zuletzt bearbeitet: 03.09.2007 02:02 Uhr
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Vom tödlichen Handeln der Fürsorger
Bedrückende Dokumente der fast vergessenen Jugend-Konzentrationslager Uckermark und Moringen
Die bis vor wenigen Jahren vergessenen Schicksale der Insassen der Jugend-Konzentrationslager während der NS-Diktatur zeigt eine Ausstellung, die seit Samstag in der Fichtelgebirgshalle zu sehen ist.
WUNSIEDEL – Günter Discher liebt Swingmusik und Erna Brehm einen Polen. An sich nichts ungewöhnliches, heute. Während der Nazidiktatur war dies wohl auch so. Allerdings hatten diese Schwärmereien mitunter tödliche Folgen. Beide, Günter und Erna, wurden wegen dieser „Vergehen“ in spezielle Jugendkonzentrationslager gebracht.
Beider Lebens- und Leidenswege dokumentiert seit Samstag die Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ in der Fichtelgebirgshalle, die Bürgermeister Karl-Willli Beck eröffnete. „Es ist bestürzend zu sehen, dass die Nationalsozialisten auch vor den gesellschaftlich Schwächsten, vor unserer Jugend und unseren Kindern, nicht halt machten.“ Damit die Gräueltaten der Nazis immer als Mahnung in Erinnerung blieben, sei es wichtig, sich der Geschichte zu stellen.
Martin Guse selbst sei erstaunt gewesen, als er 1982 erstmals von den Lagern gehört habe. „Bis vor kurzem waren die Jugend-Konzentrationslager in Moringen und Uckermark so gut wie vergessen, verdrängt.“
Zehn Jahre hat der aus Niedersachsen stammende Guse recherchiert, bis er die aufwendige Dokumentation der Lager fertiggestellt hatte.
Hunderte, vielleicht tausende junger Menschen wurden während der Nazidiktatur in Jugend-Konzentrationslager interniert. Die Gründe, warum der NS-Staat Zehn- bis 25-Jährige einsperren ließ, sind so banal wie erschreckend: Die Kinder und Jugendlichen machten sich „schuldig“, da sie „undiszipliniert“ waren, homosexuell, behindert, den Zeugen Jehovas angehörten, aus einem Heim ausgebüchst waren, ihre Eltern sich politisch missliebig engagierten oder weil sie schlicht die falsche Musik liebten. Viele hundert der jungen Insassen überlebten die Haft nicht, sie starben an Unterernährung, holten sich wegen der katastrophalen hygienischen Zustände in den Barackenstädten tödliche Krankheiten oder wurden in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht.
In der Wunsiedler Ausstellung wird sichtbar, mit welch grausamer Sachlichkeit die Aufseher das unmenschliche Lagerleben verwalteten. Da gab es etwa den Mediziner Dr. Dr. Robert Ritter, den Leiter des „Kriminalbiologischen Instituts“ im Jugend-Konzentrationslager Uckermark. Er entwickelte ein wissenschaftlich unhaltbares Klassifizierungssystem, anhand dessen er die Insassen als an die „Volksgemeinschaft anpassungsfähig“ oder „hemmungslos triebhaft“ einstufte – mit tödlichen Folgen. Viele der „Triebhaften“ wurden in Vernichtungslager gebracht oder fielen in Pflegeanstalten der Euthanasie zum Opfer.
Als besonders bedrückend empfand es Guse, dass während der NS-Diktatur auch die Fürsorger (heute Sozialpädagogen) die eigentlich ihrer Hilfe bedürftigen Jugendliche denunziert haben. Allerdings wollte der Ausstellungsorganisator und Sozialpädagoge den Blick weiter spannen. Etwa zurück zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Schon damals und weit vorher sei der Nährboden für die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten gelegt worden. „Etwa wenn der Sozialdemokrat Karl Kautsky in einem Buch den technischen Fortschritt beklagt, der ,körperlich und geistig minderwertigen Individuen nicht nur ihre Erhaltung und auch ihre Fortpflanzung erleichtert’“. Guse warf auch einen Blick in die Gegenwart mit seiner Frage: „Wie weit sind wir vom Sozialdarwinismus noch entfernt, wenn wir heute überlegen, wer noch förderfähig und wer eine Ballastexistenz ist.“
Die Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ ist noch zwei Wochen in der Fichtelgebirgshalle zu sehen.
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