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Ressort Hof-Stadt
Erschienen am 09.03.2010 00:00
Mahlzeit!
Nahrungssuche | Ein Frankenpost-Redakteur geht in einer heiteren Reportage der Frage nach: Kann ich mich in Hof für fünf Euro ernähren, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen?
Von Roland Rischawy
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Krönender Abschluss der Nahrungssuche in der Hofer Innenstadt: Redakteur Roland Rischawy labt sich in einem gemütlichen fränkischen Gasthaus an einem halben Brathähnchen mit zwei Hofer Klößen - flankiert von einem Hofer "Seidla", dem besten Bier der Welt. Fotos: Hermann Kauper
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Hof - Kann sich ein ausgewachsener Mensch in der Hofer Innenstadt mit fünf Euro ernähren? Bekomme ich für diesen Geldbetrag ein warmes Mittagessen, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen? So ähnlich lauteten die selbstgestellten Fragen, die ich mich im Dienste unserer Leser anschickte zu klären - mit einem leeren Magen, wie er leerer nicht sein konnte.

"Eat fresh" und "Coffee to go"

Fünf Euro: Das Reportagen-Thema hat hohen Realitäts-Bezug, denn die Summe entspricht in etwa dem Taschengeld, das mir als verheiratetem Mann nach jahrzehntelanger Ehe zugewiesen wird. Doch Spaß beiseite. Vorneweg sei gestanden: So wunderschön die Einkaufsstadt Hof auf den ersten Blick erscheint, so mühsam ist es trotz der wunderschönen Fassaden, zwischen Altstadt, Ludwigstraße und diversen Seitenadern auf Nahrungssuche zu gehen. Nicht die Erkenntnis wirft einen um, dass man in der gesamten Innenstadt praktisch keine Frischmilch mehr bekommt, sondern die betrübliche Tatsache, dass in der Stadt "in Bayern ganz oben" eine Flut gesamteuropäischer und asiatischer Imbiss-Stationen die meisten regionalen, urigen und typisch fränkischen Gaststätten fortgeschwemmt hat. Was nicht heißen soll, dass wir unsere gesamteuropäischen und asiatischen Mitbrüder nicht zu schätzen wissen als umtriebige, kreuzbrave und fleißige Geschäftsleute.

Als Ersatz für die fehlenden Milchläden stoßen wir alle zwanzig Meter auf ein "Communication Center", wie die Mobil-Telefon-Fachgeschäfte heutzutage heißen, und damit auf die Frage: Wie viele Handy-Shops pro Einwohner sind eigentlich erlaubt in einer 50 000-Einwohner-Stadt?

Vorbei an verlockenden Schildern, die in schönstem Deutsch einladen zu "Eat fresh" und "Coffee to go", vorbei an einem Straps-Set "Mathilde" für 21,95 Euro und einem deutschen Wäsche-Fachgeschäft für "Dessous Body & Beachwear" - was so viel heißen muss wie: "Unterwäsche, Körper- und Strand-Kleidung" - treffe ich auf ein kleines Lokal, das ein Apfel-Curryrahmsüppchen mit Calvados für fünf Euro anbietet. Abgesehen davon, dass wir nicht schon zu Mittag Alkohol genießen möchten, wäre uns eine Suppe lieber statt ein Süppchen. Man muss ja nicht immer nach dem Motto essen gehen: "Putziger Name, weniger in der Tasse, dafür höherer Preis."

Der "Oberhalunke Johnny"

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Zwischendurch eine Hofer Spezialität gegen den lebensbedrohlichen Hunger: ein Paar "Knackwärscht mit Semft" für 1,90 Euro vom "Wärschtlamo".
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Ein almmäßiges Lokal, das nach Jodel-Publikum und deftigem Essen aussieht, verheißt mir per Speisekarte einen Germknödel mit Vanille, Zimt und Puderzucker für 4,90 und verspricht per Schiefertafel: "Ab 12.30 Uhr Mittagstisch bis 14 Uhr." Als ich um 12.45 Uhr die Klinke der verschlossenen Eingangstür drücke, kombiniere ich: Der Kreide-Schriftzug auf der Tafel ist irreführende Werbung.

Ich passiere ein verfallenes Lokal namens "Alt-Berlin", das ursprünglich "Halunken-Burg" hieß und in dessen verwaistem Schaufenster ein "Johnny von Schnarchenreuth, der Oberhalunke" auf seine Durchlaucht aufmerksam macht, und stoße hundert Meter weiter auf ein kleines Museum, in dem "die beiden Speis-Girls" für uns kochen. Eine Portion Bratkartoffeln und drei Spiegeleier kämen mich hier auf 4,10 Euro. Ich rechne mir - weil Kopfrechnen, liebe Schülerinnen und Schüler, grundsätzlich nichts schadet - spaßhalber aus, dass ein Ei bei einem Bratkartoffel-Preis von 2.- Euro auf 70 Cent kommen müsste, so dass ich mir locker vier Spiegeleier mit Bratkartoffeln leisten könnte - wenn ich ein paar cholesterinsenkende Tabletten in der Brusttasche hätte.

