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Fehler im System

Kommentar
Von Walter Hörmann
  • fpnd_Hoermann_Neu_2sp_300110 Von Walter Hörmann
     
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Es ist der Albtraum. Mit der Nährlösung tröpfeln Keime in kleine Körper. Drei Säuglinge sind gestorben in der Uniklinik in Mainz. Weil die Infusionen, die Leben retten sollten, verschmutzt waren. Weil jemand Fehler gemacht hat? Weil das System solche Fehler provoziert? Die schreckliche Dramatik ruft danach, nicht allein in Betroffenheit zu verharren; wir möchten mit dem Finger deuten, Verantwortung zuweisen können. Indes: Und wenn es noch so schwer fällt, Schuldzuweisungen sind fehl am Platze, ehe Untersuchungsergebnisse vorliegen; sie helfen auch nicht wirklich in solchen Fällen. Viel wichtiger ist die Ursachenforschung, um künftige potenziell tödliche Versehen und Fehler vermeiden zu können.

Eigentlich ist so ein Krankenhaus ein unmöglicher Ort, um gesund zu werden: Hunderte Menschen mit völlig unterschiedlichen Leiden, Tausende Besucher auf Fluren und in Krankenzimmern, Personal, das von Patient zu Patient eilt, Gerätschaften, Toiletten, Türklinken, Aufzugsknöpfe: Die Möglichkeiten, dass sich Krankheitserreger in einem solchen System verbreiten, sind mannigfaltig. Umso erstaunlicher ist, dass in unserem überregulierten Staat klare gesetzliche Regelungen für die Klinikhygiene fehlen. Richtlinien gibt es wohl, aber wie die Kliniken damit umgehen, bleibt ihnen wohl weitgehend selbst überlassen - was immerhin die jüngsten Münchner Klinikskandale erklärbar macht, wenn auch nicht hinnehmbar.


40 000 Tote durch "Killerkeime" im
Krankenhaus - und keinen regt es auf.


Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass 40 000 Menschen Jahr für Jahr in Deutschland sterben, weil sie sich in Krankenhäusern sogenannte multiresistente Erreger "eingefangen" haben. 40 000 Tote - das wären fast zehn Mal so viele, wie im Straßenverkehr sterben! Und keinen regt es auf, obwohl seit vielen Jahren bekannt ist, dass herkömmliche Antibiotika gegen einige der "Killerkeime" nicht mehr helfen? Dabei wäre es vergleichsweise einfach, deren Ausbreitung einzuschränken. Die allereinfachsten Hygienevorkehrungen wie Desinfektion von Händen und Geräten helfen schon viel; dazu bräuchte es gezieltere Untersuchungen und Analysen, um Infektionen zu erkennen und Betroffene zu isolieren.

Natürlich achten Ärzte, Pfleger und Schwestern in aller Regel peinlich auf Hygiene - aber sie stehen zunehmend unter Zeit- und Kostendruck, während manche Klinikverwaltung womöglich in Versuchung gerät, an der Reinigung zu sparen. Und: Es gibt in Deutschland noch nicht einmal umfassende Meldepflichten für Erkrankungen oder Todesfälle durch multiresistente Keime - eine Einladung, die Probleme schön unter der Decke zu halten. Dazu gibt es einen ausgeprägten Hang zum Antibiotikum, verlangt vom Patienten, erfüllt vom Arzt - und gelegentlich wohl immer noch vom Tiermäster irgendwo auf der Welt. Der massenhafte und häufig völlig unnötige Einsatz der einstigen Wundermittel Penicillin und Co. hat die widerstandsfähigen Superkeime erst geschaffen, die Patienten heute schwärende Wunden in den Körper fressen, die nie mehr heilen.

Für den tragischen Tod der drei Säuglinge sind diese Erreger nicht verantwortlich, gewiss. Aber die Ereignisse von Mainz werfen ein Schlaglicht auf die Situation in unseren Kliniken, sie machen bewusst, wie sorglos wir umgehen mit der Bedrohung durch mangelnde Hygiene. Jetzt, jetzt erst!, kommt das Bundesgesundheitsministerium, Betroffenheit formulierend, auf die Idee, das Thema Krankenhaushygiene auf die Tagesordnung der nächsten Gesundheitsministerkonferenz zu setzen; die wird voraussichtlich schon im Jahr 2011 stattfinden. Sehr beruhigend - wie auch die eilfertigen Hinweise der Bundespolitik, dass ja eigentlich die Länder und die Krankenhäuser zuständig seien . . .

    
    

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