Damals, mit 37 Jahren, war Jeanette Schweitzer gerade frisch geschieden und arbeitete als Verwaltungsleiterin bei einer saarländischen Baufirma. Eine vermeintlich nette Kollegin – zu spät stellte sich heraus, dass sie Scientologin war – empfahl ihr einen Kommunikationskurs für Führungskräfte in Frankfurt. „Wie komme ich mit anderen besser aus?“ – an das Thema erinnert sich Jeanette Schweitzer noch sehr genau. Auch daran, dass auf der Arbeitsmappe der Name des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard stand. „Das sagte mir gar nichts. Das Haus war sehr hübsch und die Leute sehr charmant. Ich hatte gleich das Gefühl, die nehmen mich an, so wie ich bin“, erinnert sich die 56-Jährige. 350 Mark kostete der Kurs. Dass im Lauf ihrer dreijährigen Scientology-Karriere Kosten in Höhe von 160 000 Mark für Seminare, sogenannte Clearings und Auditings – eine Art Psycho-Verhöre zur „Seelenreinigung“ und zum internen Aufstieg auf der Scientology-Karriereleiter – fällig werden würden, ahnte sie damals nicht. Scientology war für sie eine unbekannte Größe.
Unermüdlich unterwegs
Dass das heute anders ist, dazu hat Jeanette Schweitzer selbst maßgeblich beigetragen. Seit ihrem Ausstieg bei der Psycho-Sekte im Jahr 1992 ist die engagierte Frau unermüdlich unterwegs im In- und Ausland – in Schulklassen, bei Behörden, in Landtagen, bei der Polizei, bei Richtern und Staatsanwälten – und erzählt ihre Geschichte, klärt auf über das menschenverachtende System, das hinter Scientology steckt. „Wer mich anfragt, zu dem komme ich“, betont sie, obwohl das mitunter sehr anstrengend sei. Vor kurzem war sie in Tschechien, wo Scientology gerade die Religionszugehörigkeit beantragt hat.
Wolf im Schafspelz
Die Aufklärung über die „Psycho-Mafia“, wie sie es nennt, ist ihr zur Lebensaufgabe geworden – obwohl sie als Bilanzbuchhalterin noch voll berufstätig ist. „Mehr als 600 Menschen“, betont Jeanette Schweitzer, „habe ich in den vergangenen 16 Jahren aus der Organisation herausbegleitet.“
Wie ein Wolf im Schafspelz verstecke sich Scientology hinter vermeintlich menschenfreundlichen Parolen oder Internet-Adressen – www.sag-nein-zu-drogen.de oder www.jugend-fuer-menschenrechte.de seien nur zwei Beispiele dafür. Letztendlich nutze die Organisation alle möglichen Ziele als Köder, um die Menschen völlig unter Scientology-Kontrolle zu bringen und sie – zum materiellen Nutzen der Organisation – bis aufs Blut auszusaugen.
Jeanette Schweitzer selbst ist damals dem Scientology-Köder auf den Leim gegangen, ihre Person würde in einer Firma gebraucht, die nach „rein ethischen Prinzipien“ aufgebaut werden sollte. Damals sei sie intern schon als „Clear“ eingestuft gewesen – diese Stufe erreiche man, wenn man die Lehren Hubbards schon so weit verinnerlicht habe, dass man arbeite „wie eine gut geölte Maschine, perfekt funktionierend und sich selbst wartend“, zitiert Schweitzer die Definition eines „Clear“ aus dem Scientology-Dianetik-Buch.
Schweitzer sollte als kaufmännische Leiterin einer Stahlbau-Firma in Stuttgart arbeiten und hat dazu ihre Heimat verlassen. Heute weiß sie: „Es gehört zur Taktik von Scientology, die Menschen aus ihren Lebenszusammenhängen mit Freunden und Verwandten herauszureißen.“ Damals ahnte sie nicht mal, dass die – inzwischen liquidierte – Firma zum scientologischen Unternehmensverband WISE gehörte. In ihrer Funktion sollte sie Geldentnahmen für polnische Schwarzarbeiter in großem Stil decken und sie sollte die Bilanzen um rund 12 Millionen D-Mark fälschen. Weil sie sich strikt weigerte, landete sie an den Wochenenden im britischen Saint Hill, im „Religious Education College“ von Scientology. Schweitzer nennt es Straflager, wo Menschen in subtiler Art und Weise solange gedemütigt werden, bis ihr Wille gebrochen ist. Auch sie hatte sich bald wie eine Fliege im Spinnennetz in der Scientology-Ideologie verfangen. Dazu kam eine von der „Org“ geforderte 60-Stunden-Woche, der ständige Druck, weitere teure „Ethik-Kurse“ zu besuchen, obwohl sie faktisch pleite war, und die Situation in der Firma, an der – wie man ihr einredete – sie selbst schuld sei. Der Nervenzusammenbruch ließ nicht mehr lange auf sich warten.
Überzeugte Christin
Heute wandelt die ehemalige Scientologin auf neuen Wegen: Sie ist – wie übrigens viele Aussteiger – überzeugte Christin geworden. Dass sie über ihre Vergangenheit „ohne Angst“ sprechen kann, und dass sie immer wieder Kraft bekomme, andere Menschen über Scientology aufzuklären, verdanke sie „einem wunderbaren Gott und meinem Glauben, in dem ich mich sehr geborgen fühle“, sagt die 56-Jährige. Sie ist sich sicher: „Solange es Aufklärung gibt, wird Scientology in Europa nicht Fuß fassen.“
![]() |
|
|
|
||












