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Erschienen am 22.06.2009 00:00
Gottes Natur ist wie eine Kathedrale
Hofer Symphoniker | Georg Stanek inszeniert mit Virtuosität ein kolossales Orgelwerk. In Bruckners "Romantischer" verherrlicht Dirigent Johannes Wildner die Schöpfung.
Von Michael Thumser

Hof - "Herr Gott, erscheine ...!" Dunkel aufsteigend, beschwören die ersten Orgeltöne den Schöpfer, während die Zuhörer in der St. Michaeliskirche noch plaudern: So bringt große Musik den Smalltalk zum Schweigen. Der Gott, den der Hofer Kantor Georg Stanek - beim zehnten Abnonnementkonzert der Symphoniker am vergangenen Freitag - herbeimeditiert, verhält sich eine Weile still; um sich dann als Herr der "Rache" zu bezeugen, als "Richter der Welt", der "den Hoffärtigen vergilt, was sie verdienen".

Erquickende Herzstärkung

Kein "lieber Gott"? Doch, so einer auch. "Ich hatte viel Bekümmernis, aber deine Tröstungen ergötzen meine Seele", heißt es zuversichtlich im 94. Psalm des Alten Testaments, den der 1858 jugendlich verstorbene Julius Reubke zum Inhalt und Titel einer umfänglichen Orgelsonate wählte. Die Herzstärkung, womit der Himmel den biblischen Beter erquickt, lässt der Organist in ätherischen Momenten ahnen, in mystischen, wenn auch nicht eigentlich verklärten Klängen. Helles Melos legt er über grau vernebelte Begleitfiguren; bald aber machen sich, im Bass, Mühsal und Heimsuchung neuerlich schmerzhaft geltend. Szenenreich modellieren Georg Staneks virtuose Hände und Füße eine orchestrale Szenenfolge voll feiner Registerwechsel, vielfach abgestuft und wieder sich auftürmend. Im Schlussteil feiert er einen majestätisch in sich ruhenden und zugleich machtvoll eifernden Gott: Aus einem komplexen Fugenthema sammelt sich, durchaus gewaltsam, das Hohelied der "Tröstung" und einer höheren Gerechtigkeit.

Große Kirchen, wie die in Hof, noch besser Dome dienen der Orgel als Resonanzraum und Musik-Theater. Wie Kathedralen haben Bildkünstler der Romantik den Wald gemalt. Als gewaltige Klangarchitekturen fügte Anton Bruckner seine Symphonien zusammen, die sich auch dort als Artefakte einer gläubigen Feierlichkeit bekennen, wo sie die Natur anrufen, wie seine Vierte, die "Romantische", es tut. In St. Michaelis dirigiert sie Johannes Wildner, auswendig, doch mit ernsthafter Beschlagenheit in die Partitur des österreichischen Landsmanns vertieft. In all ihre Wunder und Winkel nimmt er die Musiker mit, die es an Sorgfalt und Verständigkeit nicht fehlen lassen.

Strahlende Urwüchsigkeit

Beschwörung, auch hier: Sacht erwacht die Welt überm Streichertremolo der ersten Takte mit dem berühmten (leider nicht lupenreinen) Hornsolo. Wald und Feld und Jagd, Aufgehen im Kreatürlichen: Die Idee von Landschaft als Klanglandschaft deutet Bruckner hier aus, und der Dirigent zelebriert die Prophetie dieser Musik mit einem hohen Stil, der das Gegenteil zum hochtrabenden Stil abgibt. Wildner dämonisiert die Natur nicht, aber er dramatisiert sie. Überlegen abwägend und zuordnend (wenngleich mit einer wenig inspirierenden Körpersprache) organisiert er die Orchester- so wie Orgelregister und bewirkt einen dicht gebundenen, voluminösen Klang, der durch die hallige Akustik im Gotteshaus vollends Gewichtslosigkeit oder strahlende Urwüchsigkeit erhält. Dabei erweist sich, dass etwa die schimmernden Töne der Flöten so unverzichtbar zum "Bruckner-Sound" gehören wie das Blech.

Einen Trauermarsch lässt Wildner im Andante vorüberschreiten, aber kein Klagegeleit zu einem Grab - sondern einen Weg nach innen geht die dynamisch breit ausgearbeitete Musik, darin die Ausdruckskraft der Bratschen mit der Sanftheit der Hornisten konkurriert. Explosiv bäumt sich hingegen das Scherzo auf - und fällt im Trio gutherzig in einen Ländler zurück: eine verschämte Aufforderung zum Tanz. Im Finale ziehen die Musiker aus all dem nervös ausgesponnenen und aggressiv geballten Material die Summe, alles in Frage stellend und zu einem vielteiligen Neuen ordnend: von Grund auf ein Schöpfungsakt. Bruckner hat - wie ausdrücklich seine neunte und letzte - im Grunde all seine Symphonien "dem lieben Gott" gewidmet.

 
 

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