Hof - Acht Stunden Zeit bleibt als Vorbereitung auf einen Gottesdienst, eine Stunde wird für die Feier selbst berechnet. 80 Minuten sind für einen regulären Seelsorge-Besuch eingeplant. Einer Stunde Religions- oder Konfirmationsunterricht wird je eine weitere zur Vor- und Nachbereitung beigestellt. Neun Stunden pro Woche bleibt Zeit für anfallende Leitungsaufgaben. Und, ganz wichtig: 20 Prozent der Arbeitszeit sind für Unvorhergesehenes reserviert. "Eine Pfarrstelle berechnen wir mit 54 Arbeitsstunden pro Woche", sagt Dekan Günter Saalfrank. "40 davon stehen auf dem Lohnzettel, der Rest besteht aus einem erwarteten Maß an ehrenamtlicher Tätigkeit." Eigentlich ist der Dekan kein Freund von Termin-Korsetten. Doch das System, das er seinen Pfarrern nahegebracht hat, komme der Realität sehr nahe. "Es ist keine zwingende Vorschrift", sagt er, "es ist ein Anhaltspunkt für die Kollegen." Eine gute Zeiteinteilung wird immer wichtiger für die Geistlichen im Land: Bis Ende 2012 werden zehn Prozent der Stellen wegfallen - und das ohne einen Rückzug der Kirche aus der Fläche.
Die Entwicklung ist nicht neu, die Reaktionen der Landessynode sind nicht überraschend: Schon im vergangenen Jahr hat das evangelische Dekanat Hof Grundzüge eines Stellenplans entworfen, der der Bevölkerungsentwicklung Rechnung trägt.
Und die geht weiter wie bisher: Die Stadt Hof ist von 50 112 Einwohnern im Jahr 2002 auf 46 521 im Jahr 2008 geschrumpft - von 2002 bis 2009 nahm die Zahl der Gemeindeglieder im Dekanat von 56 281 auf 49 402 ab. In der gleichen Größenordnung bewegen sich nun auch die Kürzungen der Stellen von Pfarrern, Kirchenmusikern und Co., erklärt der Dekan: "Mit Blick auf die gesamten Stellen fallen 10,56 Prozent weg."
Dekanatsausschuss tagt
Und: Das Schrumpfen wird relativ zeitnah vonstatten gehen. Bis Ende des Jahres muss der Dekanatsausschuss (nach Rücksprachen mit den einzelnen Gemeinden) einen Plan zur Umsetzung vorlegen. Bis Ende 2012 hat er dann Zeit, die Marke zu erreichen. So dramatisch die Veränderungen klingen, so wenig schmerzlich sollen sie ausfallen, sagt der Dekan. Zwar habe die Landessynode kürzlich auf die Umsetzung des Stellenplanes auch ohne zeitlichen Puffer gepocht. "Doch die Frage, wie wir das machen, ist nicht am Tisch in München behandelt worden - es liegt in unseren eigenen Händen."
Bei allem, was nun kommt, lägen ihm drei Dinge am Herzen: In den Pfarrhäusern auf dem Land soll möglichst lange Licht brennen, die Kirche möchte sich nicht aus der Fläche zurückziehen und sie will verlässlicher Partner bei all ihren Kooperationen bleiben. Erreicht werden soll die Schrumpfung nicht durch Entlassungen, sondern durch sinnvolles Umschichten und Zusammenlegen - und durch einen Ausgleich mit Gemeinden in anderen Teilen Bayerns, die im Wachstum begriffen sind.
"In den Gemeinden der Region laufen viele Aktionen parallel, die man auch bündeln könnte", weiß Saalfrank. Passionsandachten und Himmelfahrtsgottesdienste beispielsweise ließen sich von benachbarten Gemeinden auch gemeinsam feiern. "Das Profil und die Identität der Gemeinden sollen erhalten bleiben, und trotzdem kann man sich in der Mitte treffen", sagt der Dekan. Einige Gemeinden machen das bereits vor: Moschendorf und Kautendorf leben eine Kooperation, ebenso wie die Gemeinden Kreuzkirche und Köditz. "Und die Veränderung kommt an bei den Menschen", ist sich Saalfrank sicher: "Sie sehen sie nicht als Verlust, sondern sie erleben das Neue als Bereicherung."
Nichtsdestotrotz: Die Gemeinden brauchen eine Leitung, das habe sich auch bei den zwei Hofer Modell-Pärchen gezeigt. Nach genauen Schlüsseln habe man nun errechnet, wie viele Posten den Gemeinden zustehen für Kirchen, Kindergärten, Altenheime und so weiter - bis auf zwei Stellen hinter dem Komma sind die Geistlichen "berechnet". Die verstärkte Zusammenarbeit der Kirchengemeinden beinhaltet somit auch den überörtlichen Einsatz ihrer Oberhäupter.
Dem allem gegenüber stehen zwei ganz andere Entwicklungen: Zum einen kommen 2019/20 große Pensionsjahrgänge aufs Dekanat zu, mit drei Mal so vielen Aussscheidern wie üblich. Zum anderen muss sich die Region auch um die Besetzung ihrer Pfarrstellen bemühen - Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner sprach kürzlich sogar von einem "Pfarrermangel". Letzteres relativiert Saalfrank: "In den vergangenen Jahren haben wir zwei Drittel aller vakanten Stellen auf normalem Weg besetzt, auch mit jungen Pfarrern. Das ist eine Rekordbesetzung - anderswo in Bayern melden sich mitunter nur auf zwei von zehn Ausschreibungen Interessenten."
Zurück nach Oberfranken
Seine Beobachtung: Geistliche, die aus Oberfranken kommen, wollten häufig auch wieder hierher zurück. Und wenn der Partner dann hier noch einen Beruf findet, steht dem Umzug in ein hochfränkisches Pfarrhaus meist nichts mehr im Weg. "Der Beruf des Pfarrers ist noch immer ein sicherer", betont der Dekan.
Die anstehenden Veränderungen empfinde er nicht als negativ: "Die Kirche musste sich immer verändern, das ist ihr ureigenstes Prinzip." Wer darauf poche, dass alles so bleibt, wie es ist, laufe Gefahr, es umso schneller kaputt zu machen. "Wir werden uns einstellen auf neue Situationen, werden unser Äußeres modifizieren - und dabei nie unser Grundanliegen aus dem Blick verlieren: die frohe Botschaft."



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