zuletzt bearbeitet: 28.03.2008 20:11 Uhr
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„Ich würde nach Peking fahren“
Kulmbach/Stadtsteinach – Der Traum von Olympia – kaum einer aus dem Raum Kulmbach war näher dran als Simone Mathes. Im letzten Versuch erst schrammte die Stadtsteinacher Hammerwerferin vor vier Jahren an der Qualifikation für die Sommerspiele in Athen vorbei. Es wäre die Krönung ihrer Laufbahn und der Lohn für jahrelange Trainingsarbeit gewesen. Mit Blick auf einen möglichen Boykott der Spiele fordert sie, den Konflikt nicht auf dem Rücken der Sportler auszutragen.
Frau Mathes, könnten Sie zu Olympischen Spielen fahren, wenn Ihre Gastgeber einen Aufstand blutig niederschlagen wie jetzt die Chinesen in Tibet ?
Simone Mathes: Schwierige Frage. Entscheidend für mich wäre die Tatsache, dass ein Boykott von mir oder von mehreren Ländern Chinas Innenpolitik mit keinem Deut ändern würde. Deshalb wäre ich dabei.
Das Nationale Olympische Komitee hat klar gemacht: Wir fahren nach China. Was halten Sie davon ?
Aus Sicht der Sportler ist das beruhigend. Zumal es den Aktiven weiter alle Freiheiten lässt, vor Ort Zeichen zu setzen.
Die Autorin Ines Geipel hat in Berlin gesagt: Wer hinfährt, weiß, dass er mit Mördern feiert...
Das ist mir zu einseitig gedacht. Wir reden hier von einer Sportveranstaltung mit Aktiven aus 180 Ländern ! Und auch die Chinesen sind ja nicht alle Mörder. Viele von denen wollen gute Gastgeber für die Welt sein und freuen sich auch nicht, was in Tibet passiert.
Müssten nicht gerade deshalb die Funktionäre des IOC jetzt endlich klare Worte finden ?
Die Frage ist, ob das IOC wirklich die Macht hat, etwas zu ändern. Ich sehe vor allem die Politik in der Pflicht. Dass hier Proteste blutig niedergeschlagen werden und Journalisten nicht frei berichten können, ist untragbar. Da muss die internationale Gemeinschaft auf Veränderungen drängen. Stattdessen sollen Sportler mit T-Shirt „Free Tibet“ protestieren. Ich finde es nicht okay, wenn Sportler machen sollen, wozu die Politik nicht in der Lage ist.
Gibt es für Athleten in solchen Fragen eine Schmerzgrenze ? Wie politisch darf der Sport sein ?
Dem Aktiven sollte erlaubt sein, Akzente zu setzen. Aber meiner Ansicht nach muss ich das in einem Rahmen bewegen. Noch einmal: Wir sprechen hier über ein Sportereignis. Deshalb wäre eine Abstimmung zwischen NOK und IOC wichtig, damit klar ist, wie der Aktive überhaupt demonstrieren darf. Dass das NOK jetzt suggeriert, Proteste wären erlaubt, die IOC-Charta gleichzeitig politischen Bekundungen aber ausdrücklich verbietet, ist da nicht hilfreich.
Die Degenfechterin Imke Duplitzer sagt: „Ernährt mich Moral ?“ Ist der finanzielle Druck auf Sportler so groß, dass ein klares Zeichen zu viel verlangt ist ?
Ein Sportler, der die Spiele boykottiert, wird wirtschaftlich enorm beschädigt. Dann fehlen künftig Sportförderung und Sporthilfe, also das Geld, dass den Athleten absichert. In den vielen nicht sehr hoch bezahlten Disziplinen stehen Existenzen auf dem Spiel. Deshalb sage ich ja, da läuft vieles auf dem Rücken der Sportler ab. Oder hat irgendein Unternehmen oder ein Sponsor wegen der Vorfälle in China erklärt, dass er sich nun zurückzieht ? Deshalb finde ich, dass von den Sportlern etwas verlangt wird, wozu Wirtschaft oder Politik offenbar nicht bereit sind. Das kann aus meiner Sicht nicht sein.
Haben Sie während Ihrer Laufbahn jemals politisch Initiative ergriffen ?
Nein. Aber es gab auch nie eine solch schwierige Situation wie diese. Letztes Jahr war ich bei der Militär-WM in Indien. Da lief ich mit Sportlern aus mehr als 100 Nationen ein, von denen viele Konflikte mit ihren Nachbarn führen. Trotzdem war es eine wunderbare Veranstaltung, die verbunden hat. So soll Sport sein. In der Nationalmannschaft hat uns auch nie jemand Vorgaben gemacht.
Sie selbst hätten es 2004 fast nach Athen geschafft – wie fixiert ist man da als Sportler auf sein Ziel ?
Olympia ist das einzige Wort das zählt. Du wachst damit auf und schläfst damit ein. Und das heißt dann nicht Olympia – Tibet – Unruhen. 2000 war ich nahe dran und vier Jahre später hatte ich die Olympia-Norm geschafft. Wenn es dann im letzten Moment nicht klappt, bricht eine Welt zusammen. Man darf nicht vergessen, dass sich der Athlet jahrelang, ja oft sein ganzes Leben, auf diesen Moment vorbereitet.
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