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Diese Kugeln töten langsam

Viele Armeen nutzen mit Uran beschichtete Munition. "Das ist ein Kriegsverbrechen", sagt Frieder Wagner. Der Filmemacher, der in Hof aufwuchs, ist als Enthüllungsjournalist auf dem ganzen Globus unterwegs. Nächste Woche zeigt er "Deadly Dust - Todesstaub" zwei Mal in Hof.

Von Christoph Plass
  • fpha_cp_staub_150311 Mit abgereichertem Uran beschichtete Munition bricht die stärksten Panzer. Doch damit beginne der Alptraum erst, sagen Kritiker: Uran, das nicht beim Aufprall verbrennt, gelange in die Atmosphäre und ins Grundwasser, und somit auch in den Menschen. Doch seit das Thema Anfang des Jahrtausends durch die Medien ging (wie in der NDR-Produktion "Tödlicher Staub" aus dem Jahr 2001, unser Bild), ist es wieder in Vergessenheit geraten. Foto: NDR
     
  • fpha_cp_wagner_150311 Frieder Wagner
     
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Hof - Frieder Wagner hat sich schon mit vielen angelegt. Er hat Waffenlieferungen nach Argentinien dokumentiert, die mit Billigung einer deutschen Bundesregierung über den großen Teich gingen. Er hat die moralischen Grenzen der Gentechnologie dem menschlich Machbaren gegenübergestellt. Er hat Filme gemacht, die "Verschwörung des Schweigens" heißen und "Geschäfte mit Todkranken", "Schattenseiten der Macht" und "Ausländer raus?". Frieder Wagner ist Kameramann, ist Filmemacher, ist Enthüllungsjournalist. Der Mann bohrt gerne in Wunden, die Regierungen und Gesellschaften lieber zudecken würden. Dafür ist er mit Auszeichnungen überhäuft worden, mehrfach mit dem Grimme-Preis zum Beispiel und auch mit dem Europäischen Fernsehpreis. Vor sieben Jahren aber ist es ruhig geworden um Frieder Wagner. Da strahlte der WDR seinen ersten Film über die Auswirkungen von mit Uran beschichteter Munition aus.

"Seitdem habe ich keine Angebote mehr von den Öffentlich-Rechtlichen erhalten", sagt Wagner. Nächste Woche zeigt der 68-Jährige seinen Film in Hof - der Stadt, in der er aufgewachsen ist. "Deadly Dust" heißt der Streifen, mit dem er seit Jahren durch Untergrund-Kinos und Gemeindesäle tingelt - Todesstaub. Er zeigt die Auswirkungen eines unsichtbaren Übels, das derzeit aus anderem Anlass in aller Munde ist: Radioaktivität. Frieder Wagner geht es dabei um eine spezielle Sache: um Munition, die mit Uran beschichtet ist (siehe Infokasten).

Nicht wenige Armeen der Erde nutzen das Element, um ihren Waffen mehr Durchschlagskraft zu verleihen. Das Gefährliche daran: Prallt ein Geschoss auf, zersetzt sich die Beschichtung, ein Teil davon wird zu Feinstaub. Die Teilchen, die nur wenige Tausendstel Millimeter groß sind, strahlen zwar nur wenige Zentimeter weit. Doch aufgrund ihrer geringen Größe können sie in der Luft schweben, können sich von Wind und Wolken forttragen lassen - und können eingeatmet werden, können mit der Nahrung oder über die Haut in den menschlichen Körper gelangen. "Dort strahlen sie dann permanent und zerstören die Zellen", sagt Frieder Wagner.

