Zeit für Asylbewerber engagieren. Von Sophie Scholl und den Mitgliedern der "Weißen Rose" wird genauso zu hören sein wie von den Wunsiedler Geistlichen, die sich in der NS-Zeit gegen die damals vorherrschende Ideologie ausgesprochen haben und deshalb in der Reichspogromnacht 1938 von örtlichen Nazis misshandelt worden sind. Etwa um 14 Uhr wird der Stationengottesdienst vor dem Friedhofseingang abgeschlossen, wo dann die Hauptkundgebung des "Wunsiedler Bündnis" beginnt. Bei der Kundgebung werden Repräsentanten aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen Stellung gegen Intoleranz und rechtes Gedankengut beziehen. Zeitgleich gibt es am Busbahnhof einen Stand und eine Kundgebung des DGB zum Thema "Wunsiedel ist bunt - Leben in Europa, Arbeitnehmerfreizügigkeit". Anschließend reihen sich die Teilnehmer in den Demonstrationszug ein. Um 14.45 Uhr gehen die Teilnehmer auf den Wegen der KZ-Häftlinge in Wunsiedel.

    
    

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»Alle 12 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

Genau dieser Art...

von Grillmeister m am 14.11.2013 15:41
...der reisserischen Berichterstattung ist es, die linke Chaoten dazu ermuntert, wieder fleissig mit Steinen zu werfen, Reifen aufzuschlitzen und andere Straftaten zu verüben. Ist ja schließlich "für ne gute Sache". So macht sich die Redaktion mit schuldig.
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schwacher Bericht

von unbekannt am 14.11.2013 18:47
Dem ist leider so. Ein sachlicher Bericht sieht anders aus als von "Fratzen fanatischer Nazis" und "martialischen Polizeikräften" zu schreiben. Da wirken ja selbst Berichte der Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben noch als anspruchsvolle Lektüre dagegen.

Also bitte sachlich bleiben, Fakten schreiben - oder am besten gar nichts mehr darüber schreiben. Dann haben diese Leute auch keine Aufmerksamkeit mehr und sie werden schnell die Lust an dieser "Demo" verlieren".
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Ja

von unbekannt am 14.11.2013 19:43
aber dann bitte beide hitzköpfige Parteien.
Ich hab für beide nix übrig.
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Sie sind schon unter uns

von benjamin m (44) am 14.11.2013 09:23
Man darf sich von der brutalen Fassade nicht täuschen lassen: Das braune Pack ist schon längst im Alltag präsent. Es verbirgt sich hinter Nachbarschaftshilfe (so dass bei Kritik an den Personen es heißt: Das ist doch ein netter junger Mann), hinter Jugendgruppen (rechtes Gedankengut wird nur unterschwellig eingebracht) oder bei (Jugend-)Freizeiten. Wichtiger als Gegendemonstrationen bei Aufmärschen ist es, im Alltag auf kleine Anzeichen zu achten. Phrasen wie: "Schon wieder ein Ausländer, der uns einen Arbeitsplatz streitig macht", können kurze Ausrutscher sein. Hört man dies aber öfter, sollte man sich Gedanken machen, ob sich hier nicht rechte Agitation vorliegt.
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Sicher nicht ganz falsch.

von dipflgutzer x am 16.11.2013 13:11
auch solche "beiläufige" Bemerkungen sind beachtenswert,möglicherweise ist es aber oft wirklich "nur" Gedankenlosigkeit,
- um nicht Dummheit unterstellen zu müssen. zwinkern
In ihrem Risikopotential unterschätzt ist aber immer noch die sogenannte "Schweigende Mehrheit".
Nach dem Motto:
"Denn ich war Nirgends dabei, drum bleib ich von jeder Schuld frei,
kann weiter ruhig schlafen, - ich bin einer von den Braven".
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