Halb in Trance nehme ich noch wahr, dass alle Hofer Geschäftsleute Werbeschilder mit der Aufschrift "Sale" in ihren Schaufenstern hängen haben, obwohl man Saale doch mit zwei A schreibt - da nimmt mein Hunger plötzlich lebensbedrohliche Züge an. Ich schleppe mich zu einem der fünf bis sechs Hofer Wärschtlamänner, reiche ihm einen Euro und neunzig Cent und labe mich Sekunden später an zwei vollschlanken Knackwürsten, die ich mir mit einer dicken Schicht Senf habe salben lassen. Die gelbliche Gewürztunke - auf Hoferisch "Semft" gesprochen - soll aus ernährungsphysiologischer Sicht noch gesünder sein als fünf Gläser Heilwasser aus der Max-Marien-Quelle in Bad Steben. Doch das nur nebenbei.

Fang der Woche: Rauchmatjes

Wieder bei Kräften beziehungsweise reanimiert registriere ich hellwach das vielseitige und appetitliche Imbiss-Angebot, mit dem zwei Metzgereien in der Innenstadt ganze Divisionen abfüttern könnten, und stoße ein paar Meter weiter auf die Schweizer Kräuterrösti mit Käsegratin und Gemüse der Saison, die ein Bar-Café-Restaurant für 4,20 Euro anbietet, und den "Fang der Woche" bei einem Fisch-Filialisten: Rauchmatjes - quasi schon geräuchert gefangen - mit Sylter Soße und Bratkartoffeln für zusammen 4,95 Euro. Das klingt lecker, würde in meinen Etat passen, hieße aber, dass ich beim Essen verdursten würde.

Sehr edel, um nicht zu sagen: fast angsterregend edel sehen das Ambiente, die Gäste und die Speisekarte eines italienischen Nobel-Lokals aus, das sich hinter einer neoklassizistischen Fassade in Rathaus-Nähe verbirgt. Der Reigen der verlockend klingenden Gerichte reicht vom Baby-Steinbutt über den Rochenflügel bis hin zur gedünsteten Goldbrasse. Als ich die Preise sehe, wird mir klar: Das kann sich nur der Oberbürgermeister oder ein Hofer Wärschtlamo leisten, also richtig reiche Leute, und ich beschließe, ab sofort wieder Lotto zu spielen.

Als Henne bist du nichts wert

Weitaus günstiger, reichhaltiger und ebenso gesund ist das, was die Hofer Thailänder, Vietnamesen und Mekong-Deltaner anbieten in ihren Schnell-Speis-Tempeln der Innenstadt: Hühner- oder Schweinefleisch mit Nudeln oder Reis und Gemüse für 3,60 bis 4,90 Euro, und das alles grundsätzlich billiger als dieselben Gerichte mit Rind (plus 60 Cent) oder in der Luxus-Variante mit Ente (plus zwei Euro). Diese Preispolitik führt mir einmal mehr und drastisch vor Augen, dass du als Henne oder Schwein nichts wert bist.

Richtig schwach werde ich schließlich in einer Seitenstraße vor einer der letzten deutsch, was sag' ich: fränkisch geführten Speise-Gaststätten Hofs, die noch einen deutschen Namen trägt und altdeutsche Gemütlichkeit ausstrahlt. Ich gönne mir - aus Etat-Gründen quasi gezwungenermaßen - die günstigste Variante der Hausmannskost, die einem hier aus der Küche in ihrer Vielfalt entgegenduftet: ein knuspriges halbes Hähnchen mit zwei Hofer Klößen für 4,99 Euro. Weil's wurst ist, sprenge ich den verordneten Etat und genehmige mir der Zünftigkeit halber dazu ein süffiges Hofer Pils - das mit Abstand beste Bier der Welt!

 
 
 

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Kommentare zum Artikel

  • von wastl am 09.03.2010 02:34
    *rotfl*
    Klasse Artikel... Davon bitte mehr...

  • von inextremo am 09.03.2010 06:07
    recht
    wo er recht hat, hat er recht

    schöner artikel :D

  • von schnaatz am 09.03.2010 06:31
    Haha ... sehr schön!
    ich hoffe mal das ist die Geburt einer ganzen Serie ....

  • von Noholy am 09.03.2010 07:12
    Wenn
    es etwas wärmer wäre könnte man auch was RICHTIG interessantes machen…z.b. Weidenkätzchen beim wachsen zusehen, oder so…

    mfg


    NoHoly

  • von tacheles am 09.03.2010 08:39
    Wartet bis morgen!
    Da kommt der ultimative Hofer Toilettenhäuschen Test der Frankenpost.

