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Perspektive nach dem Tiefschlag

Ein Pilotprojekt schließt eine Betreuungslücke in der Region: Für Eltern, die von Tot- oder Fehlgeburten betroffen sind, gibt es nun eine Trauergruppe in Hof.

Von Jan Fischer

Du bleibst unser Kind.

Doch du bist

ein Kind der Sehnsucht,

das zu einem Kind

der Trauer wurde.

(aus: Segen über eine Fehlgeburtvon Hanna Strack)

Hof - Sie fühlen sich alleingelassen. Betroffen. Schuldig. Tot- und Fehlgeburten sind für betroffene Eltern ein schwerer Tiefschlag, der ihr Leben nachhaltig verändert. Sie haben oft niemanden, der mit ihnen redet, ihnen einfach zuhört, sie versteht. Diese Betreuungslücke will nun Milly Müller schließen: Sie bietet eine Trauergruppe an, in der sich Mütter und Väter austauschen können.

Bisher erhalten Eltern eine Begleitung in der ersten Zeit der Trauer. In den vergangenen Jahren habe sich dies zum seelsorgerischen Schwerpunkt entwickelt, sagt Johannes Neugebauer, Krankenhauspfarrer im Sana-Klinikum Hof. Von der Diagnose bis zur Beerdigung sei so eine Unterstützung gewährleistet. Seelsorgerin Gisela Hoffsommer ist seit fast 20 Jahren auf der Station C 5 im Einsatz. "Wir mussten im Klinikum und in der Region argumentativ arbeiten, um ein Bewusstsein für Tot- und Fehlgeburten zu schaffen", weiß Neugebauer. Maßgeblich zum Verständnis für das Tabuthema habe die Sammelbegräbnisstelle für Fehlgeburten beigetragen, die die Stadt Hof vor fünf Jahren eingerichtet hat.

Eigene bittere Erfahrung

Nur für die Zeit nach der Beisetzung, wenn die Eltern oft ein psychisches Tief durchleben, gab es bislang kein Angebot. Allenfalls die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern" galt als Anlaufstelle. Da kam es Neugebauers Bemühungen entgegen, dass sich Milly Müller bereit erklärte, eine Trauergruppe zu gründen.

Ihre Motivation dazu ist der Tod ihres eigenen Sohnes. Im Jahr 2003 starb er im Alter von nur 18 Jahren. "Seitdem setze ich mich mit Sterben und Tod auseinander", sagt sie im Gespräch mit der Frankenpost. Sie schloss sich der Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern an, las viel Fachliteratur und ließ sich zur Hospizhelferin ausbilden. Nun begleitet sie schwerstkranke und sterbende Menschen - zum einen ambulant, zum anderen im neu eröffneten Hospiz in Naila.

Dadurch hat ein Umdenken begonnen: "Der Tod ist für mich nicht mehr ein Schrecken, sondern etwas Alltägliches." Diese Erfahrung will sie in die Trauergruppe einbringen. Es werde interessant, zu sehen, inwieweit Emotionen und Reaktionen in der Gruppe ähnlich sind. Sie rät Betroffenen, unbefangen, ohne Ängste ein Treffen zu besuchen.

Dabei will Müller flexibel auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingehen. Der Ablauf richte sich nach den Themen, die den Eltern auf der Seele brennen. "Je nach der Dringlichkeit, die ich empfinde", entscheide sie dann, was am Abend aufgegriffen wird. In "Momenten der absoluten Verzweiflung" stehe sie zudem telefonisch jederzeit zur Verfügung.

Aus eigener bitterer Erfahrung weiß sie, wie groß die Perspektivlosigkeit nach dem Tod eines Kindes ist. "Dieses Gefühl hält unterschiedlich lange an." Es gelte, den Betroffenen - vor allem die Frauen leiden sehr unter dem Verlust ihres Kindes während der Schwangerschaft - klar zu machen, was das Leben lebenswert macht.

Abend läuft flexibel ab

Johannes Neugebauer kennt die "Killer-Phrasen", die betroffene Mütter zu hören bekommen: "Du kannst ja wieder schwanger werden." oder "Jetzt krieg' dich mal wieder ein", heißt es manchmal. Aussagen, die nicht weiterhelfen, sondern nur das Gegenteil bewirken: Die Trauerspirale dreht sich weiter und schneller.

Gegen Schuldgefühle, die häufig nach dem tragischen Geschehen aufkeimen, will Müller gemeinsam mit den anderen in der Trauergruppe ankämpfen. Eine solche Gruppe entwickelt nach ihren Worten eine eigene Dynamik: "Es entstehen Freundschaften, es gibt private Treffen - weil man eben das selbe erlebt hat." Gemeinsam sei es leichter, drückende Gedanken und Gefühle zu bewältigen. Ein Beispiel, dass das funktionieren kann, ist Milly Müller: "Ich habe den Tod meines Sohnes verarbeitet."

Treffen

Die Trauergruppe trifft sich erstmals am kommenden Montag, 7. September, um 19.30 Uhr in der Geschäftsstelle der Diakonie Hochfranken, Klostertor 2 in Hof. Fortan finden die Treffen an jedem ersten Montag im Monat statt; Betroffene sind jederzeit willkommen. Milly Müller steht darüber hinaus für ein persönliches Gespräch oder für ein Telefonat zur Verfügung. Ihre Rufnummer: 0 92 81/6 36 19.

    
    

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