zuletzt bearbeitet: 12.11.2009 09:26 Uhr
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Der Tag, an dem Ullitz Weltgeschichte schreibt
Jahrestag | Am 12. November 1989 passiert um 9.38 Uhr der erste Trabi die offene Grenze bei Ullitz. Tausende nutzen die neue Verbindung in den Westen. Von der Grenze ist heute in Ullitz nichts mehr zu sehen.
Ullitz - Das hat Werner Mergner verblüfft: Vor fünf Jahren hat er sich einmal bei Ullitz auf Spurensuche begeben, er wollte wissen: Was deutet eigentlich noch auf jene schier undurchdringliche Grenze hin, die die Menschen in Deutschland fast 40 Jahre trennte? "Außer einem alten Grenzstein und, ganz versteckt, Resten eines alten Kolonnenwegs fanden wir nichts", sagt der Redaktionsdirektor der Frankenpost. Bei der Spurensuche dabei war auch Dr. Georg von Waldenfels.
Der frühere bayerische Finanzminister war es auch, der Mergner heute auf den Tag genau vor 20 Jahren mit der frohen Botschaft überraschte. "Komm mit, in Ullitz tut sich was." Praktisch über Nacht war hier nach dem Mauerfall vom 9. November der erste deutsch-deutsche Grenzübergang in der Region aus dem Boden gestampft worden. Eine große Zahl von Menschen aus Hof, Ullitz und Trogen winkte am Vormittag des 12. November 1989, Punkt 9.38 Uhr, dem ersten Trabi von drüben zu - und weiteren Hunderten Trabis, die folgen sollten.
Seit Anfang der 1950er-Jahre war dort in Ullitz die Welt für die Menschen zu Ende. Für jene aus dem Westen genauso wie jene aus dem Osten. Nur einen Steinwurf von dem Trogener Ortsteil entfernt warnte eine Tafel "Halt! Hier Zonengrenze!". Und dahinter - nach dem Streifen Niemandsland - zog sich der Eiserne Vorhang durch die Landschaft. Die wichtige Handelsstraße zwischen Hof und Plauen war so von einem Tag auf den anderen abgeschnitten.
Und dann diese heute noch schier unvorstellbare Entwicklung in der DDR im Herbst 1989. Mit Waldenfels, dem damaligen Trogener Bürgermeister Karl Becher, weiteren Journalistenkollegen und Dutzenden anderer Bürger habe er an diesem Morgen vor 20 Jahren ungläubig auf dieses knapp fünf Meter breite klaffende Loch im Eisernen Vorhang geschaut, erinnert sich Mergner.
Was für Jahrtausende zementiert schien, an diesem Tag bröckelt es, dämmerte den Menschen diesseits der Grenze - in Ullitz. Mergner: "Und trotzdem war wohl keinem der vielen Augenzeugen in Gänze klar, was hier passierte. Heute wissen wir, dass damit das Ende des kommunistischen Weltreichs eingeläutet wurde, und dass dieses kommunistische Weltreich eben auch in Ullitz zusammengebrochen ist." Und das nicht, weil Regierungen, sondern weil Menschen es so wollten.
Am Steuer des ersten Trabis, der auf der behelfsmäßig hergerichteten Schotterstraße durch den Eisernen Vorhang fährt, sitzt der damals 50-jährige Albrecht Gemeinhardt, auf dem Beifahrersitz sein Sohn Silvio. Aus Sachsgrün kam er hochgefahren. Dort lebte er damals, dort lebt er auch heute noch. "Der Trogener Bürgermeister Karl Becher hat mir Sekt überreicht", erinnert sich Gemeinhardt. Dass der das spritzige Getränk in Pappbechern servierte, war allen egal. "Wir stießen auf die Freiheit an, das war unbeschreiblich." Die Gläser, entschuldigt sich Becher noch heute, habe er bei seinem überstürzten Aufbruch nach dem Anruf am Morgen vergessen einzupacken.
Die Piste der ersten Wochen ist heute die Bundesstraße 173 und längst wieder eine pulsierende Verkehrsader zwischen Hof und Plauen, zwischen Oberfranken und dem sächsischen Vogtland. Heute zeugen von dem ehemaligen Grenzübergang Ullitz-Blosenberg nur noch Lampen und der breite Parkstreifen. Seit dem 9. Oktober hält auch eine Hinweistafel die Erinnerung an den Tag der Grenzöffnung in Ullitz wach.
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