Bad Alexandersbad - Eine Stecknadel könnte man fallen hören, so still ist es im Saal. Charlotte Knobloch spricht leise. So leise, dass jemand aus dem Publikum bittet, man möge doch das Mikrophon richtig einstellen. Doch es ist nicht nur Knoblochs sanfte Stimme, sondern auch das ernste Thema, das die Zuhörer im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Alexandersbad so aufmerksam macht. Die Rednerin warnt davor, die Gefahren zu unterschätzen, die vom Rechtsextremismus ausgehen.

"Stärke und Selbstbewusstsein sind die Grundlagen für Toleranz und Offenheit": Charlotte Knobloch.
Bild: Hermann Kauper
Es ist für sie unerträglich, dass die "braunen Rattenfänger" noch immer fast wöchentlich in irgendeiner Stadt aufmarschieren und gegen Juden und andere Minderheiten hetzen. Ebenso untragbar sei es, dass der Wahlkampf der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) auch noch mit Steuergeldern unterstützt wird. "Wir finanzieren und bekämpfen sie gleichzeitig, das ist wahrhaft eine verkehrte Welt", klagt die 76-jährige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Es müsse erneut ein Verbotsverfahren gegen die NPD eingeleitet werden. Diesmal allerdings mit einer besseren Vorbereitung. 2003 war ein Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht gescheitert, weil etliche NPD-Funktionäre als V-Leute im Dienste des Verfassungsschutzes standen. Seitdem ist die Politik bei diesem Thema vorsichtig geworden, um sich keine erneute juristische Schlappe einzuhandeln.
Schmerzhafte Erfahrungen
Die Wahlerfolge der NPD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen hält Knobloch für alarmierend. Das zeige, wie rechtes Gedankengut in Ostdeutschland immer mehr gesellschaftsfähig werde. "Das Gefährliche ist, dass aus den einstigen Protestwählern Stammwähler der Rechten geworden sind", mahnt die Rednerin.
Knoblochs Sorge erklärt sich aus ihren Amtspflichten als oberste Repräsentantin der Juden in der Bundesrepublik, aber vor allem aus ihrer eigenen Vergangenheit. Ihr Vater Fritz Neuland war ein deutscher Jude. Ihre Mutter war wegen ihm zum Judentum konvertiert, ließ sich aber später von ihm scheiden, als die Schikanen der Nazis gegen sogenannte Mischehen zunahmen. Die kleine Charlotte wuchs bei ihrer Großmutter Albertine Neuland auf. Ihre geliebte Oma wurde später deportiert und im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Charlotte wurde bei Freunden von Verwandten im mittelfränkischen Herrieden versteckt. Die strenggläubige katholische Familie gab sie als uneheliches Kind aus und so überlebte das Mädchen den Nazi-Terror.
Diese Erfahrungen haben Charlotte Knobloch geprägt. "Ich weiß, wie sich Terror- und Todesangst anfühlen", sagt sie. Ihr Mann Samuel habe mit ansehen müssen, wie sein Vater von den Nazis erschossen wurde. Es ist Knoblochs Stärke an diesem Tag, dass sie über schmerzhafte Themen spricht, ohne anzuklagen. Sie betont, dass den jungen Generationen in Deutschland keine Schuldgefühle eingeimpft werden sollen. "Ich wünsche mir einen gesunden, einen aufgeklärten Patriotismus." Jugendliche sollen ihrer Ansicht zu "wahren Demokraten" erzogen werden. Dazu gehöre es vor allem, Respekt gegenüber anderen zu zeigen. "Stärke und Selbstbewusstsein sind die Grundlagen für Toleranz und Offenheit."
Knobloch freut sich über eine "Renaissance des Judentums in Deutschland". Besonders der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sei es zu verdanken, dass das Judentum wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückgekehrt ist. Die jüdischen Gemeinden etwa in Bayreuth, Weiden oder Amberg würden ohne diese Zuwanderer gar nicht mehr existieren, berichtet die Präsidentin. Die Integration ist ihrer Ansicht nach auf einem guten Weg, auch wenn es manche Schwierigkeiten gebe. Knobloch nennt hier vor allem Verständigungsprobleme aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und Arbeitslosigkeit.
Einnehmend ist Knobloch in Alexandersbad vor allem dann, wenn sie spontan reagiert. Als sich ein frisch gebackener Abiturient bei der Diskussionsrunde darüber beklagt, dass die politische Bildung selbst an Gymnasien viel zu kurz komme und mancher Absolvent nicht einmal wisse, wie das deutsche Wahlsystem funktioniert, lächelt die 76-Jährige. Sie beglückwünscht ihn erst einmal zum bestandenen Abitur und wünscht ihm viel Erfolg und Gottes Segen für die Zukunft, ehe sie auf seine sachlichen Ausführungen eingeht: "Wir brauchen ein Unterrichtsfach, das gezielt politische Bildung vermittelt."
Charlotte Knobloch ist klein und zierlich. Doch unterschätzen sollte man sie deshalb nicht. Wenn sie etwas aufregt, wird sie zur Kämpferin. Und dann schlägt sie durchaus schärfere Töne an. Zum Beispiel in Richtung Vatikan. Die Zentralrats-Präsidentin spricht ausdrücklich vom Vatikan, nicht von der katholischen Kirche.
Gleichwertige Partner
Der 76-Jährigen missfällt, dass "heute einer Geringschätzung des Judentums das Wort geredet wird". Es sei unverständlich, warum sich der Papst nicht deutlich von der traditionalistischen Pius-Bruderschaft und von dem britischen Holocaust-Leugner Williamson distanziere. Auch die Aufforderung zur Judenmission belaste das Verhältnis zwischen beiden Glaubensrichtungen.
Toleranz ist für Knobloch der Schlüssel für einen erfolgreichen christlich-jüdischen Dialog. Für die Präsidentin bedeutet das, sich als gleichwertiger Partner zu begegnen. Als Partner, die auch einmal Meinungsverschiedenheiten aushalten können. "Das Verhältnis zwischen Judentum und evangelischer Kirche steht auf einem soliden Fundament", hebt Knobloch hervor. Sie hoffe, dass sie ein solches Lob auch einmal dem Vatikan aussprechen könne. Jetzt ist allen 120 Gästen klar, weshalb die Zent-ralrats-Chefin als resolut und durchsetzungsstark gilt. Eben nicht jeder braucht dazu eine laute Stimme.











