zuletzt bearbeitet: 20.06.2011 11:10 Uhr
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Widerstand heuer in Partylaune
Besucher und Politiker bekunden mit viel Phantasie ihren Einsatz für eine lebendige Demokratie
Partyatmosphäre prägte am Samstag den Tag der Demokratie in Wunsiedel. Entspannt zeigten die Kreisstädter und viele hundert Gäste, dass sie tolerant sind und rechter Rassismus hier nichts zu suchen hat.
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Die Jugend vor rechten Demagogen schützen, das war auch das Anliegen von Horst Seehofer, hier im Gespräch mit der kleinen Theresa von der DLRG -
Pünktlich um 14.50 Uhr stiegen tausende bunte Luftballons in den Wunsiedler Himmel
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Mit ihren schweren Maschinen schlossen sich die Motorradfreunde aus Marktredwitz dem Demonstrationszug an
WUNSIEDEL – „Die dunkle Seite“ blieb am Samstag in Wunsiedel zwischen Buchdeckeln versteckt. Es mögen viele Seiten gewesen sein, die der junge Bereitschaftspolizist in Frank Schätzings Roman gelesen hat. Zumindest die zum Tag der Demokratie vorsorglich nach Wunsiedel beorderten Polizisten verlebten ruhige Stunden. Keine Gewalt, keine rechte Provokation. Dafür feierten bereits ab den Mittagsstunden hunderte Menschen ein Fest, das den bunten und toleranten Charakter Wunsiedels widerspiegelte.
Mehr als 30 Gruppen, Vereine, Verbände und Parteien hatten auf dem Marktplatz eine Budenstadt aufgebaut. Hier gab es für die Besucher Informationen, die rechte Phrasen enttarnten und – etwa mit einer Ausstellung über das Konzentrationslager Auschwitz – schockierende Einblicke in die Schreckensgeschichte des Dritten Reiches. Unspektakulär, aber in der Wirkung umso eindringlicher, hatten die Mitarbeiter des Evangelischen Bildungszentrums Alexandersbad einen Büchertisch aufgebaut. Oskar-Maria Graf, Max Brod, Bertold Brecht, Thomas Mann. Alles Schriftsteller, deren Bücher die Nationalsozialisten bereits kurz nach der Machtergreifung im Frühjahr 1933 öffentlich verbrannten. Ein paar Buden weiter lud das Diakonische Werk Wunsiedel-Selb ein, unter dem Motto, „Wir sind so bunt wie unsere Knete“, Figuren aus Plastilin zu formen. Schräg gegenüber durfte jeder, der wollte, einen Abdruck seiner Hand in Gips verewigen. Die Platten sollen später symbolisch als eine Mauer gegen Nazis aufgestellt werden.
Nach einem ökumenischen Gottesdienst am Jean-Paul-Platz (siehe weiteren Bericht auf dieser Seite) startete die große Friedensdemonstration in einer großen Schleife über die Maximilianstraße, Jean-Paul-Straße, Ludwigstraße, Hofer Straße, Bahnhof und zurück zum Markplatz. Gut tausend Menschen aus der gesamten Region beteiligten sich an dem vom Freien Fränkischen Bierorchester musikalisch begleiteten Zug. Ihre Gesinnung zeigten auch die Mitglieder der Motorradfreunde Marktredwitz: Sie fuhren dem Demonstrationszug mit ihren schweren, mit Luftballons geschmückten Maschinen hinterher.
Apropos Luftballons. Diese gehören seit dem ersten „bunten Wunsiedel“ im Jahr 2002 dazu. Nicht dazu gehörten nun schon das dritte Jahr in Folge die Neonazis, die seit dem Tod des Kriegsverbrechers und Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß Wunsiedel als rechten Gedenk-Ort missbrauchen wollen.
Ihre Freude darüber, dass der „braune Mob“ in Wunsiedel nicht mehr marschieren darf, drückten bei der Kundgebung am Marktplatz, dem „Platz der Demokratie“, alle Redner aus.
Hauptredner, Bundes-Landwirtschaftsminister Horst Seehofer, betonte, dass auch er Mut schöpfe aus dem Bekenntnis für die Demokratie, wie sie in Wunsiedel praktiziert werde. Es brauche zwar einen starken Staat, „wenn es um den Schutz vor braunen Horden geht, aber wir brauchen auch starke Bürger“. Demokratie sei für ihn eine Sache des Herzens. Dazu gehöre aber auch, sich aktiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. An die Wunsiedler gerichtet, wünschte Seehofer, „dass sie nie wieder auf einen brauen Aufmarsch reagieren müssen“.
Lob zollte er Landrat Dr. Peter Seißer, der dem Bundestag einen Gesetzesvorschlag zur Ergänzung der strafrechtlichen Regelung des Tatbestandes der Volksverhetzung unterbreitet hatte, und Wunsiedels Bürgermeister Karl-Willi Beck. Beide seien „Repräsentanten des aktiven Bürgergeistes“.
Seißer selbst blickte noch einmal auf die 19 Jahre zurück, „seit denen es Anträge der Rechtsradikalen für Demonstrationen in Wunsiedel gibt“. Dabei erinnerte er aber auch an den von Anfang an aktiven Widerstand in der Region. „Es war 1989, als Barbara Schmidt von den Grünen und Artur Buchta von der SPD die ersten Gegendemonstrationen anmeldeten.“
Leidenschaftlich und am Ende mit heißerer Stimme appellierte Beck an Land und Bund, an der Jugend nicht zu sparen. „Wir müssen sie stark machen gegen die unseligen Verführungen rechter Demagogen.
SPD-Landesvorsitzender Ludwig Stiegler forderte, weiter sensibel zu sein. Denn es handle sich bei den Rechten nicht nur um ein „paar alte Deppen“. „Lasst uns zusammenhelfen, damit der noch immer fruchtbare rechte Schoß nie wieder braune Früchte hervorbringt.“
Demokratische Tugenden mahnten auch der Sprecher der Bürgerinitiative „Wunsiedel ist bunt“, Matthias Popp, Simone Richter von der Projektstelle gegen Rechtsextremismus, die Landeschefin der Linkspartei, Eva Bulling-Schröder, der Landesvorsitzende des Bündnisses für Toleranz, Max Schmidt, die Landtagsabgeordneten Monika Lazar (Grüne) und Karl Döhler (CSU) an.
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