Hof - Kann sich ein ausgewachsener Mensch in der Hofer Innenstadt mit fünf Euro ernähren? Bekomme ich für diesen Geldbetrag ein warmes Mittagessen, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen? So ähnlich lauteten die selbstgestellten Fragen, die ich mich im Dienste unserer Leser anschickte zu klären - mit einem leeren Magen, wie er leerer nicht sein konnte.
"Eat fresh" und "Coffee to go"
Fünf Euro: Das Reportagen-Thema hat hohen Realitäts-Bezug, denn die Summe entspricht in etwa dem Taschengeld, das mir als verheiratetem Mann nach jahrzehntelanger Ehe zugewiesen wird. Doch Spaß beiseite. Vorneweg sei gestanden: So wunderschön die Einkaufsstadt Hof auf den ersten Blick erscheint, so mühsam ist es trotz der wunderschönen Fassaden, zwischen Altstadt, Ludwigstraße und diversen Seitenadern auf Nahrungssuche zu gehen. Nicht die Erkenntnis wirft einen um, dass man in der gesamten Innenstadt praktisch keine Frischmilch mehr bekommt, sondern die betrübliche Tatsache, dass in der Stadt "in Bayern ganz oben" eine Flut gesamteuropäischer und asiatischer Imbiss-Stationen die meisten regionalen, urigen und typisch fränkischen Gaststätten fortgeschwemmt hat. Was nicht heißen soll, dass wir unsere gesamteuropäischen und asiatischen Mitbrüder nicht zu schätzen wissen als umtriebige, kreuzbrave und fleißige Geschäftsleute.
Als Ersatz für die fehlenden Milchläden stoßen wir alle zwanzig Meter auf ein "Communication Center", wie die Mobil-Telefon-Fachgeschäfte heutzutage heißen, und damit auf die Frage: Wie viele Handy-Shops pro Einwohner sind eigentlich erlaubt in einer 50 000-Einwohner-Stadt?
Vorbei an verlockenden Schildern, die in schönstem Deutsch einladen zu "Eat fresh" und "Coffee to go", vorbei an einem Straps-Set "Mathilde" für 21,95 Euro und einem deutschen Wäsche-Fachgeschäft für "Dessous Body & Beachwear" - was so viel heißen muss wie: "Unterwäsche, Körper- und Strand-Kleidung" - treffe ich auf ein kleines Lokal, das ein Apfel-Curryrahmsüppchen mit Calvados für fünf Euro anbietet. Abgesehen davon, dass wir nicht schon zu Mittag Alkohol genießen möchten, wäre uns eine Suppe lieber statt ein Süppchen. Man muss ja nicht immer nach dem Motto essen gehen: "Putziger Name, weniger in der Tasse, dafür höherer Preis."
Der "Oberhalunke Johnny"
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Ich passiere ein verfallenes Lokal namens "Alt-Berlin", das ursprünglich "Halunken-Burg" hieß und in dessen verwaistem Schaufenster ein "Johnny von Schnarchenreuth, der Oberhalunke" auf seine Durchlaucht aufmerksam macht, und stoße hundert Meter weiter auf ein kleines Museum, in dem "die beiden Speis-Girls" für uns kochen. Eine Portion Bratkartoffeln und drei Spiegeleier kämen mich hier auf 4,10 Euro. Ich rechne mir - weil Kopfrechnen, liebe Schülerinnen und Schüler, grundsätzlich nichts schadet - spaßhalber aus, dass ein Ei bei einem Bratkartoffel-Preis von 2.- Euro auf 70 Cent kommen müsste, so dass ich mir locker vier Spiegeleier mit Bratkartoffeln leisten könnte - wenn ich ein paar cholesterinsenkende Tabletten in der Brusttasche hätte.
Halb in Trance nehme ich noch wahr, dass alle Hofer Geschäftsleute Werbeschilder mit der Aufschrift "Sale" in ihren Schaufenstern hängen haben, obwohl man Saale doch mit zwei A schreibt - da nimmt mein Hunger plötzlich lebensbedrohliche Züge an. Ich schleppe mich zu einem der fünf bis sechs Hofer Wärschtlamänner, reiche ihm einen Euro und neunzig Cent und labe mich Sekunden später an zwei vollschlanken Knackwürsten, die ich mir mit einer dicken Schicht Senf habe salben lassen. Die gelbliche Gewürztunke - auf Hoferisch "Semft" gesprochen - soll aus ernährungsphysiologischer Sicht noch gesünder sein als fünf Gläser Heilwasser aus der Max-Marien-Quelle in Bad Steben. Doch das nur nebenbei.
Fang der Woche: Rauchmatjes
Wieder bei Kräften beziehungsweise reanimiert registriere ich hellwach das vielseitige und appetitliche Imbiss-Angebot, mit dem zwei Metzgereien in der Innenstadt ganze Divisionen abfüttern könnten, und stoße ein paar Meter weiter auf die Schweizer Kräuterrösti mit Käsegratin und Gemüse der Saison, die ein Bar-Café-Restaurant für 4,20 Euro anbietet, und den "Fang der Woche" bei einem Fisch-Filialisten: Rauchmatjes - quasi schon geräuchert gefangen - mit Sylter Soße und Bratkartoffeln für zusammen 4,95 Euro. Das klingt lecker, würde in meinen Etat passen, hieße aber, dass ich beim Essen verdursten würde.
Sehr edel, um nicht zu sagen: fast angsterregend edel sehen das Ambiente, die Gäste und die Speisekarte eines italienischen Nobel-Lokals aus, das sich hinter einer neoklassizistischen Fassade in Rathaus-Nähe verbirgt. Der Reigen der verlockend klingenden Gerichte reicht vom Baby-Steinbutt über den Rochenflügel bis hin zur gedünsteten Goldbrasse. Als ich die Preise sehe, wird mir klar: Das kann sich nur der Oberbürgermeister oder ein Hofer Wärschtlamo leisten, also richtig reiche Leute, und ich beschließe, ab sofort wieder Lotto zu spielen.
Als Henne bist du nichts wert
Weitaus günstiger, reichhaltiger und ebenso gesund ist das, was die Hofer Thailänder, Vietnamesen und Mekong-Deltaner anbieten in ihren Schnell-Speis-Tempeln der Innenstadt: Hühner- oder Schweinefleisch mit Nudeln oder Reis und Gemüse für 3,60 bis 4,90 Euro, und das alles grundsätzlich billiger als dieselben Gerichte mit Rind (plus 60 Cent) oder in der Luxus-Variante mit Ente (plus zwei Euro). Diese Preispolitik führt mir einmal mehr und drastisch vor Augen, dass du als Henne oder Schwein nichts wert bist.
Richtig schwach werde ich schließlich in einer Seitenstraße vor einer der letzten deutsch, was sag' ich: fränkisch geführten Speise-Gaststätten Hofs, die noch einen deutschen Namen trägt und altdeutsche Gemütlichkeit ausstrahlt. Ich gönne mir - aus Etat-Gründen quasi gezwungenermaßen - die günstigste Variante der Hausmannskost, die einem hier aus der Küche in ihrer Vielfalt entgegenduftet: ein knuspriges halbes Hähnchen mit zwei Hofer Klößen für 4,99 Euro. Weil's wurst ist, sprenge ich den verordneten Etat und genehmige mir der Zünftigkeit halber dazu ein süffiges Hofer Pils - das mit Abstand beste Bier der Welt!



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