» zur Übersicht Wunsiedel
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
Nach Ferienjob ein Strafverfahren

Rückforderung | In Familien, die nach den Regeln von Hartz IV leben müssen, lohnt sich die Ferienarbeit für Kinder nur bedingt. BundestagsabgeordnetePetra Ernstberger gibt zu: „Kaum nachvollziehbar“.
Von Joachim Dankbar

WunsiedelFlorian T. (Namen sind der Redaktion bekannt) ist gerade einmal 16 Jahre alt, aber dass sich Leistung nicht immer lohnt, hat er schon schriftlich. Er kann es in den Schreiben nachlesen, die die „Arbeitsgemeinschaft für Arbeitssuchende in der Region der Landkreise Wunsiedel und Tirschenreuth-Nord“ (Arge) seiner Mutter zugeschickt hat. Weil Florian im vergangenen August drei Wochen lang einen Ferienjob angetreten hatte, wird der ehemaligen Bankangestellten die Leistung nach dem Sozialgesetzbuch 2 (landläufig unter Hartz IV bekannt) um über 400 Euro gekürzt.

Für Sonja T. ist das fast genau ein halbes Monatseinkommen. Für sich und ihren Sohn erhält sich eine monatliche Leistung von rund 850 Euro. Davon muss sie ihre Miete bestreiten und die Ausgaben für ein altes Auto. Das möchte sie halten, so lange es geht, „weil man sonst gar keine Job-Aussichten mehr hat“.

Dabei hatte sich die alleinerziehende Sonja T. richtig gefreut, als ihr Sohn im Sommer 2007 erstmals einen Ferienjob fand und als Gymnasiast erstmals ins Arbeitsleben schnuppern konnte. Zum ersten Mal konnte er seine guten Englisch-Kenntnisse als Betreuer eines Jugend-Workshops nutzen. Vor allem aber: Zum ersten Mal konnte sich Florian ein bisschen etwas von dem leisten, was für seine Klassenkameraden selbstverständlich ist. Ein Paar angesagte Schuhe, eine Jacke – „eben das, was ich ihm sonst nie kaufen kann“, so Sonja T. Den Rest der 750 Euro für drei Wochen Arbeit legte der Schüler für den Führerschein zur Seite.

Selbstanzeige

Wochen später wuchsen bei Sonja T. die Zweifel, ob sie den Ferienjob bei der Arge hätte angeben müssen. Sie rief selbst in Marktredwitz an und bekam die bittere Auskunft, dass Florian die Hälfte seiner Stunden umsonst gearbeitet hatte. Nach den Regeln von Hartz IV ist der 16-Jährige nicht ein Schüler wie jeder andere, sondern Teil der „Bedarfsgemeinschaft“. Deshalb darf auch er nur 100 Euro im Monat hinzuverdienen. Alles andere wird auf die monatliche Leistung angerechnet, die seine Mutter und er beziehen.

Die 52-jährige ehemalige Bankangestellte, die seit 2002 um die Rückkehr ins Berufsleben kämpft: „Daran habe ich wirklich nicht gedacht. Ich habe Florian einfach als meinen Sohn angesehen, nicht als Teil einer Bedarfsgemeinschaft.“ Dieser Irrtum könnte sie noch teuer zu stehen kommen. Weil zwischen der Auszahlung des Lohns für den Ferienjob und ihrer Meldung über sechs Wochen vergangen waren, leitete die Leistungsabteilung der Arge gegen Sonja T. auch noch ein Ermittlungsverfahren ein – Ausgang unbekannt. Die Wunsiedlerin hofft nun, dass sie die über 400 Euro wenigstens in kleinen Raten zurückzahlen kann.

Drastische Folgen eines Ferienjobs, über den sich alle so gefreut hatten. Ihr Sohn habe nur den Kopf geschüttelt, sagt Sonja T. Wenn es um das Familieneinkommen gehe, sei er ohnehin sehr verschlossen.

Sicher ist, dass für alle seine Schulkameraden andere Regeln gelten. Für sie ist nicht maßgeblich, was sie im Ferienmonat verdienen. Das Einkommen wird auf die zwölf Monate des Jahres verteilt, so bleibt es zumeist auch steuerfrei. Für die meisten Schüler ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie die Einkünfte aus der Ferienarbeit für sich behalten dürfen – für eine schöne Reise oder eben als Eigenbeitrag für den Führerscheinerwerb.

Florian, der es sich nicht aussuchen konnte, muss nach den Regeln von Hartz IV leben. Wie Hans Plank, Leiter der Arge, in Marktredwitz erklärt, gilt für die Bedarfsgemeinschaften das „Zufluss-Prinzip“. Danach kommt es nur darauf an, was den Bedürftigen im jeweiligen Monat als Zusatzeinkommen zu geht – ohne Wenn und Aber. Merkwürdig, aber wahr: Wenn Florian Zeitungen austragen würde, dürfte er bis zu 1200 Euro im Jahr ohne Anrechnung behalten. Im Nachhinein betrachtet, wäre es vielleicht auch geschickt gewesen, wenn er seinen Ferienjob auf die Monate August und September verteilt hätte.

Selbst jene, die an den bekannten „Hartz IV“-Gesetzen mitgewirkt haben, halten so etwas nicht für gerecht. Es sei kaum nachvollziehbar, warum ein junger Mann, der einmalig im Jahr einen Ferienjob absolviert, gegenüber anderen schlechter gestellt sein soll, die über das Jahr verteilt ein (Zusatz-) Einkommen erzielen und ihr Einkommen „stückeln“ können, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Ernstberger, der die Frankenpost diesen Fall vorstellte.

