Hof - Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist daran gewöhnt, von verschiedensten Medien akustisch und visuell unterhalten zu werden. Er ist unterschiedlichsten Eindrücken ausgeliefert, verlangt nach immer neuen, extremeren Unterhaltungs-Erlebnissen - es erscheint schwierig bis unmöglich, diesem Bedürfnis nachzukommen. Am Karfreitag konnte man erleben, dass es gar nicht immer neuer Errungenschaften bedarf, um Menschen zu faszinieren, mitzureißen: Unter der Gesamtleitung von Stadt- und Dekanatskantor Georg Stanek brachte die Michaeliskantorei zusammen mit Mitgliedern der Hofer Symphoniker, fünf Solisten und Orgel-Continuo in der Hofer St. Michaeliskirche die Johannespassion von Johann Sebastian Bach zu einer in Stille umjubelten Aufführung.
Auch 286 Jahre nach der Uraufführung vermag die Johannespassion knapp zwei Stunden lang die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft zu fesseln. Gewaltig, unheilverkündend lässt Stanek den Chor mit dem dreimaligen "Herr"-Ruf einsetzen - dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Obwohl "nur" konzertant, wie die Komposition nun einmal angelegt ist, führen Chor, Instrumentalisten und Solisten plastischer als manche Theater- oder Leinwandinszenierung die Leiden Jesu Christi vor.
Bild- und Ausdruckskraft
Die Rahmenhandlung lässt Bach vom Evangelisten erzählen. In Hof übernimmt diese Aufgabe Udo Scheuerpflug. Sein hoher Tenor besticht vor allem durch geschmeidige Wandelbarkeit und dabei beeindruckenden Schönklang. Wie ein Moderator mischt er sich immer wieder ein, fasst zusammen, leitet über vom Verrat des Herrn über die Verleumdung durch Petrus, das Gericht vor Pilatus bis hin zur Kreuzigung. Schnell muss er sein und wendig, um Bachs freie Prosa in musikalischem Sprechgesang auszuführen, doch gelingen ihm auch die Arien mit unerschöpflicher Bild- und Ausdruckskraft, wie zum Beispiel die besonders lyrische Passage, in der Petrus seine Verleumdung bitterlich beweint.
Der Figur des Jesus leiht Thomas Wittig seine Stimme. Obwohl sein Bass von großer Weichheit geprägt ist, gelingt es ihm, Jesus als unnahbar göttliche Gestalt, frei von menschlichen Gefühlen darzustellen. Stärke und Kraft kennzeichnen den Bass von Werner Kraus - doch verleiht er sowohl Petrus als auch Pilatus überaus menschliche Züge. Besonders bei letzterem schwingt die Verzweiflung eines Richters mit, der nicht weiß, ob er das Richtige tut. Den Tod Jesu am Kreuz kommentiert er in einer Arie voll geballten Leids und hoher Ausdruckskraft.
Optimistische Akzente
In allen Arien setzen sich die Solisten meditativ und betrachtend mit dem Geschehen auseinander, gefühlvoll vom Orgel-Continuo Hermann Bohrers und ebenso von Flöten, Cello und Viola da Gamba begleitet. Wehklagend präsentiert sich Altistin Brigitte Schweizer, und vor allem Daniela Haase vermag mit ihrem hellen, klaren Sopran zu begeistern, indem sie bei allem Leid wohltuend optimistische Akzente setzt.
Ständig präsent ist der exzellent vorbereitete Chor. Auch er kommentiert das Geschehen in elf eingestreuten Choralsätzen, doch vor allem als Turba-Chor treibt er das Schicksal des Herrn voran. In wildem, vielstimmigem, lang anhaltendem Geschrei, erfüllt von Wut und Hass fordert der Chor, den Stanek zur fanatisierten, tobenden Menge werden lässt: "Kreuzige, kreuzige!" In Fugen und wilden Imitationen verhöhnen sie Jesus, unterstützt vom ebenso exakt agierenden wie emotional aufgewühlten Orchester. Noch einmal lässt Georg Stanek die Musiker aufseufzen, den Chor im Trauergesang pragmatischen Optimismus versprühen, bevor das extrem mitreißende Passions-Erlebnis mit einem versöhnlichen Choral die Hoffnung auf die österliche Auferstehung nährt.


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