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Hof - Luther kommt und geht nicht einfach. Luther schreitet. Wo er erscheint, teilt sich vor ihm das Volk wie einst das Meer vor Moses. Ein Wegbereiter ist auch der Mönch, fast ein Messias: angetreten, der römischen Kirche Bigotterie und Geldgier auszutreiben und die Notleidenden vom Aberglauben zu erlösen. Luther - ein ganzer Kerl. Denn "Gott duldet keine halben Sachen".
Auf dem Theater wurde Luther gut 150 Mal heimisch; "Die Weihe der Kraft" hieß 1806 ein lange populäres Stück um ihn, das wie sein Verfasser, Zacharias Werner, der Vergessenheit verfiel. Nun gibt es Luther im Theater Hof: Am Freitag nahm das Publikum die Uraufführung mit langem Beifall auf. Indes wirft die Produktion, für die Hausherr Uwe Drechsel selbst auf dem Regiestuhl Platz nahm, Probleme beim Betrachter auf. Denn einen Etikettenschwindel hat er zu verkraften.
Etikettenschwindel
Ausdrücklich als "neoromantische Oper" untertitelten Roland Baumgartner und Rolf Rettberg, der Komponist und der Librettist, ihr Werk. Indes ist's nicht das eine noch das andere: nicht neoromantisch; und schon gar keine Oper. Hier zeigt sich: Gattungs-Unterschiede lassen sich nicht gar so leichthin ignorieren, wie es der sympathische Tonsetzer will. Hier fallen sie auf und ins Gewicht. Ganz anders nähme man dies Stück Musiktheater wahr, begegnete man ihm von vornherein als einem Musical. Denn das ist es: keine durchkomponierte Großform mit komplexem Spannungsgefüge, sondern ein Stationendrama, das in Sprechdialogen und Gesangspassagen, in Strophenliedern auf recht anspruchslose Melodien, Luthers Lebensepisoden abarbeitet. Reichlich aus dem popmusikalischen Unterhaltungstheater zitiert die Tonsprache, für die im Graben Arn Goerke am Pult der Hofer Symphoniker mit Süßlichkeit und viel Tumult, namentlich mit dem Druck des schweren Blechs und Schlagwerks, dramatischen Ausdruck findet.
Auf der Bühne: teutsche Geschichts-Gala wie aus einem Schulbuch des 19. Jahrhunderts. Hier ist sie wieder, unverfälscht: die Weihe der Kraft - der große Einzelne, die Welt bewegend. Thomas Rettensteiner gibt mit starkem, nüchternem, unnachgiebigem Bassbariton die Titelfigur als Titelhelden: sieghaft, wiewohl stets bereit, das eigene Leben für die gute Sache hinzugeben. Als starres Monument, kaum wie ein Mensch gebrochen, tritt Rettensteiner an: kaum Mönch, vor allem Mann der Tat. Jeder seiner Sinnspruch-Sätze steht wie in Stein gemeißelt da, in allen Streitgesprächen hat er das letzte Wort und immer Recht. Durch die Scharen der Erniedrigten und Beleidigten, durch golden aufgeputzten Klerus lässt der Regisseur ihn unantastbar schreiten, als ob er auf dem Wasser wandelte: dem Platz in der Geschichte entgegen, der ihm gebührt.
Sakralkitsch und Gepränge
Die Masse, die sich vor ihm teilt, spielt beinah immer mit. Der Chor, sehr groß und von Michel Roberge gut einstudiert, versammelt sich in unablässig wechselnden historischen Gewändern (Barbara Schwarzenberger) zu verschwenderischen Breitbild-Panoramen und aufwendigen Tableaus. Durch roten Rand gibt Roland Rischers Bühne den Rahmen ab für einen bunten, am Ende, mit Kreuz und Sensenmann, kolossalen Bilderbogen. Die vielen Schauplätze scheidet er durch stilisierte Zeichen und Kulissen-Rudimente rasch voneinander. Plakativ steht katholischer Sakralkitsch neben dem hohlen Gepränge des Papsthofs (mit Karsten Jesgarz als ausschweifendem Pontifex und Peter Dittmann, geifernd, als Ablassprediger Tetzel) oder dem Wormser Reichstag (wo Christian Seidel als Karl V. wie ein dürrer Greis regiert, obwohl der stramme Kaiser seinerzeit kaum zwanzig Lenze zählte). Geld regiert die Welt, auch den Himmel auf Erden: Am Mammon vorbei geleitet die heilige Anna - Yelda Kodalli mit vorsichtigem, aber inständigem Sopran - den Reformator; in den katholischen Himmel allerdings bugsiert sie ihn nicht zurück.
Mutet das nicht an wie ein Gegenstück zu Passionsspielen à la Oberammergau? Gefährlich nah bewegt sich derlei Heiligen- und Heilandslegende am Sog unfreiwilliger Komik, vor dem auch Uwe Drechsel seine Inszenierung nicht in Sicherheit brachte. Dann wieder münden Stilblüten und Genierlichkeiten in Ironie und Gags, dem Musical mit Absicht aufgepfropft, um die Opern-Strenge zu entkrampfen: So macht Thilo Andersson als toller Teufel im Bänker-Outfit dem Reformator Avancen; und Nonnen, allzu lange eingeschüchtert, durchbrechen ihre Klosterhaft durch farbenfroh umflimmerten Showtanz - mit Luthers künftiger Hausfrau Katharina (Ingrid Katzengruber) in der Mitte. Da lässt der "Sister Act" des Kinos munter grüßen, die Mädels, ausgeflippt, wackeln mit den Hüften, zeigen sogar Bein. Warum auch nicht? Das tun - gut protestantisch - die Kanzel-Engel in Hofs Hospitalkirche auch.
Nächste Aufführung am Freitag um 20 Uhr.


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