Bundesregierung prüft

Ernstberger, die Parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Faktion im Bundestag ist, teilte mit, dass sie bereits ein Gespräch mit dem Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit, Kajo Wasserhövel, geführt habe. Die Abgeordnete: „Er hat mir zugesagt, den Fall auf seine Rechtmäßigkeit oder einen sich daraus ergebenden gesetzlichen Nachbesserungsbedarf zu prüfen“. Auf gut Deutsch: Es wird überprüft, ob das Sozialgesetzbuch in diesem Punkt geändert werden muss,

Sie könne sich allerdings nicht vorstellen, so die Bundestagsabgeordnete, dass der Marktredwitzer Arge nichts anderes übrig bleibe, als Sonja T. mit einem Verfahren zu überziehen, obwohl sie selbst die Nebeneinkünfte gemeldet habe.

    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Die neuesten Kommentare

Abzockerstaat

von unbekannt am 08.04.2008 21:28
Wissen wir nicht alle, wo wir leben?

Egal, wo man hinsieht, in den seltensten Fällen lohnt sich in gewissen Situationen legale Arbeit nicht, verwundert es wen, wenn immer mehr in Grauzonen passiert? Meine Oma sagte immer : "Ehrlich währt am längsten" fraglich ist nur, ob Ehrlichkeit im heutigen Umfeld nicht negative Auswirkungen mit sich bringt...

Und wenn Kinder von Arbeitslosen (deren Arbeitsplatz z.B. weggebrochen ist) damit bestraft werden, wenn sie schon ihr Leben sinnvoll und mit Arbeit und einem Nebenverdienst gestalten wollen, stellt sich auch hier die Frage: Was will denn unsere Gesellschaft? Das Jugendliche selbstverantwirtlich heranwachsen, indem sie einen Job (wenn auch nur für die Zeit der Ferien annehmen, oder will unsere Gesellschaft (Staat) es dann doch lieber, dass sich eben diese Jugendlichen eher sinnlos die "kanne" geben, weil durch ihre Arbeit die Eltern bestraft werden?
(0)

Ist doch alles korrekt!

von wildehilde m (40) am 03.04.2008 23:01
Wer hätte es anders erwartet, so sieht RECHT aus. Entweder du gehörst zu den oberen 10000 oder irgend ein Amt lutscht dir die Butter vom Brot runter, weil dein Kind 50 Cent auf der Strasse gefunden hat. Hätte irgendjemand in diesem Land etwas anderes erwartet?
(0)
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername
Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf frankenpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

Ȇbersicht Wunsiedel

Bestechung? – Vergünstigungen in der Kritik

Bundespräsident Wulff steht in der Kritik, weil er Vergünstigungen angenommen hat. Die Bürgermeister der Region bekommen nur Kleinigkeiten als Geschenke und betonen, wie wichtig ihnen der korrekte Umgang mit Präsenten ist. »mehr
    
    

 
Gläubige erleben tiefe Spiritualität...

Ein byzantinischer Gottesdienst spricht bei den Besuchern alle Sinne an. Die eindringlichen und voluminösen Gesänge erze... »mehr
    
 
    

 
Autos krachen wegen Glätte in Leitplanken...

Sichersreuth - Dass die Bundesstraße 303 bei Sichersreuth unfallträchtig ist, hat sich am Dienstag wieder einmal bewiese... »mehr
    
 
    

 
Netzwerk für Kinder-Förderung...

"Anschwung für frühe Chancen" heißt ein bundesweites Programm zur Entwicklung von Kindern. 40 Fachleute aus dem Landkrei... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Prospekte aus der Region

Reichel Holzspezi
    
    

Magazine

Wir in Wunsiedel Februar 2012
Nördliches Fichtelgebirge Ausgabe 4
Thüringen im Blick
Schlaglichter 2011
Gesundheitsführer Kulmbach
Gesundheitsführer Naila
Hochzeitsmagazin November 2011
Frankenreiter November
Börsenforum Oktober 2011
Leserreisen Oktober 2011
Berufsmagazin
Besser Bauen schöner Wohnen
5. Sechsämterland Holztage
Gesundheitsführer Hof 2011
Gesundheitsführer Münchberg
Gesundheitsführer Selb
Erfolgreiche Familienunternehmen
Bikers Guide
Gesundheitsführer Rehau
Gesundheitsführer Wunsiedel
    
Anzeige
Marktplatz und Bayreuther Woche
Logo Frankenwäldler
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Mit roten Händen gegen Kindersoldaten

Mit knallroter Farbe die Hände anmalen: Das machten am Mittwoch eine Menge Politiker in Berlin. Die Politiker waren Abgeordnete des deutschen Parlaments - des Bundestages. »mehr
    
    

Die Sache mit den Beiträgen

Frage des Tages
Ein Leser fragt: "Warum muss ich für meine verstorbene Frau Krankenversicherungsbeiträge zahlen?" "Diese Frage stellen Bezieher einer Hinterbliebenenrente häufig", erklärt Rudolf Degelmann von der AOK Bezirksdirektion Hof auf Anfrage unserer Zeitung. »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Die neuen Party-Pix vom Wochenende 

Fasching in Schönwald, HipHop-Party im Hofer H.1, 80er-Fete im Rockwerk - hier geht es zu den aktuellen Bildern vom Feier-Wochenende. »mehr
    
    

Börseninformationen