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Nürnberg - Fühlt sich so die Hölle an? Scheinwerfer schleudern Blitze. Der Bass imitiert Donnergrollen. Hyperschnell flitzen Finger übers Gitarrenbrett, fiese hochfrequente Töne erzeugend. Schlagzeug-Stakkato zerhackt den Sound. Und dann setzt diese Stimme ein. Nicht menschlich. An das heisere Bellen eines wütenden Tieres erinnernd. Das totale Inferno. Schauder hervorrufend. Und alle Hörgewohnheiten infrage stellend. Solcherart hieß am vergangenen Wochenende die Band Converge in der Halle des Z-Bau in Nürnberg ihr Publikum willkommen. Die Rockgruppe aus Boston stand an der Spitze eines Tour-Paketes, das - auf technisch höchstem Niveau - herkömmlichen Musikkonsum ad absurdum führt. Das Converge-Set strahlte eine geradezu schmerzhafte Intensität aus und war somit auch körperlich kaum auszuhalten - bot zugleich aber eine äußerst interessante Erfahrung.
Dekonstruktion als Prinzip
Converge gelten als Pioniere und Aushängeschild einer wachsenden weltweiten Szene, die rigoros mit bisherigen Gepflogenheiten bricht. Genregrenzen wie sie harte Musikstile der Marken Heavy Metal, Noise oder Hardcore aufstellten, waren gestern. Verwertet wird, was gefällt - einzige Bedingung: Es muss kompromisslos sein, radikal und brachial. Dekonstruktion als Prinzip. Converge-Texte personifizieren die Furcht: vor dem Unerwarteten, vor dem Betrogenwerden, vor der großen Depression. Sie sind so emotional, düster und energetisch wie die Musik selbst. Das Wort "Converge" bedeutet Zusammenfluss. Interpretiert ausgedrückt: ein Gesamtkunstwerk aus Musik und Lyrics, aus Artwork und Bühnenshow. Ihre Songs - die aus der Vernichtung des Herkömmlichen auferstehenden Werke -, klingen völlig neu. Dagegen wirken Led Zeppelin, Motörhead, Blue Öyster Cult oder Black Sabbath, die Thronbesetzer aus der Frühzeit harter Musik, wie Kindergeburtstag.
Jacob Bannon, der Sänger von Converge - er besitzt einen Bachelor in Fine Arts, betreibt ein Plattenlabel und ist Maler -, versteht sein Tun zweifelsohne als Kunst. Er komponiert und textet. Er entwirft Cover für CDs, malt surreale, bedrohliche Bilder. Die Medien prägten dafür den Begriff "Low-Art". Das scheint einem wie Bannon herzlich egal. "Genres oder Kategorien haben noch nie etwas Positives gebracht", meint der Converge-Leader im Interview mit dem Musikmagazin Ox. "Weil meine Arbeit sich mit Musik, visueller Kunst und Schreiben beschäftigt, könnte man das wohl am besten ,Life Art' nennen."
Kunst zum (Auf-)Reiben
Lärm, Krach, Geräusch als Kunst? Sehr wohl - allerdings eine, an der man sich (auf)reibt. Eine Kunst, die sich heftig wehrt, in den Kulturkanon aufgenommen, vom Mainstream aufgesaugt zu werden. Eine durchaus widersprüchliche und komplexe Kunst, die - von der Musik abgesehen - allein schon einen eigenständigen Beitrag zu Schrift und Grafik geleistet hat: Hardcore- und Metal-T-Shirts sind Kunstwerke in sich. Doch ist dies auch eine Kunst, der im Umkehrschluss Bildungsbürgertum und Kunsthistoriker skeptisch gegenüberstehen. Das hat Tradition: Selbst Free Jazz wird wegen seiner radikalen Aussage und trotz unbestreitbarer höchster kompositorischer, improvisatorischer und handwerklicher Fähigkeiten vom Kultur-Establishment bis heute kritisch beargwöhnt. Manchmal möchten zwei Seiten einfach nicht zueinander finden ...
Converge-Shouter Bannon, eine in jeder Beziehung konsequente Persönlichkeit, polarisiert natürlich. Seine Haut ist stark tätowiert. Er gibt sich auf der Bühne extrovertiert und hemmungslos, dürfte im richtigen Leben wohl aber eher introvertiert sein. Er engagiert sich mit seiner künstlerischen Arbeit fast ausschließlich innerhalb seiner Szene. Ein Prototyp in Sachen Gegenkultur. Und doch halten selbst Persönlichkeiten wie er den Lauf der Dinge nicht auf. Denn die Essenz extremer Musik ist bereits in der Gesellschaft angekommen - ein Merkmal, das Kunst letztlich immer auszeichnet. Heavy-Metal-Shirts gibt's mittlerweile auch bei Karstadt. Konzerte von AC/DC, Iron Maiden und Metallica mutieren längst zu gesamtgesellschaftlichen Ereignissen. Bannon sieht's gelassen, zieht sein eigenes Ding durch: "Ich kann die Musik erschaffen, die mir etwas bedeutet. Ich habe durch mein Label und als Coverkünstler die Möglichkeit mit vielen großartigen Bands zu arbeiten und kann auf Tour immer wieder interessante Leute kennenlernen. Was will man mehr?"
Essenz extremer Musik
Auf das seit Jahren bestehende Projekt Converge beruft sich bereits eine neue Generation Musiker, die Deathcore spielt, einen Sound zwischen Death Metal und Hardcore. Deathcore-Bands wie "Bring me the Horizon" aus England füllen mit ihrer Musik mittlerweile große Hallen. Sie wären jedoch ohne die Vorarbeit solcher in der Kunst verwachsenen Acts wie Converge undenkbar.


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