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Erschienen am 19.08.2009 00:00
"Einstiegsalter liegt bei zwölf Jahren"
Komasaufen | Immer mehr Jugendliche trinken regelmäßig Alkohol. Dr. Johannes Steinmann, leitender Arzt der Klinischen Suchtmedizin am BKH Bayreuth, klärt auf.
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Vor allem in der Gruppe greifen Jugendliche zur Flasche - oft zu Hochprozentigem. Aus Spaß wird schnell Ernst. Nicht selten enden die Alkoholexzesse auf der Intensivstation.
Bild: dpa
Herr Dr. Steinmann, 2008 wurden 23 000 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftungen im Krankenhaus behandelt. Wie beurteilen Sie die Situation?

Das sind 143 Prozent mehr Jugendliche als 2000. Das Komasaufen ist kein neues Phänomen, aber es nimmt stark zu. Auffällig ist vor allem, dass sich die Altersgrenze derjenigen, die regelmäßig Alkohol trinken, nach unten verschiebt. Während das Einstiegsalter vor 30 Jahren bei 15 lag, liegt es jetzt bei 12 oder 13 Jahren.

Wie lässt sich das erklären?

Motive sind in erster Linie, Spaß in der Gruppe zu haben und Neugierde. Durch Alkohol versuchen Jugendliche, ihre Probleme zu vergessen. Existenzängste kommen durch die aktuelle Krise hinzu. Dennoch gehört das Experimentieren zur Jugendzeit dazu. Es geht nicht darum, alles zu verteufeln, sondern um Aufklärung.

Wann spricht man von einem Rausch?

Man spricht vom Rauschtrinken, wenn fünf oder mehr Standardeinheiten hintereinander getrunken werden - eine Standardeinheit sind zwölf Gramm reiner Alkohol -, also fünf Schnäpse, ein halber Liter Wein, eineinhalb Liter Bier oder mehr.

Wann ist Alkoholkonsum gesundheitsgefährdend?

Laut der Weltgesundheitsorganisation sind Männer, die täglich mehr als 24 Gramm reinen Alkohol trinken, gefährdet, bei Frauen reicht die Hälfte.

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Behandeln Sie in der klinischen Suchtmedizin alkoholabhängige Jugendliche?

Ja. Doch Extremfälle, in denen unter 15-Jährige wegen einer Alkoholabhängigkeit behandelt werden müssen, kommen selten vor. 17- bis 18-Jährige, die regelmäßig trinken, zeigen hingegen des Öfteren klare Entzugserscheinungen. Kinder und Jugendliche können auch in unserer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden, zu der auch die Tagesklinik in Hof gehört.

Typische Entzugserscheinungen sind?

Starkes Zittern, Schweißausbrüche, ein hochroter Kopf, hoher Blutdruck und Puls. Zudem können auch Krampfanfälle auftreten.

Wie sieht die Therapie aus?

Die reine körperliche Entgiftung dauert zwei Wochen. Danach sollte sich eine Langzeittherapie anschließen, in der die Patienten lernen, ihre Probleme ohne Alkohol zu lösen.

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Dr. Johannes Steinmann
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Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie ihr Kind aus der Klinik abholen müssen?

Zunächst sollten sie Ruhe bewahren, das intensive Gespräch suchen und Hilfe in Anspruch nehmen. Verbote nützen nichts. Das Projekt "HaLT - Hart am Limit", das es auch am Sana-Klinikum in Hof gibt, ist eine gute Sache. Sozialpädagogen sprechen mit den Kindern noch in der Klinik.

Reagieren junge Leute anders als Erwachsene auf viel Alkohol?

Ein junger Mensch verträgt grundsätzlich weniger Alkohol als ein Erwachsener. Die Enzyme, die den Abbau von Alkohol regeln, bilden sich erst. Die Wirkung setzt eher ein.

Welche bleibenden Schäden gibt es?

Folgen akuten Alkoholmissbrauchs treten meist erst Jahre später auf. Es kann zur Leberzirrhose kommen, zur Schädigung der Bauchspeicheldrüse, des Gehirns oder des Knochenmarks. Es gibt aber auch unmittelbare Folgen. Zum Beispiel kann man im betrunkenen Zustand an seinem Erbrochenen ersticken oder es kann akute Komplikationen im Herz-Kreislauf-System geben. Zudem steigt die Bereitschaft, Gewalttaten zu begehen, aber auch das Risiko, Gewalttaten zum Opfer zu fallen.

Spielt die Gesellschaftsschicht eine Rolle?

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass ein niedrigerer sozialer Status eine Rolle spielen kann, insbesondere, wenn auch die Eltern viel trinken.

Was fordern Sie vom Staat?

Vor allem mehr Aufklärung. Die Alkoholwerbung sollte kritisch überdacht werden. Bestehende Möglichkeiten müssten massiver umgesetzt werden, die gesetzlichen Grundlagen gibt es, zum Beispiel, dass kein Alkohol an offensichtlich betrunkene Personen ausgeschenkt werden und nichts Hochprozentiges an unter 18-Jährige verkauft werden darf. Schärfere Kontrollen könnten hilfreich sein, auch um mehr Bewusstsein zu schaffen.

Das Gespräch führte Kristina Künzel. 

 
 

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Kommentare zum Artikel

  • von muetze am 19.08.2009 09:30
    Ich bin mal gespannt...
    ...wann wir es als Gesellschaft lernen, vernünftig mit unseren sozial anerkannten Drogen umzugehen. Hallo, Evolution, es wird Zeit für den nächsten Bewusstseinsschritt. Wahrscheinlich dauert das noch so lange, dass ich das gar nicht mehr mitbekommen kann.
    Die Mütze

  • von raoul_duke am 19.08.2009 11:53
    @ muetze
    Naja, das einzige, was die "Evolution" da wohl machen könnte ist das "Nichtmehrausschütten" von Adrenalin und Endorphine des Gehirns durch diverse Rauschzustände (von Alkohol über drogen zu Schkolade oder Sport). Das hat mit einer kurzlebigen Gesellschaft nicht sonderlich viel zu tun, wenn Menschen das machen, was sie vor tausenden Jahren auch schon getan haben.

  • von muetze am 19.08.2009 13:23
    @raoul_duke
    Schon klar, du hast Recht, wir trinken und "berauschen" uns (auch an Sport oder Sex) schon seit es uns gibt - unser Hirn will uns diese Dinge eben durch sein Belohnungssystem schmackhaft machen.
    Mir ging es eher darum, dass die ständige Verfügbarkeit von Rausch-Substanzen in unserer Gesellschaft einen klügeren Umgang mit ihnen einfordert. Nur haben wir bis jetzt leider keinen Weg dafür gefunden. So kommt's mir zumindest vor. Hätten wir ein vernünftiges Verhältnis zu den Alltagsdrogen, dann gäbe es Phänomene wie das Komasaufen vielleicht gar nicht.
    Nur so eine Idee.

  • von faulsack am 20.08.2009 07:12
    bunte Medienwelt
    Eventuell liegt es an dem krassen Unterschied was uns die Medien täglich vorzeigen und dem was in der Realität tatsächlich ist.

 

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