zuletzt bearbeitet: 19.03.2010 20:17 Uhr
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Ein Dinosaurier seiner Zunft erzählt
Wagnerei | Die Industrialisierung hat dem Beruf des Bobengrüners Rudolf Sommermann ein Ende gesetzt.
Bobengrün - Neben Weber, Schuster, Bäcker, Metzger, Sattler, Schneider und Schmied gehörte der Wagner einst zum dörflichen Leben. Seine handwerklichen Fähigkeiten nahmen vor allem die Bauern gern in Anspruch. Heute sieht das anders aus: Von den jungen Leuten weiß kaum einer etwas mit dem Begriff Wagner anzufangen - kein Wunder, lassen sich die berufstätigen Wagnermeister in Bayern doch an einer Hand abzählen. Zu ihnen zählt Rudolf Sommermann aus Bobengrün. Er ist einer der letzten seiner Zunft in der Region und sagt: "Was wir angefertigt haben, wird heutzutage entweder nicht mehr gebraucht oder aber als Massenware in Fabriken hergestellt."
1893 gegründet
Bereits 1972 stellte die von Heinrich Sommermann gegründete Wagnerei Sommermann in Bobengrün ihren Betrieb ein. "Wir hatten einfach keine größeren Aufträge mehr, vor allem die Mechanisierung der Landwirtschaft hat uns den Garaus gemacht", erzählt Rudolf Sommermann, der als gelernter Wagner mit seinem Vater nur noch nebenberuflich kleine Aufträge erledigte. Er selbst war danach bis zum Rentenalter als Zuschneider in einem örtlichen Konfektionsbetrieb beschäftigt.
Die Leidenschaft für den Beruf ist ihm dennoch nicht abhanden gekommen. "Bis heute gilt meine große Liebe der Wagnerei. Ich halte mich immer noch gern in meiner Werkstatt auf und führe kleine handwerkliche Arbeiten mit Holz aus", erzählt der vitale Ruheständler. Bei der 600-Jahr-Feier seines Heimatortes will er auf das fast vergessene Handwerk aufmerksam machen und ein Wagenrad bauen. "Bis Anfang der 50er-Jahre war das unsere Hauptarbeit", erinnert sich der gelernte Wagner.
Der letzte hölzerne Leiterwagen in kompletter Ausstattung wurde 1949 gebaut und in die Schnaid verkauft. "Allein für die Anfertigung eines Wagenrades seien 20 Arbeitsstunden nötig", sagt Sommermann, der an einem halbfertigen Bauteil die einzelnen Arbeitsabläufe erklärt. Feinarbeit ist bei der Fertigung einer Nabe angesagt, die aus Ulmenholz gedrechselt wird. Aus dicken Bohlen des zähen Eschenholzes werden die Radrundungen herausgesägt und die vielen Teile mit kleinen Flacheisen-Ecken zum Kreis gebunden. Für die Speichen benötigt der Wagner das harte Holz des Bergahorns.
"Dass die Wagenräder später gut rollen, hat der Schmied in der Hand. Er zieht den eisernen Laufreif auf und die Büchsen ein", erzählt der Handwerker. Dass der Beruf verschwindet, hat die Bobengrüner Wagnerei jahrzehntelang erfolgreich verhindert, indem sie sich auf die Herstellung von Schneeschuhen spezialisierte und damit eine Nische ausfüllte.
Wie die Berufskollegen in Südbayern versuchte sich als einziger Wagnermeister im Frankenwald auch Heinrich Sommermann, Sohn des Firmengründers, an der Ski-Herstellung. Die Vorlagen kamen aus Skandinavien, die Abnehmer waren zunächst nur Förster, Jäger und Waldarbeiter. "Für den Winter war es für uns ein willkommener Zuerwerb", erinnert sich Rudolf Sommermann, "der Absatz stieg ab den 50er-Jahren stetig, da Wintersport immer beliebter wurde." Die Skier der Marke "Frankenwald" (später Heso, die Abkürzung für Heinrich Sommermann) wurden aus Vollholz (Esche) hergestellt, die Spitzen unter Dampf gebogen. Die Bindung war aus Weidenrohr, das mit Leder überzogen wurde.
1000 Paar pro Jahr verkauft
"Bis 1954 änderte sich nichts Wesentliches im Skibau", erzählt der 78-Jährige. Mehr Elastizität brachte die Block-Lamellen- und Skiverleimung. Durch die neuen Bindungen wurde das Skifahren wesentlich sicherer.
"Mein Vater, mein Bruder Günther und ich hatten in den 50er-Jahren bis Mitte der 60er- Jahre gut zu tun und beschäftigten in den Wintermonaten sogar Hilfskräfte." Die "Heso-Skier" verkauften sich in ganz Oberfranken gut, sowohl an Privatleute als auch an Geschäfte. Gut 1000 Paar wanderten jährlich über den Ladentisch.
Damals wurde Skifahren zum Massensport. "Schneearme Winter und die zunehmende Industrialisierung der Skiherstellung läuteten aber das Ende unserer Skimanufaktur ein", erinnert er sich. Da habe es auch nichts genützt, "dass wir als Besonderheit die Laufflächen mit Hickory-Holz beschichteten und versiegelten".
Lächelnd erinnert sich der innovative Handwerker an ein weiteres, recht kurzfristiges zweites Standbein in den späten 40er-Jahren: den Bau von Leichenwagen, dem die Motorisierung ein jähes Ende setzte.
"Heute ist die Herstellung von kleinen Hockern zum Schärfen von Sensen mein Hobby", sagt Rudolf Sommermann - und fügt lachend an: "Leider hält sich die Nachfrage in Grenzen. Die Wagnerei ist eben leider auf das Abstellgleis geraten."
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