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Opfern ein Gesicht geben

Mit einer eindrucksvollen Gedenkfeier erweisen etwa hundert Wunsiedler den auf dem Friedhof begrabenen 30 KZ-Häftlingen die Ehre. Der stellvertretende Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, Heiner Olmer, lobt das Wunsiedler Bündnis.

Von Matthias Bäumler
  • fpwun_gedenken1_020910 Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, Heiner Olmer, legte einen Kranz am Grab nieder. Fotos: Bäumler
     
  • fpwun_rost_020910 Karl Rost
     
Bild von

Wunsiedel - Das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß stand jahrelang im Fokus des Medieninteresses. Es gab eine Zeit, in der Wunsiedel ein Synonym für Neonazi-Aufmärsche war. Diese ist gottlob vorbei. Dass auf dem Wunsiedler Friedhof auch 30 zu Tode geschundene KZ-Opfer begraben liegen, ist vielen Einheimischen nicht bewusst. Der pensionierte Hauptschullehrer Karl Rost und die Mitglieder des Wunsiedler Bündnisses wollen dies ändern. Deshalb veranstalteten sie am Dienstag, auf den Tag genau 65 Jahre nach der Beerdigung der Opfer, erstmals eine eigene größere Gedenkfeier außerhalb des Volkstrauertages.

Gut hundert Wunsiedler hatten sich am Friedhof eingefunden, um den Toten die Ehre zu erweisen. Bürgermeister Karl-Willi Beck sagte, dass es eine immerwährende Aufgabe sei, die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse während der Nazi-Diktatur zu bewahren. "Wenn wir erreichen, dass niemand die Schrecken vergisst, haben wir viel erreicht."

Karl Rost berichtete über die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. "Am 7. April 1945 wurden 3000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald von SS-Schergen auf den Weg nach Flossenbürg geschickt."

Kein Tötungsbefehl

Eine Woche später sei eine der Häftlingsgruppen von Kirchenlamitz in Richtung Wunsiedel unterwegs gewesen. "Im Zeitelmoos, einen Kilometer nördlich der Kreisstadt, haben die Wachmänner 30 entkräftete Juden, die nicht mehr weitermarschieren konnten, ermordet. Dies ist umso schockierender, da es keinen ausdrücklichen Tötungsbefehl gab und das sogenannte Dritte Reich bereits in Trümmern lag."

Die Wachmänner ließen die 30 ermordeten jüdischen Häftlinge an Ort und Stelle im Zeitelmoos verscharren. Nur vier Tage nach der Gräueltat marschierte die US-Armee in der Region ein. Die amerikanische Militärverwaltung ordnete Ende August 1945 an, dass die ehemaligen Wunsiedler Nazi-Funktionäre die verscharrten Leichen ausgraben und nach Wunsiedel bringen. Auf dem Friedhof wurden die Toten von einem Rabbi beerdigt. Drei Jahre später wurde der Gedenkstein am Grab angebracht. Dennoch: Wie Karl Rost sagte, haben seine Recherchen ergeben, dass bereits in den 50er-Jahren bei den Feierlichkeiten am Volkstrauertag die in Wunsiedel bestatteten KZ-Häftlinge nicht mehr erwähnt wurden.

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heiner Olmer, sagte, dass er immer wieder die Frage höre, ob Gedenktage heute noch sinnvoll seien. Angesichts der täglichen Gewalt ewig Gestriger und von Gerichten gebilligter Aufmärsche Rechtsradikaler komme er zu dem Schluss, dass die Einzigartigkeit der Geschehnisse in der Nazidiktatur nicht vergessen werden dürfte. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, wachsam zu sein und die Errungenschaften der Demokratie zu verteidigen.

Ein deutliches Zeichen

Olmer freute sich aber auch darüber, dass Deutschland heute ein anderes Land sei. "Bei der Reichskristallnacht blieben Millionen Menschen zu Hause und wollten mit ihren jüdischen Kollegen, Nachbarn und Freunden nichts mehr zu tun haben. Als vor Jahren in Solingen und Lübeck die Häuser türkischer Familien von Nazis niedergebrannt wurden, gingen Millionen Deutsche auf die Straße. Und das Wunsiedler Bündnis hat ebenfalls immer wieder ein deutliches Zeichen gegen Rechts gesetzt." Der bereits vom Bündnis veranstaltete Schweigemarsch, der Stationengottesdienst und die Gedenkfeier trügen dazu bei, den namenlosen Toten auf dem Wunsiedler Friedhof ein Gesicht zu geben.

    
    

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