zuletzt bearbeitet: 11.03.2010 21:02 Uhr
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Experten halten Kritik für überzogen
Ansichten | Viele Personalchefs beurteilen die Jugendlichen nicht schlechter als jene früherer Generationen. Allerdings beklagen sie die häufig feststellbare Rechenschwäche der Schüler.
Wunsiedel - Zu dumm, zu schwach für den Beruf. Auf diese Formel lässt sich die Kritik bringen, die Vertreter der deutschen Wirtschaft an den Schulabgängern üben. Wie aus dem Entwurf des Berufsbildungsberichts für 2010 hervorgeht, gilt fast jeder zweite Schulabgänger als nicht ausbildungsreif und muss Fördermaßnahmen absolvieren, um überhaupt in eine Lehrstelle vermittelt zu werden.
Die meisten Mitarbeiter der Personalbüros heimischer Unternehmen bewerten die Jugendlichen weit milder als die Wirtschaft. So etwa Personalleiterin Hildegard Wippenbeck von Lapp Insulator in Wunsiedel. "Wir können uns durchaus noch die guten Jugendlichen aussuchen." Allerdings sehe sie bei vielen Schülern Schwächen in Mathematik. Die bei dem Wunsiedler Isolatoren-Hersteller eingehenden Bewerbungen sortiert Hildegard Wippenbeck nach den Noten aus. Schlechte Schüler haben in der Regel keine Chance. "Denn, wer die Berufsschule nicht schaffen würde, den können wir nicht einstellen." Die formalen Kriterien erfüllen alle Bewerbungen. Laut Hildegard Wippenbeck werden die Bewerbungen immer feudaler. "Die jungen Leute wenden viel Geld und Zeit auf, um sich im rechten Licht zu präsentieren, jedes Anschreiben ist top."
Lapp bildet in kaufmännischen und technischen Berufen aus. Bei angehenden Industriekaufleuten setzt das Unternehmen mindestens die Mittlere Reife voraus. Wer Industriemechaniker lernen will, hat auch mit einem sehr guten Hauptschulabschluss eine Chance. "Erst im vergangenen Jahr haben wir drei Hauptschüler eingestellt."
Die pauschale Kritik der Verbandsvertreter der deutschen Wirtschaft kann Hildegard Wippenbeck nicht nachvollziehen. "Ich habe den Eindruck, dass die meisten Schulabgänger hoch motiviert sind. Die meisten Schüler haben außerdem gute Umgangsformen." Darauf lege Lapp Insulators ebenfalls großen Wert. Wer durch die Produktion gehe und nicht grüße, "den zitieren wir schon mal ins Büro und reden ihm ins Gewissen".
Als eine "Plänkelaussage" bezeichnet Sandro Hertwig vom Personalbüro der Scherdel KG die Kritik der Wirtschaftsvertreter an den Jugendlichen. "Es ist immer leicht, die Schuld bei anderen zu suchen. Die Unternehmen stehen aber selbst in der Pflicht." Scherdel etwa biete Schülerpraktika, Bewerbungstraining in den Schulen, beteilige sich an Aktionen wie Girls's Day, Lehrer im Chefsessel oder an Ausbildungsmessen.
Nicht nur die Noten zählen
Dass die Schulabgänger heute schlechter seien als in früheren Jahren, glaubt Hertwig nicht. "Die Jugendlichen sind ebenso leistungsfähig wie früher auch. Allerdings könnten sie ein wenig zielgerichteter auf die Berufswelt vorbereitet werden." Manchmal stelle er, Hertwig, fest, dass Bewerber etwas falsche Vorstellungen von einer Ausbildung hätten.
Bei der Auswahl der Jugendlichen verlässt sich der Federnhersteller nicht auf die Noten. "Wir veranstalten einen Eignungstest, an dem sich für die technischen Berufe etwa 120 Schulabgänger pro Jahr beteiligen. Dabei überprüfen wir gezielt die Kenntnisse in Mathematik, Physik und im räumlichen Denken." Am Ende des Bewerbungsmarathons stellt Scherdel regelmäßig um die 40 Lehrlinge ein.
Personalchef Markus Brandl von der Dronco AG in Wunsiedel will nicht alle Jugendlichen über einen Kamm scheren. Es gebe durchaus viele Jungen und Mädchen, die motiviert und leistungsfähig seien. Dennoch könne er nicht verhehlen, dass viele Jugendliche heute nicht mehr über ausreichende Grundfertigkeiten verfügten, die sie für das Berufsleben benötigten. "Manchmal frage ich mich schon, wo waren die Kinder die letzten neun Jahre." Brandl stellt in den Vorstellungsgesprächen bei den Bewerbern häufig Rechtschreibschwächen fest. "Manche schaffen es einfach nicht, Kilogramm in Tonnen umzurechnen oder Zahlen zu überschlagen. Auch die Allgemeinbildung lässt häufig zu wünschen übrig." Die Schwächen in Mathematik sieht Brandl bei Schülern aller Schultypen.
Wer bei Dronco einen Lehrvertrag erhält, muss nicht unbedingt ein Einserschüler sein. Brandl bevorzugt vielmehr Bewerber, bei denen das Gesamtbild stimmt. Dazu gehöre auch die menschliche Seite.
Für bedenklich hält der Personalchef die Konzentrationsschwächen vieler Jugendlicher. Häufig habe er den Eindruck, dass manche Jungen und Mädchen nicht in der Lage seien, ein längeres, ernsthaftes Gespräch durchzuhalten. "Nach einer Viertelstunde können einige nicht mehr aufrecht sitzen, und der Blick schweift ab."
Worauf die Schwächen zurückzuführen sind, ist für Brandl klar: "Viele Kinder werden zu sehr verwöhnt, denen wird alles abgenommen. Andere hingegen werden von ihren Eltern vernachlässigt." Dass es in Zukunft zu wenige Lehrlinge geben könnte, die sich bei Dronco bewerben werden, glaubt der Personalchef nicht. "Allerdings ist es etwas fraglich, ob wir genügend ausbildungsfähige Jugendliche bekommen."
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