zuletzt bearbeitet: 15.04.2010 03:42 Uhr
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Vorsicht, Sündenböcke
Wir sollten aufpassen, dass wir das
Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
"Je heilicher, desto greilicher" heißt auf gut Fränkisch ein alter Spruch über Kirchenmitglieder, die sich mit erhobenem Zeigefinger moralisch gerne über andere erheben. Kirchenferne und Spötter erhalten fast täglich Wasser auf ihre Mühlen. Bisher standen meist katholische Einrichtungen im Fokus, wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern ging. Inzwischen gibt es offenbar auch einige Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche. Die geht damit allerdings wesentlich offener um als ihre katholischen Glaubensbrüder und steht zu ihrer Verantwortung. Es ist zu hoffen, dass dies auch künftig so bleibt.
Der Vatikan hingegen hat erst nach monatelangem öffentlichen Druck in dieser Woche erstmals Regeln veröffentlicht, wonach kirchliche Verantwortliche die staatlichen Behörden einschalten müssen, wenn ihnen sexueller Missbrauch bekannt wird. Dennoch dringen immer wieder Töne aus der katholischen Welt, die Kopfschütteln auslösen. Nach dem Augsburger Bischof Walter Mixa, der die "sexuelle Revolution" für die Missbräuche verantwortlich machen wollte, soll nun die "Homosexualität" daran schuld sein, dass Männer Kinder missbrauchen. Das hat Kurienkardinal Tarcisio Bertone diese Woche in Rom verlautbart. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck setzte bei "Anne Will" am Sonntag noch eins drauf: "Homosexualität ist eine Sünde", sagte er wörtlich. Andere sagen, der Zölibat sei schuld am Kindsmissbrauch. Die
Suche nach Sündenböcken hat Konjunktur.
Die wirkliche Sünde ist der Missbrauch von Kindern durch Erwachsene. Dieses Verbrechen zieht sich durch unsere ganze Gesellschaft. Dazu gehören auch die Kirchen. Wegen ihres hohen moralischen Anspruchs stehen sie besonders in der Kritik. Das ist verständlich. Aber wir sollten aufpassen, dass wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten - auf der Suche nach Sündenböcken für ein abscheuliches gesellschaftliches Phänomen. Drei Viertel aller Kinder werden durch Familienmitglieder oder Bekannte missbraucht, sagt der Kieler Sexualforscher Hartmut Bosinski. Das macht nichts besser, im Gegenteil. Aber es ist an der Zeit, einmal darauf hinzuweisen, dass die Kirchen keine Vereine von Pädophilen sind. Ohne den engagierten Einsatz Tausender Priester, Pfarrer und Mitarbeiter in den Kirchen sähe die Welt sehr viel anders aus.
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