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Ein Kalenderblatt für die Ewigkeit

US-Wahl | Der frühere Helmbrechtser Timothy Stahl, der seit 1999 mit seiner Familie in Las Vegas lebt, beschreibt, wie er den Sieg von Barack Obama erlebt hat. Ein Präsident, der selbst glaubt, was er sagt.
Von Timothy Stahl
  • fpmhz_stahl_061108 Ein Helmbrechtser in Las Vegas: Timothy Stahl
     
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Helmbrechts/Las Vegas – „Der“ Deutsche schien am Ausgang der US-Wahlen deutlich mehr interessiert als „der“ Amerikaner – diesen Eindruck hatte wohl nicht nur ich, der gerne und oft vom fernen Westen aus in deutsche Zeitungen schaut. „Der“ Amerikaner war politisch weit weniger interessiert und versiert als „der“ Deutsche. Und dass der Rest der Welt in den vergangenen acht Jahren zunächst immer verärgerter und mit wachsender Sorge und erst mit dem Auftreten eines Barack Obamas wieder wohlwollender und hoffnungsvoller nach Amerika schaute, war vielen gar nicht bewusst – vielleicht auch, weil „der“ Amerikaner so seine Schwierigkeiten hat, wenn es um die geographischen Zuordnung besagten Rests der Welt geht. Na ja, nachvollziehbar, irgendwie – wenn man in einem Land so groß wie Amerika und nur da lebt, braucht man vielleicht auch nicht zu wissen, wo auf dem Globus beispielsweise Schweden zu suchen oder gar zu finden ist ...

Überall: „Geht wählen!“

Dieser mein Eindruck hielt sich lange – bis zum Vormittag des offiziellen und letzten Wahltags. Als ich auf dem Heimweg an vielen Kreuzungen junge Leute sah, noch keine zwanzig – und ganz offensichtlich nicht nur potenzielle Erstwähler: Sie schwenkten selbstgemalte Schilder und Transparente und forderten Vorbeifahrende mit (dann doch wieder typisch amerikanischem) Enthusiasmus auf: „Go vote!“ – „Geht wählen!“ Sie warben weder für den einen noch den anderen Kandidaten, nur: „Go vote!“ – „Geht wählen!“

Wir waren schon am Freitag zum sogenannten „early voting“ gegangen, trotzdem, was dieser 4. November 2008 nicht nur bedeuten konnte, sondern schon bedeutete, wurde mir erst an diesem Dienstagmorgen wirklich bewusst: Barack Obama war es gelungen, Menschen mobil zu machen – junge Menschen, denen es noch vor Jahren vielleicht schwergefallen wäre, auch nur einen der Präsidentschaftsanwärter beim Namen zu nennen, dazu zu bewegen, ihr Wahlrecht buchstäblich zu nutzen, um wenigstens die Chance auf Veränderung zu schaffen: „Yes, we can.“ – „Ja, wir können es schaffen.“ Miteinander, jeder Einzelne zählt. Das hatte Barack Obama also schon erreicht – dass es ihm am Abend obendrein noch mit dem Wahlsieg gedankt wurde, umso schöner ... hoffentlich für alle.

Meine eigene Wahlentscheidung stand schon sehr früh fest – ich wollte mit meiner Stimme helfen, wieder gutzumachen, was George W. Bush in der Welt an Schaden angerichtet hatte. Nicht einmal seiner Partei wollte ich mehr vertrauen. Dass man den Wählern John McCain angeboten hat, bestärkte offenbar nicht nur mich – einem älteren Herrn, der anderswo seit sieben Jahren seinen verdienten Ruhestand genösse, dem sollte man nicht mehr das anstrengende Amt eines Weltpolizisten zumuten. Dennoch, völlig sicher konnte man sich eines Sieges für Obama freilich nicht sein, vieles stand dem entgegen, nicht nur die (drücken wir es mal vorsichtig aus) immer noch vorhandene „Unsicherheit“ des Weißen gegenüber dem Schwarzen ... Den „kiss of death“, den „Todesstoß“, gab die Partei ihrem Kandidaten erst, als sie eine Frau namens Sarah Palin aus dem Hut zauberte. Die Absicht liegt auf der Hand: Man wollte alt und jung vereinen, um der relativen Jugendlichkeit Barack Obamas Paroli zu bieten. Der Schuss ging allerdings nach hinten los ab dem Moment, da die Sarah Palin anstatt Elche einen Vogel nach dem anderen abzuschießen begann; unter anderem den, sich diplomatische Fähigkeiten zuzusprechen, basierend auf der „Nähe“ ihres Heimatstaats Alaskas zu Russland ... (Hielt ich erst für einen Witz oder wenigstens aus dem Zusammenhang gerissen, war aber tragischkomische Wahrheit.)

In den letzten Tagen vor dem 4. November waren meine Zweifel weitgehend ausgeräumt, Hochrechnungen und Prognosen sprachen eine doch deutliche Sprache. Dass Obama – im Vergleich zu den beiden vorherigen Wahlen – letztlich mit wirklich eindeutiger Mehrheit den Sieg einfahren durfte, dass wirklich die meisten Menschen ihn gewählt hatten, war eigentlich nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Und als er in Chicago zum ersten Mal als „President-elect“ ans Mikrofon trat, zeigte sich einmal mehr, warum die Amerikaner ihr Vertrauen in diesen Mann gesetzt haben: Weil er ein ganzes Volk fasziniert. Barack Obama glaubt man zumindest, dass er selbst glaubt, was er sagt und was ihm die Menschen zigtausendfach nachsprechen: „Yes, we can.“

Nur stellt sich schon jetzt, am Tag danach, die Frage: Kann Obama die Aufbruchstimmung, die er geweckt hat, auch wachhalten? Die Euphorie des Wahlabends wird sich legen, zweifellos – hoffentlich aber auch die feste Überzeugung vieler, ein Barack Obama könne übers Wasser wandeln. Denn tatsächlich liegt ein steiniger Weg vor ihm – und vier Jahre werden womöglich nicht genug sein, ihn bis ans gesetzte Ziel zu gehen.

Ortszeit: fünf Uhr morgens. Seit neun Stunden steht fest: Die USA werden zum ersten Mal von einem afroamerikanischen Präsidenten regiert werden. Er hat die größere Menge von Menschen für sich begeistert – erobert allerdings hat er sie noch nicht. Ein schwarzer Präsident wird mehr zu tun haben, als nur politisch und wirtschaftlich wieder für Ordnung zu sorgen. Kann er das schaffen? An diesem Morgen nach der Wahl jedenfalls möchte man sagen: „Yes, we can.“

Neue Zeitrechnung

Ich habe das Kalenderblatt vom 4. November noch nicht abgerissen und überlege gerade, ob ich es aufheben soll. Denn an diesem Tag wurde Geschichte geschrieben, kein Zweifel, nur wie sie ausgehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Aber irgendwann wird man vielleicht fragen: Woran erinnerst du dich, wenn du an den 4. November 2008 zurückdenkst? Und dann könnte ich sagen: Das war ein Tag, den ich nicht einfach wegwerfen wollte – und an dem ich darüber nachgedacht habe, was heute wohl daraus geworden sein wird.

Dieses Heute der Zukunft wird dann hoffentlich ein Tag sein, an dem wir kopfschüttelnd zurückblicken werden auf eine Zeit, in der es noch etwas Besonderes war, wenn kein Weißer oder eine Frau ins Amt des amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. Wunderbar, wenn dieses Verdienst Barack Obama zugeschrieben würde – und allen Menschen, die mit ihm sagten und glaubten: „Yes, we can.“

    
    

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