zuletzt bearbeitet: 28.09.2007 02:02 Uhr
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„An Ufos zu glauben ist extravagant“
Esoterik, Scientology oder katholischer Gottesdienst? Jedem das Seine, sagt Professor Bochinger
Christliche Kirchen, „Neue Religiöse Bewegungen“, kleine Gemeinschaften oder Sekten: Der moderne Mensch ist auf spiritueller Suche. Wir sprachen darüber mit dem Religionswissenschaftler Professor Christoph Bochinger aus Metzlersreuth, der an der Bayreuther Universität lehrt.
Professor Bochinger, glauben Sie als Religionswissenschaftler an Gott?
Bochinger: Ich persönlich bin Christ, aber anders als bei Theologen soll es in meiner wissenschaftlichen Arbeit keinen Unterschied machen, ob ich Christ, Buddhist, Muslim oder Atheist bin.
Womit beschäftigt sich Theologie?
Sie hat die Aufgabe, Religion und Glauben aus der Sicht einer bestimmten Konfession zu reflektieren. Dabei geht es zunächst einmal um die eigene Religion. Religionswissenschaftler dagegen befassen sich von außen mit Religionen.
Beschäftigen Sie sich auch mit dem Islam in Deutschland?
Es ist einer meiner Schwerpunkte. An dieser Stelle sind wir wieder bei der Theologie: Das Problem ist ja, dass es in Deutschland fast keine islamischen Theologen gibt. Die Fragen des Islam in der modernen Gesellschaft – zum Beispiel das Kopftuch – werden nur politisch diskutiert. Es müsste viel mehr Muslime geben, die diese Fragen mit einer soliden Kenntnis der islamischen Grundlagen reflektieren können.
Das ist aber nicht der Fall.
Deswegen haben bei Streitigkeiten oft auf beiden Seiten die Schreihälse die Oberhand, die einzelne Stellen aus dem Koran herauspicken und sie im falschen Zusammenhang interpretieren. Theologien sind daher wichtig für die Religionen, zu denen sie gehören. Aber sie sollten nicht fremde Religionen nach dem Maßstab der eigenen beurteilen. Auch wenn es um Neue Religiöse Bewegungen geht oder sogenannte Sekten sollte man nicht einfach vom Standpunkt einer Religionsgemeinschaft über die andere urteilen.
Es gibt ja viele kleine Religionsgemeinschaften.
Es gibt ein breites Spektrum. Hier in Oberfranken gibt es zum Beispiel viele Freikirchen, die zum christlichen Spektrum gehören. Zurzeit stark im Kommen ist außerdem die charismatische oder neupfingstliche Bewegung.
Was bedeutet charismatisch?
Charisma bedeutet „Gabe“. Menschen sehen sich von Gott begabt, den Heiligen Geist herbeizurufen – mit manchmal ungewöhnlichen Gottesdienstformen. In afrikanischen Gemeinden wird zum Beispiel viel getanzt. Manche Gemeindeglieder reden in Zungen. Wenn der Geist über sie kommt, fallen sie in einen ekstatischen Trancezustand. Das ist eine Form von Christentum, bei der es um Ausdruck, um das besondere Erleben geht.
Haben Sie selbst an so einem Gottesdienst teilgenommen?
Ich war als Beobachter dabei, oft bei den Afrikanern, wo es ziemlich heftig zugeht. Sie haben kraftvolle Musik, die Gottesdienste dauern manchmal viele Stunden.
Welche Bewegungen gibt es noch?
Es gibt eine Reihe von Freikirchen, die im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Dazu gehören die Adventisten oder die Johannische Kirche. Das sind kleine, eindrucksvolle Gemeinschaften. Die letztere betreibt einen ökologischen Bauernhof und einen Biergarten in der Fränkischen Schweiz, der jedem offen steht. Ich benutze den Begriff Sekte ungern, weil in der Alltagssprache eine Negativwertung mitschwingt.
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Dinge jenseits der Todesgrenze
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Hat sich der Umgang mit der Religion verändert?
