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Erschienen am 03.11.2009 06:05
In jedem Bach eine ganze Apotheke
Forschungsprojekt | Der Rote Main bei Bayreuth wird auf Medikamentenrückstände untersucht. Erste Zwischenergebnisse deuten auf beachtliche Mengen an Schmerzmitteln im Wasser.
Von Joachim Dankbar

Uwe Kunkel Bild vergrößern
Im Labor wertet Uwe Kunkel Tausende von Proben aus, die er und seine Mitarbeiter im Roten Main entnommen haben. Im Massenspektrometer erzeugt jeder chemische Stoff einen Ausschlag, an dem er identifiziert werden kann.
Bild: Joachim Dankbar
Bayreuth - Es fließt viel Wasser an einem Tag den Roten Main hinunter. Weit weniger bekannt: Es fließen auch viele Medikamente an jedem Tag den Roten Main hinunter. Den besten Überblick hierüber hat der Bayreuther Diplom-Geoökologe Uwe Kunkel. In seiner Doktorarbeit befasst er sich am Beispiel des Roten Mains damit, wie stark Bäche und Flüsse mit Medikamenten belastet sind, und wie die Fließgewässer damit fertig werden.

Dieses Thema gewinnt nicht nur bei Fachleuten immer mehr Aufmerksamkeit. Etliche Untersuchungen zeigen, dass Arzneimittel bei ihrer Verwendung im menschlichen Körper keineswegs abgebaut werden, sondern zu einem großen Teil über das Abwasser an die Umwelt abgegeben werden. Aus Heilmitteln werden auf dieses Weise Umweltgifte. Insbesondere besteht die Befürchtung, dass die Medikamente irgendwann auch ins Grundwasser eindringen. In diesem Fall könnte ein ganzer Cocktail von Arzneien aus dem Wasserhahn kommen und weiterwirken - dann aber ohne eine Verschreibung.

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Erste Zwischenergebnisse von Uwe Kunkels Arbeit belegen, dass man das Problem ernst nehmen muss. So ergaben die Messungen, dass an nur einem einzigen Tag bis zu 100 Gramm Diclofenac den Roten Main hinunter gehen. Enthalten ist dieser Wirkstoff in Schmerzmitteln wie "Voltaren". Als Tablette, Zäpfchen oder Hautgel wird Diclofenac vor allem bei Prellungen, Zerrungen, Rheuma und Arthrose eingesetzt. Der Schmerz in Bayreuth muss groß sein, denn die 100 Gramm im Main entsprechen etwa 1000 Tagesdosen von Erwachsenen. Dazu kommen noch einmal rund 100 Tagesdosen des Schmerzmittelwirkstoffs Naproxen ("Dolormin").

Grundlagenforschung

Das Untersuchungsgebiet des Bayreuther Wissenschaftlers umfasst 15 Flusskilometer des Roten Mains. Die erste Messstelle, an der automatisch Wasserproben angesaugt werden, ist unterhalb des Zulaufs der Kläranlage Bayreuth eingerichtet, die letzte oberhalb der Kläranlage bei Neudrossenfeld. So bekommt Kunkel ein gutes Bild davon, wie sich Medikamente im Bach verhalten und in welchen Maße sie abgebaut werden. Dabei handelt es sich um Grundlagenforschung, die eine Abschätzung des Gefahrenpotenzials erst möglich machen soll.

Freilandversuch Bild vergrößern
In einem Freilandversuch wollen Forscher der Uni Bayreuth herausfinden, wie der Rote Main mit der Belastung durch Arzneimittelreste fertig wird.
Bild:
Von höchstem Interesse ist dies vor allem für alle Wasserversorger. Bereits für seine Dip-lomarbeit bekam Kunkel daher einen Preis der Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfachs. Für diese Arbeit hatte Kunkel einen Bach unter Laborbedingungen nachgebaut. Ziel war es zu erforschen, in welchem Maße Arzneimittelrückstände einfach weitertransportiert oder im Flussbett eingebaut werden.

Die Ergebnisse der Messungen im Roten Main werden zwar erst 2011 vorliegen, so Kunkel, doch könne man zum gegenwärtigen Stand von einer akuten Gefahr zumindest für den Menschen nicht sprechen. Grund: Die Wirkstoffe wie Diclofenac werden im Main soweit verdünnt, dass man schon viele Tausend Liter des Flusswassers trinken müsste, um eine pharmazeutische Wirkung zu erzielen. Gerade Diclofenac ist so mobil, dass es vermutlich auch kaum in den Bachuntergrund eingebaut und dort angereichert wird; er fließt einfach weiter in Richtung Meer. Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht; nur im Sediment von Gewässern werden Schadstoffe überhaupt in einem spürbaren Umfang abgebaut.

Durch die Kläranlage

Für Kläranlagen gilt dies nicht; die meisten Medikamente, die Patienten vorwiegend mit ihrem Urin ausscheiden, werden unverändert wieder an den Bach weitergegeben. Unterhalb einer Kläranlage kann man also ein gutes Bild von Gesundheitszustand der Menschen oberhalb gewinnen. Auf den Papierstreifen eines Massenspektrometers erzeugt jeder der Wirkstoffe einen eigenen Zacken. Kunkel hat sich für seine Untersuchungen auf ausgesuchte Arzneien konzentriert. Neben Schmerzmitteln gehören dazu auch Antibiotika und Betablocker.

Auch sie werden in Bayreuth und seinem Oberland häufig eingesetzt. Erste Mengenbestimmungen gibt es von Bezafibrat, einem Wirkstoff, der in Bluttfettsenkern enthalten ist. Unter höheren Abflussbedingungen treiben im Roten Main täglich bis zu 40 Gramm vorbei - das entspricht immerhin der Tagesdosis für 100 Erwachsene.

 
 

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