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Barack Obama ist von Januar nächsten Jahres an der 44. Präsident der Vereinigten Staaten und für viele Amerikaner ein Hoffnungsträger. Der Bayreuther Amerika-Fachmann Professor Dr. Michael Zöller warnt indes im Interview mit unserer Zeitung vor übertriebenen Erwartungshaltungen gegenüber dem neuen Präsidenten.
Herr Professor Zöller, immer wieder wird von einem historischen Sieg Obamas gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja. Zum einen, weil Obama der erste afro-amerikanische Präsident in der Geschichte des Landes ist. Und zum anderen, weil von der Wahl Obamas eine erhebliche sozialpsychologische Wirkung ausgeht. Sie ist für viele US-Bürger der Beweis dafür, dass sich der amerikanische Traum vom Aufstieg tatsächlich für jeden erfüllen kann. Vor allem für die schwarze Bevölkerung geht dadurch das Signal aus, dass es jeder ganz nach oben schaffen kann.
Obama wird gerne mit dem legendären John F. Kennedy verglichen. Gibt es tatsächlich Parallelen?
Kennedy war sehr geschickt darin, sich als neuer Typ von Politiker zu inszenieren – als jemand, der über den üblichen Machtkämpfen steht und unabhängig auch von seiner Partei ist. Ähnliches gilt für Obama. Und auch die starke Anziehungskraft auf die Jugend und die bisweilen pseudoreligiöse Sprache sind beim neuen Präsidenten ebenso vorhanden wie einst bei Kennedy. Übersehen wird manchmal, dass beide sehr wohl eine ganz normale Politikerkarriere hinter sich gebracht haben. Auch Obama hat auf seinem Weg nach oben innerparteiliche Konkurrenten eiskalt ausgeschaltet.
Die Erwartungshaltungen gegenüber dem neuen Präsidenten sind riesig. Sind Enttäuschungen daher nicht programmiert?
Diese Gefahr sehe ich. Er muss seine oft wenig konkreten Wahlkampfaussagen nun relativ schnell mit Substanz füllen und konkrete Ergebnisse vorweisen, sonst ist sein Charisma schnell verbraucht. Die Amerikaner trauen erstaunlicherweise offensichtlich den Demokraten eher zu, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, als den Republikanern. Aber ich befürchte, dass Obama allzu sehr auf abgenutzte Konzepte aus der „New Deal“-Ära (Bündel von Sozial- und Wirtschaftsreformen in den 1930er Jahren unter Präsident Roosevelt, Anm. d. Red.) setzt.
Das heißt konkret?
Eine aktivere Rolle des Staates allein reicht nicht aus, um die Wirtschaft aus der Krise zu holen. Das war auch unter Roosevelt lediglich eine Wunschvorstellung. Es gibt Anzeichen dafür, dass Obama protektionistische Schritte einleiten möchte, um beispielsweise die heimische Landwirtschaft oder Stahlindustrie vor ausländischer Konkurrenz abzuschotten. Das würde zu Handelskonflikten mit der EU führen. Möglicherweise will er auch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) neu verhandeln und zugunsten der USA einschränken. Auch die Ankündigung, ein Konjunkturprogramm für die US-Autoindustrie aufzulegen, könnte zu einem gefährlichen Subventionswettbewerb führen, weil dann andere Länder, darunter auch Deutschland, nachziehen müssten.
Was kommt außenpolitisch auf die Europäer und speziell auf Deutschland zu?
Entgegen den Erwartungen vieler Europäer werden die USA unter Obama keineswegs so viel multilateraler handeln als unter George W. Bush, aber der Umgangston wird moderater und verbindlicher werden. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die Forderungen der USA etwa nach einem größeren Beitrag Deutschlands als NATO-Partner in Afghanistan abzulehnen. Denn die Vorbehalte gegenüber dem weitgehend unbeliebten Bush und seiner Regierung fallen nun als Rechtfertigungsgrund weg.
Im Übrigen gilt: Die USA waren immer bereit dazu, notfalls im Alleingang zu handeln, wenn sie ihre Interessen berührt sahen. Das wird auch unter Obama so sein.
Der wachsende Druck auf Deutschland bedeutet auch schwere Zeiten für die Kanzlerin.
Anders als Bush wird Obama wohl weniger Rücksicht darauf nehmen, wie schwer derartige unbequeme Forderungen für Merkel innenpolitisch durchzusetzen sind.
Die USA waren „über viele Jahrzehnte lang ein gütige Supermacht“, wie es der Historiker Emmanuel Todd formuliert. Sind diese Zeiten endgültig vorbei?
Zuletzt waren es osteuropäische Staaten wie Polen, Lettland oder Tschechien, die nach dem Ende des Kommunismus unter dem Schutz der USA ihre Freiheit erlangten. Es war sozusagen eine Wiederholung der deutschen Geschichte. Die Loyalität dieser Staaten gegenüber den Amerikanern ist ebenso wie die Dankbarkeit vieler Deutscher aus der älteren Generation, die nach dem Krieg beim Wiederaufbau des Landes von den Vereinigten Staaten unterstützt und beschützt wurden, noch immer vorhanden.
Aber besonders in Deutschland machte sich in den vergangenen Jahren zunehmend eine antiamerikanische Stimmung breit. Ist das allein auf die Bush-Regierung zurückzuführen?
Viele sagen zwar, sie hätten lediglich eine Aversion gegen Bush, aber auch bei meinen Vorträgen merke ich immer wieder, dass bei etlichen Deutschen eine generelle Abneigung gegenüber der amerikanischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung vorhanden ist. Die Formel „Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse“, die auch von jedem Politiker verwendet wird, wenn ihm nichts mehr anderes einfällt, ist ein Paradebeispiel dafür. Manche sind stark ideologisch ausgerichtet und sind von der Überlegenheit unseres Modells des rheinischen Kapitalismus gegenüber dem liberalen Kapitalismus amerikanischer Prägung überzeugt.
Was ist so schlimm daran an ein System zu glauben, das auf sozialen Ausgleich bedacht ist?
Erstens wird oft vergessen, dass auch die USA ein Sozialsystem haben, für das sie prozentual kaum weniger ausgeben als die Bundesrepublik. Zweitens wird bei der ideologisch geführten Diskussion in den Hintergrund gedrängt, dass unser bisheriges System reformiert werden muss, weil es auf Dauer nicht mehr finanziert werden kann. Unser Rentensystem zum Beispiel können wir schon allein aufgrund der demografischen Entwicklung nicht so weiterführen wie bisher. Die USA hätten dieses Problem übrigens nicht, weil sie eine wesentliche jüngere Gesellschaft haben.
Für Überheblichkeit und Amerikafeindlichkeit gibt es also keinen Anlass?
Nein, überhaupt nicht. Es ist schockierend für mich, wenn ich Umfragen betrachte, in denen Bush mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad oder gar Osama Bin Laden auf eine Stufe gestellt wird. Wir greifen damit auch unsere eigene Lebensform an. Schließlich gibt es zwischen uns und den USA einen beträchtlichen gemeinsamen Wertekonsens. Wen sollten wir denn sonst zu unseren Verbündeten zählen?
Das Gespräch führte Matthias Will


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