Sparneck - Unter den Menschen in Sparneck gärt es. Die Erschütterung der Kirchengemeinde durch die Suspendierung ihres Pfarrers Hermann Welzel strahlt längst auf das gesamte Gemeindeleben aus. Das offenbarte eine mehr als zweistündige, zum Teil sehr emotional geführte Veranstaltung am Dienstagabend im Gemeindehaus. So sagte ein junges Mädchen sogar, sie wolle sich "nur von Pfarrer Welzel konfirmieren lassen". Eingeladen zu der Gemeindeversammlung hatte der Münchberger Dekan Erwin Lechner.
Gekommen war auch Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner aus München; sie hatte eigens eine Sitzung des Landeskirchenrats verlassen, um selbst vor Ort darüber zu informieren, warum die Kirche angesichts des Vergehens des Pfarrers vor mehr als 23 Jahren so entscheiden musste. Bekanntlich hat der 54-jährige Seelsorger zugegeben, Mitte der Achtzigerjahre mit einer Konfirmandin eine intime Beziehung gehabt zu haben.
Rückblick: Der Kirchenvorstand in Sparneck hatte nach Bekanntwerden der Suspendierung zu einer Solidaritätsveranstaltung aufgerufen. 580 Menschen versammelten sich am vergangenen Samstag in der Kirche, um für Hermann Welzel zu beten. Im Rahmen einer Unterschriftenaktion haben sich zudem mehr als 1000 Menschen hinter den 54-jährigen suspendierten Pfarrer gestellt, der seit 23 Jahren im etwa 2000 Einwohner zählenden Sparneck als Seelsorger tätig ist.
"Klima der Angst"
Und dann am Dienstag: Gerhard Loy, Kirchenvorstandsmitglied und Bürgermeister, bekräftigte im Rahmen der Versammlung noch einmal, dass sich Sparneck "durch die vorbildliche Pflichterfüllung von Pfarrer Welzel in all diesen Jahren zu einer sehr lebendigen Gemeinde entwickelt hat". Nicht nur er fürchte, dass die Gemeinschaft "leblos" werde.
Und uneins und offenbar zerstritten, wie der Sparnecker Klaus Hoechstetter nach Loy betonte. Er nannte die Situation im Ort "unerträglich". Er habe ein "Klima der Angst" ausgemacht, sagte er weiter. Angst, die viele ihre Unterschrift unter den Solidaritätsappell habe setzen lassen, "obwohl sie es eigentlich nicht wollten". Er sagte, es sei "schlicht nicht wahr", wenn der Kirchenvorstand in seinem Aufruf von "allen Sparneckern" rede. Es gebe viele, die die Jahre mit dem Pfarrer hätten "erdulden müssen". Bis heute seien seit dem Pfarrerwechsel vor 23 Jahren "tiefe Verletzungen zurückgeblieben". Er warnte davor, dass man in Sparneck weiter versuche, aus dem Täter ein Opfer und aus dem Opfer eine Täterin zu machen. Er schloss seine in zehn Punkten gefassten Ausführungen mit dem Satz: "Ich hoffe, ich kann hier leben bleiben."
Erstmals sind diese gegensätzlichen Strömungen im Ort am Dienstagabend öffentlich aufeinander getroffen. "...und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens." Wohl nicht ganz zufällig, sondern mit viel Fingerspitzengefühl hat Dekan Lechner gerade diesen Vers aus dem Epheserbrief in seiner Begrüßung thematisiert.
Abermals gut 200 Menschen zog es ins Gemeindehaus, darunter Präparanden und Konfirmanden, Eltern, junge und ältere, Kirchgänger und solche, die nur selten einen Gottesdienst besuchen, Sparnecker, aber auch Menschen, die aus anderen Gemeinden herübergekommen waren, um aus erster Hand informiert zu werden. Sie erwarteten Klartext.
