Helmbrechts - Ein Auftritt beim "Poetry Slam" ist nicht jedermanns Sache: Es geht darum, eigene Texte auf der Bühne zu deklamieren, die von den Zuhörern bewertet werden. Immerhin fünf Kandidaten traten in Helmbrechts an, als erstmals im Stoffwerk so eine Veranstaltung über die Bühne ging.
So ein Event soll kein ernsthafter Kampf sein; in Helmbrechts verstanden sich die Teilnehmer, die sich schon von anderen Wettbewerben her kannten, prächtig. Alle fünf hatten schon Erfahrung in diesem Metier. Einheimische trauten sich (noch) nicht an den Start. Eine Ausnahme bildete Pascal Bächer, aber da er als Moderator fungierte, liefen seine Beiträge außer Konkurrenz.
Das Publikum war also gespannt, was da ablaufen sollte und selbst Pascal Bächer gestand, dass er bis vor Beginn der Performance nur wenig über den Ablauf eines poetry slams wusste.
Per Los ermittelte Danielle Hedler, in welcher Reihenfolge die Teilnehmer auf die Bühne durften. Den Auftakt machte Felix Kaden, der unter dem Künstlernamen "Turnkey Facility" auftritt. Er wohnt zwar in Franken, stammt aber unüberhörbar aus Sachsen. Und diese Herkunft thematisierte er auch und bat um den Mitleidsbonus, den ein Ossi verdient hat.
Fränkischer Meister
Felix hatte nicht nur die Bürde zu tragen, als erster aufs Podium zu müssen, für ihn kam erschwerend hinzu, dass unmittelbar hinter seinem Auftritt mit Michael Jakob der amtierende fränkische Meister zu Wort kam. Der brachte eine nicht ganz ernst gemeinte Hasstirade auf Tofu-Produkte, mit der er schon im WDR-Fernsehen zu Gast war, zu Gehör. Er gewann damit schnell die Sympathien der Zuhörer. Im ersten Durchgang bekam er die höchste Wertung. Michael stand damit schon bald als einer von drei Finalisten fest.
In die Endrunde wurde er von Billy Reuschel begleitet, der darüber berichtete, wie er versucht, Worte zu Texten zu formen. In einem weiteren Beitrag erzählt er mit poetischer Kraft über "Zeilen an mich".
Als dritten Finalteilnehmer bestimmte die Jury Benny Reichstein. In seiner Ballade mit dem Refrain: "Mein Leben ist wie eine Autokorso voller Filmzitate, spontaner Eingebungen und Musik" entwarf er ein Manifest an das Leben. Bei den Gästen im Saal kam dies offensichtlich gut an.
Sehr bewegende Gedichte hatte ein junger Mann namens Jaan ins Stoffwerk mitgebracht. In "Kleine Schwester, wein doch nicht" fasste er in wunderbarer und zum Nachdenken anregender Weise Gedanken über das Erwachsenwerden zusammen. Allerdings verpasste er knapp die Endrunde.
Die Farbe Braun
Den zweiten Teil des Abends begannen Pascal Bächer (Gesang) und Sebastian Will (Gitarre) mit zwei Liedern, ehe sie das Feld wieder den Slamern überließen. Nun war Billy als Erster an der Reihe. In seinen Betrachtungen über "Rot" stellte er fest: "Wenn Schwarz, Rot und Gold gemischt werden, entsteht die Farbe Braun." Thema war staatlich verordnete Zwangsarbeit, bei der die Würde des Menschen antastbar ist. Zum Piratentum im Internet bekannte sich Benny; im freien Vortrag machte er sich Gedanken über das Urheberrecht.
Mit "Etwas Versautem" wartete nun Michael auf. In einer hervorragenden Performance bezeichnete er sich als ein zum "Treiben getriebenes Testosteronopfer". Überraschende Reimwendungen und seine schauspielerischen Fähigkeiten waren für eine Menge Lacher gut.
Applaus als Gradmesser
Noch mehr Applaus, der im zweiten Teil als Gradmesser für die Platzierungen zählte, erhielten seine beiden Mitstreiter. Erst nach mehrmaligem genauen Hinhören auf die Beifallsbekundungen stand mit Benny Reichstein der Sieger des ersten Helmbrechtser Poetry Slam fest.
Dieser war eine Bereicherung der schon üppigen Helmbrechtser Kulturlandschaft. Künstler und Zuschauer waren sich einig, die Premiere war gelungen, die Reihe muss fortgesetzt werden. Und vielleicht stehen ja schon beim nächsten Mal Lokalmatadoren auf dem Podium. Werner Bußler
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