Das Golfkriegssyndrom

Auf das Thema ist nicht er gestoßen: Anfang des Jahrtausends ging es durch alle Medien. Experten benannten damals uranbeschichtete Munition als eine mögliche Ursache für das Golfkriegssyndrom. Einer dieser Experten ist Professor Dr. Siegwart Horst Günther, ein deutscher Arzt, der seit 40 Jahren im Nahen Osten wirkt und forscht. Mitte der 90er-Jahre untersuchte er im Irak Kinder, die an unbekannten Krankheiten und Missbildungen litten - an Immunschwächen, Blutarmut und einer auffälligen Krebshäufigkeit. Die Kinder waren Nachkommen von Soldaten oder spielten zwischen den Trümmern der Golfkriegs-Schlachten. Die Vermutung des Arztes: Verantwortlich für die Erkrankungen ist die uranbeschichtete Munition.

Im Archiv verschwunden

Filmemacher Frieder Wagner hatte sich Anfang des Jahrtausends im Auftrag des WDR an die Fersen des Mediziners geheftet. Entstanden daraus ist der Dokumentarfilm "Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra". Der 45-minütige Streifen lief nur ein einziges Mal im deutschen Fernsehen, danach verschwand er im Archiv des Senders. Kurios daran: "Die Produktionsfirma hat ihn übersetzt und in 16 Länder verkauft - für sie war es der erfolgreichste Film des Jahres", berichtet Wagner. Aus eigenem Antrieb blieb der Filmemacher am Thema: "Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra" wurde zum Grundstock für seinen Film "Deadly Dust", der den Einsatz von Uran-Munition im Bosnien-, Kosovo-, Irak- und Afghanistankrieg anprangert.

Doch die deutschen Sender zeigten kein Interesse mehr, weder am Film noch am Filmemacher. Für Frieder Wagner ist die Sache klar: "Das ist ein Tabu-Thema, an das sich keiner herantraut." Zwar habe er sogar schon vor dem Menschenrechtsrat in Genf darüber sprechen dürfen, zwar sei er zwischen Großbritannien, Kanada und Spanien in den Zeitungen damit erschienen. "Doch die meisten großen Medien wollen davon nichts wissen."

So versucht Wagner, seine Sache im Kleinen fortzuführen. Am Dienstag gastiert er mit seinem Film im Hofer Galeriehaus. Eingeladen hat ihn die Hofer Gruppe von Amnesty International. Zur Saalestadt hat Wagner, der seit Jahrzehnten in Köln lebt, eine besondere Beziehung: Geboren 1942 in Böhmen, kam er mit sechs Jahren nach Hof, wo er bis zum Abitur lebte. Ein ehemaliger Schulfreund hatte vor Kurzem den Kontakt wieder aufgebaut, dem folgte die Einladung der Amnesty-Gruppe. Und auch, wenn er in Hof wieder nur einen kleinen Kreis über sein Anliegen informieren kann - Frieder Wagners Ziel ist hoch gesteckt: "Die Welt braucht einen Sperrvertrag. Ich halte Uran-Munition für ein Kriegsverbrechen."



Der Film und die Munition

 

"Deadly Dust - Todesstaub" läuft am Dienstag, 22. März, um 19 Uhr im Galeriehaus Weinelt und am Mittwoch, 23. März, um 20 Uhr im Central-Kino. Für seinen Dokumentarfilm begleitet Frieder Wagner den deutschen Arzt Siegwart Horst Günther in den Irak. Günther gilt als Entdecker von Erkrankungen und Fehlbildungen, die er der Anwendung von Uran in Munition zurechnet.

Als Uran-Munition (kurz DU, für "depletet uranium") werden Projektile und Bomben bezeichnet, die mit abgereichertem Uran beschichtet sind. Letzteres ist ein Abfallprodukt der Uran-Anreicherung beispielsweise für Kernkraftwerke. Da Uran eine sehr hohe Dichte hat, entwickelt es beim Aufprall eine hohe Durchschlagskraft, die auch Panzerungen durchbricht.

Soweit bekannt, nutzen 21 Armeen der Welt Uran-Munition. Zusätzlich zu einer geringen Radioaktivität - über deren Auswirkungen verschiedenste Studien und Meinungen ins Feld geführt werden - ist abgereichertes Uran hochgradig giftig. Darin sind sich alle Experten einig.

    
    

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