Hof - Wenn einer jedes Jahr eine Bibel illustrieren müsste, sie würde immer anders aussehen. Wenn viele eine Bibel illustrieren müssten, kein Buch sähe dem anderen gleich. Wenn nun noch Epochen und Zeitalter, Aufklärung, Industrialisierung, Reformation und andere Entwicklungen der Erde zwischen jenen Menschen lägen, dann werden die Bilder zum Sammelsurium der Kunstgeschichte, zum Fächer der historischen Farben, zum Spiel der Stile. Und Bibel-Macher sind fleißig: Wahre Schätze sind im Lauf mehrerer Jahrhunderte auch in und für Hof entstanden. In feuerfesten Schränken schlummern sie in einem Keller am Maxplatz: Im Archiv des evangelischen Dekanats stehen mehr als 300 Bibeln, die ältesten aus dem 14. Jahrhundert, dazu Gesangbücher und geistliche Literatur - zudem, als wichtigste Quelle für Stammbaum-Forscher, Matrikel-, Gesang- und Rechnungsbücher fast vollständig seit dem Jahr 1581.
In den Schränken stehen, die dicken Rücken dicht an dicht, die theologischen Kostbarkeiten altehrwürdiger Hofer Familien. Aufwendig gedruckt, gebunden und gestaltet sind sie allesamt, ganz besondere Exemplare gibt es dennoch unter ihnen: Gefühlte zehn Kilo wiegt zum Beispiel die Osiander-Bibel, der dicke Ledereinband ist mit zart ziselierten Silberplatten beschlagen, die Seiten sind schwer und dunkel, ausladend und weich fallen sie beim Blättern. 1680 ist das Buch in Lüneburg gedruckt worden, in Hof bekam es sein Lederkleid. Die feinen Druckbuchstaben rahmen Kupferstiche niederländischer Meister ein - der Kunstmaler Andreas Lohe hat nach ihrem Vorbild die Decke der Hospitalkirche gestaltet. Viel Hofer Stadtgeschichte verbirgt sich da in den Schriften, die die ganze Welt veränderten.
Sauklaue im 15. Jahrhundert
Der Herr der Bibeln hier unter der Erdoberfläche ist Leo Hartung. Seit zehn Jahren betreut der pensionierte Beamte das Archiv - früher hat er bei der Kripo Spuren gesichert, heute hat er sich ganz dem Aufklären historischer Zusammenhänge verschrieben. "Ich betreibe seit 50 Jahren Genealogie, Ahnenforschung, ich bin viel in den verschiedensten Archiven unterwegs." So kennt er sich aus mit den Aufzeichnungsmodi der Kirchen und Klöster, weiß, welche Einträge er wohin zurückverfolgen kann und - und das ist der erste und ein wirklich großer Schritt - er kann vieles lesen.
Wer auch immer im Jahr 1551 die Kirchenrechnungen für St. Michaelis geschrieben hat: Er hatte eine Sauklaue, die selbst Leo Hartung nur schwer entziffern kann. Neben den normalen optischen Problemen mit der menschlichen Handschrift im Wandel der Jahrhunderte steht der Archivar vielfach auch vor ganz anderen Texten: Nicht nur auf Altdeutsch und Lateinisch, auch auf Hebräisch oder Griechisch sind einige der Bibeln in dem Hofer Keller verfasst.
Bei letzteren beiden Sprachen muss der Genealoge passen - und trotzdem kann und muss er oft Auskunft über alle seine Schützlinge im Lederkleid geben. Universitäten und Doktoranden, Theologen und Kunsthistoriker treten regelmäßig mit Fragen an ihn heran. Dann studiert er die Deckblätter auf Hinweise nach Verleger und Buchbinder, dann durchforstet er die Seiten nach Randnotizen, die sich Pfarrer, Lektoren oder Besitzer vor Jahrhunderten gemacht haben, dann analysiert er Bilder und Zeichnungen, Stiche und Skizzen.
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Die meiste Zeit seiner Arbeit jedoch verbringt er damit, andere Anfragen zu bearbeiten: Menschen aus ganz Deutschland, aus Holland, Ungarn, Namibia und - recht zahlreich - auch aus den USA schreiben Leo Hartung. Sie sind auf der Suche nach ihren Vorfahren und Verwandten, und in den Hofer Kirchenbüchern findet sich weit mehr, als sich oft vermuten lässt.
Buchführung als Abenteuer
Zwischen dem Konzil von Trient ab 1545 und den Kirchengesetzen Bismarcks 1875 waren die Kirchen die einzige Institution, die Heiraten, Geburten und Todesfälle lückenlos dokumentierte. Buchführungspflicht und Jahrhunderte währende Bürokratie haben in Hof unzählige Regalmeter an Heften und Büchern hinterlassen, händisch vollgeschrieben mit Tabellen und Hinweisen, Rechnungen, Notizen und Querverweisen. Darin finden sich nicht nur Rechnungen an den Bruder Johann Christian Reinharts, der Ende des 18. Jahrhunderts als Schieferdecker Hofer Kirchtürme ausgebessert hat, sondern auch die Werdegänge vieler Menschen.
"Mit einiger Übung kann man aus den kurzen Notizen viel herauslesen", sagt Hartung. Vor allem die Zeiten, in denen viele Menschen gereist sind - wie beispielsweise während des Dreißigjährigen Krieges - machen das Lesen in den Matrikelbüchern zur spannenden Spurensuche.
Am interessantesten aber sind für Hartung die kleinen Randvermerke in den Werken - in Bibeln und Kirchenbüchern gleichermaßen. Da erfährt der Leser dann, dass ein Fletschenreuther Förster seinem Nachbarn im Suff das Haus abgeschwatzt hat, da liest er dann die Pfarrer-Notiz neben dem Tauf-Eintrag "In wilder Brunft gezeugt" und da kann er die Gedanken Enoch Widmans zu seinen Kompositionen zusammensetzen.
Interpretationsspielräume und Fantasie spielen eine Hauptrolle beim Studieren der vielen Schriften - und das Wissen dazu. Mit dem können die kleinsten Hinweise zur größten Geschichte führen: zum Geschenk aus längst vergangenen Zeiten.



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