Regionalbischöfin Greiner verlas hierzu einen Text, der, wie sie sagte, sowohl mit dem Anwalt von Pfarrer Welzel als auch mit dem Opfer abgestimmt sei. Nach den Aussagen des Opfers und dem vorliegenden Geständnis handele es sich nach der Rechtslage um "schweren sexuellen Missbrauch". Der Landeskirchenrat habe die Dienstag vor einer Woche vollzogene Suspendierung bestätigt. Die Entbindung von den kirchlichen Pflichten und Aufgaben sei "in großer gemeinsamer Traurigkeit geschehen".
Greiner stellte klar, dass es viel besser gewesen wäre, wenn die Sachverhalte schon damals ans Tageslicht gekommen wären, und nicht erst durch den anonymen Hinweis, der nicht vom Opfer stamme. Aber diese Frau sei heute "dankbar, dass durch die Anzeige die ganze Sache an die Öffentlichkeit kam". Es sei ihr eine Last genommen worden.
Die Regionalbischöfin sagte weiter, die Kirche habe nicht früher reagieren können, weil "die Landeskirche keine Kenntnis davon hatte". Auf den Einwand aus dem Publikum, dass es der ganze Ort, in dem Welzel damals tätig war, gewusst habe, antwortete sie: "In den Akten stand nichts." Zurzeit sei man dabei, zu klären, ob der damalige Hofer Dekan etwas wusste. Rückfragen beim damaligen Regionalbischof hätten ergeben, dass eine Versetzung aus Eheproblemen erfolgt sei, dies legten auch die schriftlichen Dokumente nahe.
Greiner erklärte, dass die "gravierendsten Vorkommnisse nach heutigem Kenntnisstand erst kurz nach dem Stellenwechsel geschahen", in der Gemeinde also, in der Pfarrer Welzel vor Sparneck tätig war. Diese konnten deshalb gar nicht Ursache für den Stellenwechsel gewesen sein. Damit werde dem Argument der Boden entzogen, es habe sich um eine Strafversetzung gehandelt.
Normalerweise, sagte die Regionalbischöfin, landeten im Dekanat anonyme Hinweise im Papierkorb. In einem solchen Fall jedoch habe man handeln müssen. "Der Sachverhalt Missbrauch ist zu sensibel." Oft würden Menschen, die als Kind missbraucht wurden, ein Leben lang darunter leiden. "Ein Bagatellisieren solcher Taten würde neuen Taten Vorschub leisten", warnte sie. Um das Vertrauen, das Menschen in die Kirche haben, nicht zu verspielen, könne es nur eines geben: "Nicht bagatellisieren, sondern seriös aufarbeiten und Konsequenzen ziehen."
Ihr tue es leid für die Familie und die Gemeinde, sagte sie weiter. Der Pfarrer habe durch seine "liebevolle Art und seinen Umgang mit Menschen tiefe Verbindungen wachsen lassen". Sie sei der Gemeinde dankbar, dass sie den Pfarrer und seine Familie in dieser "schweren Situation" unterstützt. "Die Vergebungsbereitschaft", schloss sie, "beweist sich aber im solidarischen Durchstehen mit allen, die von einem solchen Vorgang betroffen sind - und eben nicht mit einem ,Schwamm drüber'."
Ausdrücklich betonte in der folgenden Diskussion Dr. Rumpf, dass sicher keiner in Sparneck in Abrede stelle, dass sexueller Missbrauch von Kindern eine Straftat ist. Wie er den Pfarrer kennengelernt habe, passe es zu dem Menschen Welzel, dass er - mit der Tat konfrontiert - gestanden und sich nicht davor versteckt habe, sagte er weiter. Zwar glaube er wohl, dass die Landeskirche von nichts wusste, "aber im Dekanat muss es jemand gewusst haben". Er habe das Gefühl, damals seien Fehler gemacht worden, die man heute ohne Rücksicht der Fürsorge für die Familie korrigieren wolle.
Regionalbischöfin Greiner sagte mit Blick auf die Ausführungen Rumpfs, dass viele in Sparneck doch bitte nicht immer das Opfer ausblenden sollten. "Es handelte sich um ein Kind. Zum Zeitpunkt, als die Beziehung aufgenommen wurde, war das Mädchen zwölf Jahre alt." Sie habe viele Briefe erhalten, in denen das Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht werde, warum die Menschen in Sparneck ihren Pfarrer so schützen können.