Der Umgang mit Religion und Spiritualität hat sich stark verändert. In unserer Region sind die meisten Menschen zwar noch überwiegend Kirchenmitglieder, aber viele von ihnen befassen sich daneben auf ihre eigene Weise mit religiösen Themen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Krankheit und Heilung. Religion findet also nicht unbedingt in der Kirche statt.
Woran erkennt man diese Distanzierung?
Für mich ist ein Symbol für diese Veränderung die Religions- und Esoterikabteilung moderner Selbstbedienungsbuchhandlungen. Es gibt dort viel Auswahl: Bücher über den Papst, evangelische Erbauungsbücher, Edelsteintherapie, Dalai Lama, islamische Mystik, alles nebeneinander. Der Käufer sucht sich heraus, was er haben will. Er wartet nicht darauf, was der Pfarrer auf der Kanzel ihm anbietet.
In der Schmökerecke bei den Astrologiebüchern findet man also sein Seelenheil.
In der Soziologie spricht man von „Individualisierung“. Moderne Menschen stehen unter einem enormen Entscheidungsdruck, weil an jeder Ecke etwas anderes angeboten wird. Menschen, die ihre religiösen Quellen selbst suchen, nennen wir in der Uni Bayreuth „spirituelle Wanderer“. Sie sagen, der Weg ist zugleich das Ziel, und sie nehmen sich die Freiheit, den Weg nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Waren früher die Leute frömmer als heute?
Das würde ich nicht sagen. In Predigten von vor 100 Jahren schimpften die Pfarrer, dass die Kirchen leer seien. Aber die Frömmigkeit war anders. Früher war relativ klar, wo man in einer Krisensituation Zuspruch findet. Heute fühlen sich die Leute eher auf ihrem Weg gestört, wenn ihnen jemand sagen will, wo es lang geht.
Ist das typisch für die heutige Zeit?
Es hängt mit der Situation des modernen Menschen zusammen, dem Zwang, immer mehr erreichen zu müssen. Hier hat für manche Menschen zum Beispiel der Reinkarnationsglaube eine entlastende Funktion. Die Vorstellung, dass man schon in einem anderen Kontext gelebt hat, ist für die Selbstdeutung vieler moderner Menschen nahe liegend.
Die Suche nach dem Selbst kann aber auch überfordern.
Ja, manche Menschen springen von einer Sache zur anderen, und es geht ihnen nicht gut dabei. Aber die Mitgliedschaft selbst zum Beispiel bei Scientology spielte nach der Aussage eines meiner Gesprächspartner in seiner Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle, obwohl er schon lange wieder ausgestiegen ist. „In den Fängen der Scientology“ gilt also nicht für jeden. In der Religionspsychologie gibt es die These, dass es auch bei autoritären religiösen Gruppierungen eine „Passung“ zwischen den Bedürfnissen der Anhänger und dem Angebot der Gruppe gebe. Das scheint wirklich so zu sein.
Man darf also nicht verallgemeinern.
Es gibt auch in den Großkirchen Leute, die religiöse Neurosen bekommen. Damit will ich nicht sagen, dass es egal sei, an welche Religionsgemeinschaft man sich hält.
Auch an Ufos zu glauben ist in Ordnung?
An Ufos zu glauben finde ich extravagant, es ist aber verbreitet. Dahinter steht meines Erachtens ein Bedürfnis, die Erfahrung der technisierten Welt, in diesem Fall die Raumfahrt, mit religiösen Bedürfnissen zu verknüpfen. Mit dem Bedürfnis nach Verknüpfung kann man zum Beispiel auch Déjà-vu-Erlebnisse erklären: Man ist sich sicher, an einem Ort, den man zum ersten Mal sieht, etwa im Urlaub, schon einmal gewesen zu sein. Manche Menschen erklären sich das mit Reinkarnationsvorstellungen. Über Dinge jenseits der Todesgrenze kann man eben nichts rational Gesichertes sagen, daher lässt sich das weder beweisen noch widerlegen. Und genau das interessiert die Menschen.
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