zuletzt bearbeitet: 27.04.2011 13:22 Uhr
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3000 Kilometer zu sich selbst
Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela
Hof - Wenn er an den Moment denkt, als die Türme der Kathedrale endlich vor ihm aufragen, bekommt Günter Neumann noch heute eine Gänsehaut. Am 1. August um 11 Uhr erreicht er sein Ziel, genau eine Stunde, bevor die Glocken im gigantischen Gotteshaus in Santiago de Compostela zur Messe läuten.
114 Tage ist Neumann in diesem Augenblick unterwegs gewesen, 3000 Kilometer hat er auf dem Jakobsweg zurückgelegt. Seinen 40. Hochzeitstag hat er allein in einer Herberge verbracht, am Schlappentag an Klostertore geklopft und am Tag des IfL-Marathons ist er ohnehin von früh bis spät auf den Beinen. Wie viele Kilometer Günter Neumann - und seine Frau Heidi, die in den Pyrenäen zu ihm stößt - pro Tag zurücklegt, hat er nicht dokumentiert. "Das war nicht wichtig", sagt er, "wichtig war: Ich habe Zeit!"
Zeit hat er sich ohnehin genommen, um seinen Traum reifen zu lassen - gut zehn Jahre lang. Mit 48 Jahren verlor Neumann seine Arbeitsstelle, alle neuen Bewerbungen scheiterten an seinem Alter. Also machte sich der Hofer als Privatdozent und Reha-Trainer selbstständig. Inzwischen ist Neumann 60 - und mit dem Jakobsweg wollte er nun den "Einstieg zum Ausstieg" einläuten und "Dankbarkeit zeigen für die vergangenen zwölf Jahre". Dann gilt es viel zu planen: Stück für Stück legt Neumann seine Aufgaben in andere Hände, übergibt die Herzgruppen, die er bisher trainiert hat, an die Übungsleiter.
Wie im Mittelalter
Sein Ziel ist klar: "Ich wollte pilgern wie im Mittelalter", sagt Günter Neumann. Kein Geld, kein Handy - nur er und sein Rucksack. "Ich wollte erleben wie es ist, als Pilger an die Türen zu klopfen. Wird einem auch im Jahr 2009 noch geöffnet?"
In den 114 Tagen nach seinem Start am Karfreitag klopft Neumann an viele Türen, begegnet vielen Menschen. "Mir ging es um ein Dach über dem Kopf", sagt er. Einen Schlafsack, um draußen zu übernachten, hat er nicht eingepackt. "Ich habe immer ein Quartier gefunden", erinnert er sich - selbst in Frankreich, wo fehlende Sprachkenntnisse einer längeren Kommunikation im Wege standen. Allerdings trifft er auch auf Ablehnung, in einem Kloster etwa, dessen Benediktinermönche den Pilger aus Hof abweisen.
Aber Neumann findet immer ein Plätzchen für die Nacht - mit Gottvertrauen, wie er sagt. Einmal spricht ihn eine Frau an, als er gerade versucht, die Hinweisschilder zu entziffern. "Sie hat mich zu sich eingeladen", erzählt er, "und am nächsten Tag haben wir ihren 63. Geburtstag gefeiert."
Je näher der Weg ihn an sein Ziel bringt, desto organisierter wird auch das Pilgertum. "In Spanien stehen riesige Hinweisschilder auf den Jakobsweg. Sich da zu verlaufen, ist praktisch unmöglich." Auch die Zahl der Pilger steigt fast mit jedem Schritt. Sind ihm in Deutschland lediglich vier begegnet, so tummeln sich schon in Frankreich 100 bis 150 seiner Kollegen in den Pilgermessen. Auch die Zahl der Herbergen nimmt zu. Die Jakobsmuschel als sichtbares Zeichen der Pilger verschafft Neumann überall Eintritt. An seinem Rucksack baumelt das Symbol des Heiligen, und der Hofer sammelt fleißig Stempel an den Stationen seiner Reise. Als Lohn für diesen Pilgerpass wartet in Santiago de Compostela eine Urkunde.
Seine Motivation ist freilich eine andere. Deshalb kommt ihm während des 3000 Kilometer langen "Einstiegs zum Ausstieg" auch nie in den Sinn, aufzugeben. "Ich hatte keine Probleme, allenfalls ein paar Blasen an den Füßen." Und statt ans Aufgeben zu denken, genießt er die Freiheit, Zeit zu haben. Kein Zeitplan drängt, keine Termine sind einzuhalten. Ein blühender Magnolienbaum am Wegrand reicht schon, um die Aufmerksamkeit des Pilgers aus Hof die nächste Dreiviertelstunde zu fesseln. "Ich hatte Zeit für mich und Zeit für die Welt."
Und auch seine Einstellung ändert sich. "Ich war 84 Tage allein für mich", erinnert er sich. "Mein ganzes Leben ist mir da vor Augen gekommen." Bilder aus dem Kindergarten von seinen Klassenkameraden oder aus der Bundeswehrzeit ziehen an ihm vorbei. "Abends habe ich mir dann immer gedacht, ich kann froh sein, dies alles erlebt zu haben."
Neumann führt Tagebuch, schreibt Abend für Abend seine Erlebnisse nieder. Jetzt, nach seiner Rückkehr, will er sich Zeit nehmen, seine Aufzeichnungen zu ordnen. Im einwöchigen Urlaub mit seiner Frau: "Daheim geht das nicht." Denn der Weg zurück in den Alltag gestaltet sich schwieriger als gedacht. "Ich bin häufig nachts aufgewacht, sah eine Tapete, die mir bekannt vorkam. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, wo ich war."
Der "Einstieg in den Ausstieg" ist nun zwar vorbei - aussteigen will Neumann aber nun doch noch nicht. Wer eine derartige Tour schafft, der könne ja kaum seine Reha-Sport-Gruppen aufgeben. . .
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