  • von freierbuerger am 09.03.2010 09:16
    Entlarvend
    Die Antwort auf die Frage im Artikel, warum es eigentlich in der Hofer Innenstadt kaum noch bürgerlich-fränkische Gasthäuser gibt, ergibt sich doch aus dem Artikel selbst.

    Man kann sich doch ausrechnen, welcher Gewinn bei einem halben Hähnchen mit 2 Klößen für 4,99 Euro dem Wirt noch übrig bleibt: Einkauf halbes Hähnchen und Zutaten um die 2 Euro und 19% Mwst. entsprechen knapp 1 Euro. Verbleiben 2 Euro für Zubereitung, Service und Abwasch. Pacht und Energiekosten mal gar nicht eingerechnet.

    Mir drängt sich hier immer mehr die Ansicht auf, dass an den 1-Euro-Läden und Billigheimerbuden der Verbraucher selbst schuld ist.

  • von miss_uhura am 09.03.2010 15:35
    der artikel war super...!!!
    dass hof leider zur 1-euro-zone wird, wie freierbuerger es erwähnt, ist ja wohl klar, dass daran der bürger selbst schuld ist auch klar.

    das is überall so.
    beispel: ob ich mir jetzt im supermarkt eine gans aus ungarn für ein paar euro kaufe oder beim bauern für viel geld. da werden wohl die meisten auf die ungarische zurückgreifen, leider, denn die werden echt gequält. aber leider ist die vom bauern auch zu teuer. sollte es einem aber wert sein.
    denn kein mensch braucht so ein fleischsortiment jeden tag.

    und keine sau braucht jeden tag das sortiment des 1-euro-shops...zurück zur qualität sag ich.

  • von Bergziege am 09.03.2010 11:32
    Feiner Beitrag,
    so garnicht typisch FraPo.Bitte weiter so!Erinnert mich irgendwie an E.E.Kisch.Wobei so eine Reportage über Hof viel schwerer zu verfassen ist.
    Dankbare
    Bergziege

  • von schildkroete10 am 09.03.2010 13:04
    Super Artikel
    Echt gut gemacht, ich hoffe, wir lesen bald mehr davon... Weiter so...

  • von almoehi am 09.03.2010 18:20
    Augen Auf
    Bei den sogenannten Jodlern sind die Öffnungszeiten deutlich an der verschlossenen Eingangstür angebracht.
    Auch besagte Schiefertafel stand nicht zu Werbezwecken vor dem Lokal, sondern in einer Ecke im Eingangsbereich.
    Wer lesen kann ist klar im Vorteil !
    Gruß E

  • von buerotigerle am 09.03.2010 20:15
    Milch einkaufen...
    kann man sehr wohl noch in der Stadt, da bekommt man in der kleinen Filliale eines Discounters oberhalb vom Rathaus auch sogar noch Lebensmittel....nur mal so erwähnt....

  • von docschoe am 10.03.2010 10:14
    Herr Rischawy - Sie sind mein Held!!
    Super Artikel!!!!!

    @ buerotigerle: inhaltlich richtig, aber einladend ist der Laden nicht..

  • von unbekannt am 10.03.2010 11:17
    Schlag gegen Hofer Geschäftsleute
    Wenn man die Hofer Frankenpost verwendet um die eigene Stadt schlecht zu reden muss man sich nicht wundern wenn immer mehr Leute in Bayreuth und Plauen zum shoppen fahren. Somit sind dann auch Projekte wie das Glasdach über der Stadt überflüssig!!! Dieser Artikel schadet allen Hofer Geschäftsleuten! Wer beim Essen nur an den Preis denkt sollte wohl eher zum Schnellimbiss gehen, es gibt noch Menschen die Qualität schätzen!

  • von Bergziege am 10.03.2010 12:38
    Wo ist das Problem?
    Herr Rischawy ist mit einer klaren Vorgabe in die Stadt gegangen,hat uns einen sehr unterhaltsamen Bericht geliefert und uns an seinen Gedanken teilhaben lassen.Stellen wir ihm doch einfach eine neue Aufgabe; z.B. einen bestimmten Artikel kaufen.
    Ich fands jedenfalls sehr gut.

  • von lostoico am 10.03.2010 13:31
    ...also mal ganz ehrlich..
    ....wenn das ein Schlag gegen die Hofer Geschäftsleute sein soll, dann weiß ich nicht was viele Artikel der letzten Jahre in unserer heißgeliebten FP gewesen sind.
    Ganz egal zu welchem Thema.
    Vom unfähigen Stadtrat der sich mal großzügig 2 gebührenfreie Parkplatztage abringt, über Schlaglochpisten an jeder Zufahrt bis hin zu den ausführlichen Berichten über die Anzahl der 1-€-Läden.
    Die Einheimischen wissen wen R.R. in seinem Artikel meint, kennen die Situation und leben damit.
    Die Auswärtigen schmunzeln und werden ihren Shopping-Besuch nicht vom Vorhandensein einer Hausmannskost-Gaststätte abhängig machen.

 

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