Bei Dekan vorstellig gewesen
Ein Mann meldete sich zu Wort: Er selbst sei, als er 1985 von den Gerüchten in der Gemeinde hörte, zum Hofer Dekan gegangen und habe ihn informiert. Dieser habe ihn jedoch mit dem Satz weggeschickt: "Aber Herr Sonntag, was wollen Sie denn, das sind doch junge Leute." Er sei anschließend auch noch zum Vertrauensmann des Kirchenvorstands gegangen. Dieser habe ihm versichert, sich der Sache anzunehmen.
Tatsächlich finden sich laut Dekan Lechner dazu Aussagen in den Protokollen. Allerdings, sagte Lechner weiter, sei der Vertrauensmann kurze Zeit später aus dem Kirchenvorstand ausgetreten, und die Sache sei "als Gerücht abgetan worden". Lechner nannte zudem einen Grund, weshalb nichts nach oben durchdrang. Vorsitzender eines Kirchenvorstands sei in der Regel der Pfarrer. So sei es auch in diesem Fall gewesen.
Eine Frau sagte, dass man die Unterstützung des Kirchenvorstands für Pfarrer Welzel nicht mit der Billigung des Missbrauchs verwechseln dürfe. Es sei eben nur verwunderlich, dass gerade jetzt dieser Fall, "von dem alle wussten, als Welzel kam", nun solche Folgen nach sich ziehe.
Dekan Lechner sagte, er habe mit den Menschen, die damals im Kirchenvorstand waren, gesprochen: "Da hat keiner etwas gewusst." Dass es manche im Ort gewusst haben, wolle er nicht ausschließen. Konkretes jedoch sei wohl nicht bekannt gewesen, es habe nur immer geheißen: "Irgendwas war."
Suche nach dem Miteinander
Greiner verteidigte im Übrigen noch einmal die Vorgehensweise: "Es lag ein Sachverhalt auf dem Tisch, den die eingeleiteten Ermittlungen bestätigten. Danach folgte die Entbindung von den Dienstpflichten." Zwei Gründe nannte sie für die letztere Entscheidung: Zum einen die Schwere des Dienstvergehens, zum anderen wäre wohl niemand mehr in der Lage, unter diesen Umständen als Pfarrer das Evangelium auszulegen. Den Schritt, am selben Tag nicht nur den Pfarrer und den Kirchenvorstand, sondern auch die Medien zu informieren, nannte sie notwendig.
Einige Zwischenrufer, die auch dem Opfer und deren Eltern eine Teilschuld zuweisen wollten, wies ein Mann in die Schranken. Er sagte: "Selbst wenn das Opfer dies provoziert hätte, dann darf kein Pfarrer, kein Lehrer, überhaupt kein Erwachsener sich darauf einlassen. Das ist verboten."
Ein Mann, der, wie er sagte, ein gutes freundschaftliches Verhältnis zu Hermann Welzel pflege, rief alle zur Mäßigung auf: "Es ist nicht im Sinne von Hermann, dass wir uns nun zerfleischen und damit zerstören, was er in 23 Jahren aufgebaut hat."
Diese Mahnung nahm Dekan Lechner im Schlusswort auf. Er hoffe, dass man in Sparneck wieder das Miteinander suche und finde. Ob in einer politischen Gemeinde, einer Lebens- oder Kirchengemeinschaft gehöre es eben auch dazu, "sich manchmal zu ertragen".
Das Pflänzchen Hoffnung, Pfarrer Welzel könne nach dem kirchlichen Disziplinarverfahren auf die Pfarrstelle zurückkehren, ließ Greiner nicht keimen. "Ohne dem Urteil vorgreifen zu wollen, aber das wird nicht gehen."
Nach dem gemeinsamen Vaterunser traten viele schweigend und nachdenklich hinaus in das Dunkel der Nacht.



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